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Forschung

Autismus im Alltag: Neue Studie zeigt Hürden in Schule, Arztpraxis und Behörden

Ein Arzttermin, der Einkauf im Supermarkt oder ein Gespräch auf dem Amt: Was für viele Menschen nach Routine klingt, kann für Menschen mit Autismus mit erheblichen Belastungen verbunden sein. Welche Barrieren besonders ins Gewicht fallen und wie sich der Alltag zugänglicher gestalten lässt, hat ein Forschungsteam in Österreich gemeinsam mit Betroffenen und Fachkräften untersucht. Die am 16. Oktober 2026 veröffentlichte Studie zeigt nicht nur Probleme auf. Sie beschreibt auch konkrete Projekte, die aus der Zusammenarbeit entstanden sind.

Nicht nur über Menschen mit Autismus forschen, sondern mit ihnen

Das Forschungsteam um Lukas Wohofsky von der Fachhochschule Kärnten verfolgte einen beteiligungsorientierten Ansatz. Menschen mit Autismus, Angehörige und Fachpersonen sollten nicht nur Auskunft über Schwierigkeiten geben, sondern selbst entscheiden, welche Lösungen sie entwickeln möchten.

Am Anfang stand eine Befragung von 55 Personen. Darunter waren 15 Menschen mit Autismus, acht informell unterstützende Angehörige beziehungsweise Bezugspersonen und 18 beruflich Unterstützende. Weitere 14 Personen machten keine Angabe zu ihrem Bezug zum Thema. Die Antworten spiegeln deshalb unterschiedliche Perspektiven wider. Sie sind keine repräsentative Erhebung unter Menschen mit Autismus.

Anschließend entstanden sechs Arbeitsgruppen zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Behördenkontakten, Einkaufen, Arbeitsleben sowie Information und Austausch. Insgesamt beteiligten sich zeitweise 40 Personen; am Projektende arbeiteten noch 28 mit, darunter acht Menschen mit Autismus. Die Gruppen legten ihre Ziele und Arbeitsschritte weitgehend selbst fest.

Wo die Belastung im Alltag besonders groß war

In der Befragung wurden verschiedene Lebensbereiche auf einer Skala von 1 (angenehm) bis 10 (stark belastend) eingeschätzt. Soziale Kontakte erreichten im Durchschnitt 7,9 Punkte, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel 7,7 und der Bildungsbereich 7,5. Behördenkontakte und Gesundheitsversorgung lagen jeweils bei 7,4 Punkten.

Hinter diesen Zahlen standen unterschiedliche Erfahrungen. Genannt wurden überfüllte Räume, Lärm, unerwartete Änderungen und unklare Abläufe. Im Kontakt mit Behörden belasteten beispielsweise lange Wartezeiten und Schwierigkeiten bei der Orientierung. Für Arztbesuche berichteten Teilnehmende unter anderem von Kommunikationshürden und mangelndem Wissen über Autismus bei Fachpersonal.

Die Werte beschreiben die Einschätzungen dieser kleinen, gemischten Befragtengruppe. Sie sagen nicht aus, dass jeder Mensch mit Autismus dieselben Situationen als gleichermaßen schwierig erlebt. Sie machen aber deutlich, an welchen Stellen die Beteiligten Veränderungsbedarf sahen.

Von Unterrichtsmaterial bis zur Unterstützung beim Einkaufen

Die Arbeitsgruppen entwickelten praktische Angebote, statt es bei allgemeinen Empfehlungen zu belassen. Für Schulen und Einrichtungen entstanden Informations- und Sinnesmaterialien. Nach Angaben der Forschenden wurden 396 Materialboxen zusammengestellt und in Kärnten verteilt. Zusätzlich erarbeitete eine Bildungsgruppe einen Leitfaden mit Hinweisen zur Unterrichtsgestaltung, zur Unterstützung von Schülerinnen und Schülern mit Autismus und zu möglichen Anpassungen bei Prüfungen.

Eine weitere Gruppe stellte einen regionalen Wegweiser für Gesundheitsangebote zusammen, die auf die Bedürfnisse von Menschen mit Autismus eingehen sollen. Grundlage waren unter anderem Erfahrungen von Betroffenen und weiteren Beteiligten mit medizinischen Fachpersonen. Der Wegweiser ist ein lokales Projektergebnis, kein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis für die aufgeführten Angebote.

Für Behörden und andere öffentliche Stellen wurden Informationsbroschüren erarbeitet; mehr als 500 Exemplare wurden gedruckt und verteilt. Die Arbeitsgruppe zum Arbeitsleben entwickelte Materialien für Betriebe und für Menschen mit Autismus auf Arbeitssuche.

Auch eine Einkaufsbegleitung durch andere Menschen mit Autismus wurde erprobt. Das Angebot wurde während der zweimonatigen Pilotphase allerdings nur wenig genutzt. Das Konzept ging anschließend zur Weiterentwicklung an eine lokale Organisation. Gerade dieses Beispiel zeigt: Eine gut begründete Idee muss im Alltag nicht automatisch angenommen werden.

Was Schulen, Praxen und Behörden daraus mitnehmen können

Die Untersuchung fand in Kärnten statt. Ihre Ergebnisse begründen keine neuen Pflichten für Einrichtungen in Deutschland. Sie geben aber Anregungen dafür, wie Fachkräfte und Verantwortliche Barrieren gemeinsam mit Menschen mit Autismus identifizieren können.

In Schulen könnte das bedeuten, Abläufe frühzeitig und verständlich anzukündigen, Rückzugsmöglichkeiten zu besprechen und Unterrichts- oder Prüfungssituationen individuell zu gestalten. In Arztpraxen wären beispielsweise Informationen über den Ablauf vor dem Termin, eine möglichst klare Ansprache und die Möglichkeit, besondere sensorische Bedürfnisse mitzuteilen, praktische Ansatzpunkte. Behörden könnten prüfen, ob Wartezeiten, Beschilderung und schriftliche Kommunikation unnötige Hürden schaffen.

Das sind aus den berichteten Schwierigkeiten abgeleitete Handlungsmöglichkeiten, keine in der Studie auf Wirksamkeit getesteten Maßnahmen. Entscheidend ist, die betreffende Person zu fragen, was sie tatsächlich benötigt. Nicht alle Menschen mit Autismus wünschen dieselben Anpassungen.

Was die Studie leisten kann – und was nicht

Die Arbeit dokumentiert ein regionales Beteiligungsprojekt, keine kontrollierte Untersuchung darüber, ob bestimmte Maßnahmen den Alltag messbar verbessern. Es gab weder eine repräsentative Stichprobe noch eine Vergleichsgruppe. Auch langfristige Veränderungen der Lebensqualität wurden nicht nachgewiesen.

Hinzu kommen Grenzen bei der Beteiligung selbst. Die Arbeitsgruppen trafen sich überwiegend vor Ort, was Menschen mit eingeschränkten zeitlichen oder räumlichen Möglichkeiten ausschließen konnte. In einigen Gruppen arbeiteten keine Menschen mit Autismus mit. Die Autorinnen und Autoren sprechen deshalb ausdrücklich an, dass weitere Projekte flexiblere digitale oder zeitversetzte Beteiligungsformen anbieten sollten.

Die Rückmeldungen der Beteiligten fielen überwiegend positiv aus. Das belegt jedoch vor allem, wie sie den Projektverlauf wahrnahmen – nicht, dass die entwickelten Materialien in anderen Regionen den gleichen Nutzen haben werden.

Inklusion beginnt damit, Betroffene mitentscheiden zu lassen

Die Studie liefert keine einfache Lösung für alle Barrieren. Ihr Nachrichtenwert liegt gerade darin, dass Menschen mit Autismus, Angehörige und Fachkräfte gemeinsam konkrete Angebote für alltägliche Situationen erarbeitet haben: von Materialien für Schulen bis zur Orientierung im Gesundheitssystem.

Für die Praxis ergibt sich daraus eine naheliegende Frage: Werden Menschen mit Autismus lediglich nach ihren Schwierigkeiten gefragt – oder können sie auch beeinflussen, welche Veränderungen umgesetzt werden? Die Erfahrungen aus Kärnten sprechen dafür, Beteiligung früh einzuplanen und ihre Ergebnisse anschließend kritisch zu prüfen.

Quellen

Wohofsky, L. et al. (2026): Development of Autism-Inclusive Approaches for Everyday Life in a Participatory Process: From Challenges to Resolutions. Journal of Autism and Developmental Disorders. Veröffentlicht am 16. Oktober 2026.

PubMed: Bibliografischer Nachweis der Originalstudie.

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