Kurz erklärt
Die S3-Leitlinie von 2021 nannte für den alltäglichen Umgang mit Menschen mit Autismus als hilfreich unter anderem: die Möglichkeit nonverbaler Kontaktaufnahme, konkrete, direkte Ansprache, die dem Entwicklungsalter entspricht, Struktur in Umgebung und Abläufen, körperliche Distanz und das Vermeiden starker Reize. Außerdem sollen Über- und Unterforderung vermieden werden. [1, Empf. 3] Missverständnisse entstehen nach einem Experiment oft in beide Richtungen: In Gruppen aus Menschen mit und ohne Autismus ging deutlich mehr Information verloren als in Gruppen mit gleichen Voraussetzungen. [4] Die Leitlinie ist seit dem 23.03.2026 abgelaufen. [3]
Was die Leitlinie für den Umgang nannte
Die konsensbasierte Empfehlung (starker Konsens) nannte: Menschen mit Autismus haben individuelle Fertigkeiten und Bedürfnisse. Hilfreich im Umgang sind insbesondere (1) die Möglichkeit der nonverbalen Kontaktaufnahme, (2) konkrete, direkte Ansprache passend zum Entwicklungsalter, (3) Strukturierung der Umgebung und von Handlungsabläufen, zum Beispiel durch visuelle Mittel, Vorhersehbarkeit und personelle Konstanz, (4) Wahrung körperlicher Distanz, (5) Vermeiden starker sensorischer Reize wie Lärm, Geruch, Licht. Eine Diskrepanz zwischen kognitiven und sozialen Fertigkeiten soll berücksichtigt werden. [1, Empf. 3]
Wo Missverständnisse entstehen können
- Übertragene Bedeutung: Bei kognitiv gut begabten Menschen im Spektrum kann das Verstehen von Sprichwörtern, Humor oder Ironie schwerer fallen. [2, Kap. A.2.1] (Anregung der Redaktion: Ironie kurz auflösen.)
- Nonverbale Signale: Die nonverbale Kommunikation (Gestik, Mimik, Blickverhalten) ist einer der Bereiche, in denen sich Autismus zeigt. [2, Kap. A.2.1] Wie Signale beim Gegenüber ankommen, kann dadurch von beiden Seiten unterschiedlich gedeutet werden (Einschätzung der Redaktion).
- In beide Richtungen: In einem Experiment mit neun Gruppen à acht Personen gaben Menschen im Spektrum Informationen untereinander so gut weiter wie Menschen ohne Autismus untereinander; in gemischten Gruppen ging deutlich mehr verloren, und das Rapport war geringer. [4] Missverständnisse sind also keine Frage von „Fehlern“ einer Seite. Die Studie hatte 72 Erwachsene (je 24 mit Autismus, ohne Autismus und gemischt); die Stichprobe war eher klein. Die Autor:innen betonen, dass Wiederholungen nötig sind. Die Teilnehmenden wussten, wer im Spektrum war, und der Hinweis auf geringeres Rapport in gemischten Gruppen war statistisch nicht besonders stark. [4]
Anregungen für den Alltag
Aus den genannten Grundsätzen lassen sich folgende Anregungen der Redaktion ableiten (nicht einzeln belegt):
- Sag, was du meinst. Statt Andeutungen: konkrete Bitten, klare Zeit- und Ortsangaben.
- Eine Sache nach der anderen und bei Bedarf schriftlich ergänzen.
- Nachfragen erlauben: „Hast du das so gemeint?“ ist besser als Raten.
- Unterschiede im Tempo und im Blickkontakt nicht als Desinteresse deuten.
- Pausen und Rückzug anbieten, wenn Gespräche anstrengend werden. [1, Empf. 3]
- Beide Seiten passen sich an; die Verantwortung liegt nicht nur bei der Person im Spektrum.
Bei nicht oder kaum sprechenden Menschen können Bildkarten oder Sprachausgabegeräte genutzt werden: Unterstützte Kommunikation.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Konsensbasiert (Expertenkonsens): Die genannten Grundsätze der Leitlinie beruhen auf Expertenkonsens (keine Wirksamkeitsstudie). [1, Empf. 3]
Einzelstudie: Das Experiment zur Informationsweitergabe (kleine Gruppen, eine Aufgabe) zeigt Unterschiede zwischen gemischten und gleichartigen Gruppen. [4]
Offen:
- Welche Gesprächsstrategien im Alltag nachweislich Missverständnisse verringern, ist in den gelesenen Quellen nicht untersucht.
- Wie sich die Ergebnisse auf Arbeit, Schule und Familie übertragen lassen, ist offen.
Was du sonst noch wissen solltest
- Individuell fragen. Frag die Person, was für sie in Gesprächen hilfreich ist. Die Leitlinie sah vor, Wünsche und Bedürfnisse regelmäßig zu erfragen. [1, Empf. 4]
- Grundlagen: Soziale Kommunikation und Interaktion bei Autismus.
- Nicht dargestellt: Kommunikation per Telefon, Chat oder Videokonferenz und bestimmte Techniken (zum Beispiel Comic-Strip-Gespräche).
Häufige Fragen
Wie kommuniziere ich am besten mit einem Menschen mit Autismus? Die Leitlinie von 2021 nannte als hilfreich unter anderem konkrete, direkte Ansprache, die Möglichkeit nonverbaler Kontaktaufnahme, Struktur in Umgebung und Abläufen, körperliche Distanz und das Vermeiden starker Reize. Das war eine konsensbasierte Empfehlung und sollte individuell abgestimmt werden. [1, Empf. 3] Die Leitlinie ist abgelaufen. [3]
Warum entstehen Missverständnisse zwischen Menschen mit und ohne Autismus? In einem Experiment mit 72 Erwachsenen gaben Menschen im Spektrum Informationen untereinander so gut weiter wie Menschen ohne Autismus untereinander; in gemischten Gruppen ging deutlich mehr verloren. Es ist eine kleine Einzelstudie. [4]
Verstehen Menschen mit Autismus Ironie und Sprichwörter nicht? Bei kognitiv gut begabten Menschen im Spektrum kann das Verstehen von Sprichwörtern, Humor oder Ironie schwerer fallen. [2, Kap. A.2.1] Es betrifft nicht alle gleich.
Was gilt für Menschen, die kaum oder nicht sprechen? Bildkarten oder Sprachausgabegeräte können genutzt werden: Unterstützte Kommunikation.
Das könnte dich auch interessieren
- Soziale Kommunikation und Interaktion bei Autismus
- Unterstützte Kommunikation
- Routinen, Struktur und Vorhersehbarkeit im Alltag
Quellen und Literatur
- DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 2: Therapie. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-047, Stand Text 02.05.2021 (Empf. 3, 4). – Leitlinie; abgelaufen am 23.03.2026 (siehe Nr. 3)
- DGKJP, DGPPN et al. S3-Leitlinie Teil 1: Diagnostik. AWMF 028-018, Textstand 23.02.2016 (Kap. A.2.1). – Leitlinie (abgelaufen, laut Dokumentvermerk in Überarbeitung)
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Einträge 028-018 „Gültig bis 04.04.2021“ und 028-047 „Gültig bis 23.03.2026“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
- Crompton CJ, Ropar D, Evans-Williams CV, Flynn EG, Fletcher-Watson S. Autistic peer-to-peer information transfer is highly effective. Autism 2020;24(7):1704–1712. https://doi.org/10.1177/1362361320919286 – Experiment
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