Das Kind weigert sich, die Zähne zu putzen, obwohl es die Routine eigentlich kennt. Beim Anziehen kommt es zum Streit, und selbst eine Einladung zu einer beliebten Freizeitaktivität kann plötzlich eine heftige Abwehrreaktion auslösen. Hinter solchen Situationen steckt nicht immer gewöhnlicher Trotz. Eine neue Studie zeigt, dass ausgeprägte Anforderungsvermeidung bei Kindern mit Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation und ADHS-Merkmalen zusammenhängen kann.
Die am 23. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Autism Research veröffentlichte Untersuchung stellt dabei eine verbreitete Annahme infrage. In der untersuchten Gruppe war die Anforderungsvermeidung bei Kindern mit Autismus nicht stärker ausgeprägt als bei Kindern ohne diese Diagnose. Die Ergebnisse könnten helfen, belastende Alltagssituationen differenzierter zu verstehen. Sie liefern allerdings noch keine neuen Diagnosekriterien oder wissenschaftlich geprüften Behandlungsempfehlungen.
Neue Studie untersucht 63 Kinder und Jugendliche
Forschende des King’s College London und weiterer britischer Einrichtungen werteten die Daten von 63 Kindern und Jugendlichen aus, die zwischen 2015 und 2018 in einer spezialisierten entwicklungsneurologischen Klinik zur Autismusdiagnostik vorgestellt worden waren.
Die Teilnehmenden waren zwischen sechs und 18 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei zehn Jahren. Bei 31 Kindern wurde Autismus diagnostiziert, bei 32 lag keine Autismusdiagnose vor.
Die Forschenden untersuchten, wie ausgeprägte Anforderungsvermeidung mit unterschiedlichen Merkmalen zusammenhing. Dazu gehörten Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation, ADHS-Merkmale, Angst, Unsicherheit, eingeschränkte gedankliche Flexibilität und Schwierigkeiten beim Erkennen eigener Gefühle.
Grundlage waren standardisierte Fragebögen, die von den Eltern ausgefüllt worden waren. Die Untersuchung erfasste damit Zusammenhänge zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie konnte nicht feststellen, welche Faktoren die Anforderungsvermeidung tatsächlich verursachten.
Kinder mit Autismus verweigerten Anforderungen nicht häufiger
Das auffälligste Ergebnis betrifft den Vergleich zwischen den beiden diagnostischen Gruppen. Auf dem verwendeten Fragebogen zur extremen Anforderungsvermeidung erreichten Kinder mit Autismus durchschnittlich 40,23 Punkte. Bei Kindern ohne Autismus waren es 39,09 Punkte.
Der Unterschied war statistisch nicht signifikant. Auch zwischen Jungen und Mädchen fanden die Forschenden keinen gesicherten Unterschied in der Ausprägung der Anforderungsvermeidung.
Das bedeutet nicht, dass ausgeprägte Anforderungsvermeidung nichts mit Autismus zu tun hat. Frühere Untersuchungen kamen teilweise zu anderen Ergebnissen. Die neue Studie zeigt jedoch, dass dieses Verhalten zumindest in der untersuchten klinischen Gruppe nicht auf Kinder mit Autismus beschränkt war.
Damit gewinnt eine Frage an Bedeutung. Statt Anforderungsvermeidung ausschließlich einer Diagnose zuzuordnen, könnte es hilfreicher sein, die individuellen Belastungen und Schwierigkeiten des betreffenden Kindes genauer zu betrachten.
Emotionsregulation und ADHS-Merkmale zeigten die stärksten Zusammenhänge
Besonders deutlich war der statistische Zusammenhang zwischen ausgeprägter Anforderungsvermeidung und Schwierigkeiten bei der Regulation von Gefühlen. Kinder, deren emotionale Reaktionen nach Angaben ihrer Eltern besonders schnell an Intensität zunahmen, erreichten häufiger höhere Werte bei der Anforderungsvermeidung.
Auch ausgeprägtere ADHS-Merkmale waren mit stärkerer Anforderungsvermeidung verbunden. Zudem zeigten jüngere Kinder in der untersuchten Gruppe tendenziell höhere Werte als ältere.
In einem statistischen Modell berücksichtigten die Forschenden mehrere Merkmale gleichzeitig. Dabei blieben vor allem die emotionale Reaktivität, ADHS-Merkmale und das Alter als bedeutsame statistische Einflussgrößen bestehen.
Aus diesen Ergebnissen lässt sich jedoch nicht ableiten, dass ADHS oder Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation die Anforderungsvermeidung verursachen. Auch eine zusätzliche ADHS-Diagnose lässt sich aus einem solchen Verhalten nicht ableiten.
Warum selbst angenehme Aktivitäten abgelehnt werden können
Der Begriff Anforderungsvermeidung beschreibt ein Verhalten, bei dem Menschen alltägliche Erwartungen oder Aufforderungen wiederholt und in erheblichem Umfang vermeiden. Dabei muss die betreffende Tätigkeit nicht unangenehm sein.
Manchmal reicht bereits das Gefühl aus, etwas tun zu müssen. Aus einer ursprünglich freiwilligen Beschäftigung wird eine Erwartung, auf die das Kind mit Rückzug, Ablenkung, Verweigerung oder großer Anspannung reagiert.
Wie eine solche Situation entsteht, kann sehr unterschiedlich sein. Möglicherweise fühlt sich ein Kind durch den Verlust eigener Entscheidungsmöglichkeiten belastet. Bei anderen kommen Reizüberflutung, Schwierigkeiten beim Wechsel zwischen Tätigkeiten oder Probleme mit der Handlungsplanung hinzu.
Diese Erklärungen sind mögliche Ansatzpunkte für eine individuelle Abklärung und keine durch die neue Studie bewiesenen Ursachen. Auch Schmerzen, Schlafmangel oder belastende Erfahrungen sollten berücksichtigt werden. Wie sich sensorische Belastungen im Alltag auswirken können, erläutern wir im Beitrag über Reizüberflutung bei Autismus.
Die Ergebnisse stellen auch bisherige Annahmen über Angst infrage
In der bisherigen Diskussion über Anforderungsvermeidung spielt Angst eine wichtige Rolle. Häufig wird angenommen, dass die Vermeidung alltäglicher Erwartungen vor allem dazu dient, belastende Gefühle oder einen drohenden Kontrollverlust zu verhindern.
Die neue Studie fand jedoch keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen den erfassten Angstmerkmalen und der Stärke der Anforderungsvermeidung. Das überrascht, weil frühere Untersuchungen entsprechende Zusammenhänge beschrieben hatten.
Die Forschenden weisen selbst darauf hin, dass dieses Ergebnis von der untersuchten Stichprobe und den verwendeten Messverfahren beeinflusst worden sein könnte. Es wäre deshalb falsch, aus der Studie zu schließen, dass Angst bei ausgeprägter Anforderungsvermeidung grundsätzlich keine Rolle spielt.
Gerade bei Kindern mit Autismus können sich Belastungen unterschiedlich äußern. Manche ziehen sich zurück, andere reagieren gereizt oder verlieren in überfordernden Situationen vorübergehend die Kontrolle über ihre Reaktionen.
Was hinter dem Begriff PDA steckt
Besonders intensive Anforderungsvermeidung wird häufig unter der Bezeichnung Pathological Demand Avoidance, kurz PDA, diskutiert. Im Deutschen wird dafür teilweise der Begriff pathologische Anforderungsvermeidung verwendet.
Die Bezeichnung ist wissenschaftlich umstritten. PDA ist weder im internationalen Klassifikationssystem ICD noch im amerikanischen DSM als eigenständige Diagnose anerkannt. Teilweise wird in diagnostischen Berichten von einem anforderungsvermeidenden Profil gesprochen.
Auch die britische National Autistic Society betont, dass über die genaue Definition, die Häufigkeit und die Ursachen weiterhin erhebliche Unsicherheit besteht. Die Bezeichnung kann für manche Betroffene hilfreich sein, um Erfahrungen zu beschreiben. Andere kritisieren, dass sie Verhalten vorschnell als krankhaft einordnet.
Entscheidend ist deshalb nicht allein, welches Etikett verwendet wird. Bei einer fachlichen Abklärung sollten die individuellen Belastungen, Entwicklung, Kommunikationsmöglichkeiten und Unterstützungsbedürfnisse berücksichtigt werden.
Wie Eltern auf anhaltende Verweigerung reagieren können
Für Eltern kann es erschöpfend sein, wenn selbst einfache Aufgaben regelmäßig zu Konflikten führen. Wiederholte Aufforderungen, Belohnungsversprechen oder strengere Konsequenzen führen nicht zwangsläufig dazu, dass die Situation leichter wird.
Eine mögliche erste Maßnahme besteht darin, genauer zu beobachten, wann die Verweigerung auftritt. Ist das Kind bereits erschöpft, muss es eine Tätigkeit unerwartet unterbrechen oder fehlen Informationen darüber, was als Nächstes geschieht?
Manchmal können kleinere Handlungsschritte, zusätzliche Vorbereitungszeit oder echte Wahlmöglichkeiten helfen. Auch eine ruhigere Umgebung und eine weniger direkte Ansprache können entlastend sein.
Solche Vorgehensweisen werden unter anderem von der National Autistic Society als mögliche Unterstützung beschrieben. Die wissenschaftliche Evidenz für einzelne Strategien ist allerdings noch begrenzt. Deshalb sollte gemeinsam mit dem Kind beobachtet werden, was tatsächlich hilfreich ist.
Eine verständliche Tagesstruktur kann zusätzlich Orientierung schaffen. Wichtig ist dabei, dass Routinen Unterstützung bieten und nicht selbst zu einer weiteren starren Anforderung werden.
Auch in der Schule kann Anforderungsvermeidung zum Problem werden
Im Schulalltag entstehen viele Erwartungen gleichzeitig. Kinder müssen Aufgaben beginnen, zwischen Unterrichtsfächern wechseln, auf Anweisungen reagieren und sich an gemeinsame Regeln halten.
Wenn ein Kind solche Anforderungen wiederholt vermeidet, wird sein Verhalten möglicherweise als mangelnde Mitarbeit interpretiert. Dabei können Überforderung, Angst, Schwierigkeiten mit der Aufgabenplanung oder sensorische Belastungen eine wichtige Rolle spielen.
Hilfreich kann es sein, die belastenden Situationen gemeinsam mit dem Kind, den Eltern und den beteiligten Fachkräften zu untersuchen. Eine verständliche Aufgabenstellung, angepasste Übergänge und geeignete Rückzugsmöglichkeiten sind mögliche Ansatzpunkte.
Wenn das Kind den Schulbesuch zunehmend vermeidet, sollte frühzeitig geklärt werden, welche Belastungen dahinterstehen. Weitere Informationen bietet unser Wissensartikel zur Schulvermeidung bei Autismus.
Eine einzelne Studie kann die Ursachen nicht klären
Die Ergebnisse der britischen Untersuchung sind interessant, haben aber deutliche Grenzen. Mit 63 Teilnehmenden war die Stichprobe klein. Außerdem stammten alle Kinder aus einer spezialisierten Klinik und nicht aus einer repräsentativen Bevölkerungsgruppe.
Auch die Angaben zu den untersuchten Merkmalen kamen überwiegend von den Eltern. Weitere mögliche Einflussfaktoren, darunter zusätzliche psychische oder entwicklungsbezogene Diagnosen, konnten nicht umfassend berücksichtigt werden.
Besonders wichtig ist, dass alle Daten zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgewertet wurden. Die Untersuchung kann deshalb keine Aussage darüber treffen, wie sich Anforderungsvermeidung im Laufe der Entwicklung verändert oder welche Unterstützung langfristig wirksam ist.
Dass jüngere Kinder stärkere Merkmale zeigten, bedeutet beispielsweise nicht automatisch, dass sich diese Schwierigkeiten mit zunehmendem Alter von selbst verlieren.
Was Familien aus der Studie mitnehmen können
Die neue Untersuchung spricht dafür, ausgeprägte Anforderungsvermeidung nicht vorschnell als Trotz oder als unmittelbare Folge von Autismus einzuordnen. Stattdessen sollten die individuellen Schwierigkeiten und die Bedingungen betrachtet werden, unter denen das Verhalten auftritt.
Für Familien kann es hilfreich sein, wiederkehrende Situationen zu dokumentieren und gemeinsam mit Fachkräften nach möglichen Belastungsfaktoren zu suchen. Wenn Anforderungsvermeidung die Gesundheit, die Versorgung oder den Schulbesuch erheblich beeinträchtigt, ist eine fachliche Abklärung besonders wichtig.
Auch die Belastung der Angehörigen verdient Aufmerksamkeit. Welche Unterstützungsangebote für Familien in Betracht kommen, erläutern wir im Beitrag über Entlastung für Familien mit Autismus.
Die Wissenschaft steht bei diesem Thema noch am Anfang. Die Studie liefert neue Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Anforderungsvermeidung, emotionaler Regulation und ADHS-Merkmalen. Welche Ursachen dahinterstehen und welche Maßnahmen zuverlässig helfen, müssen weitere Untersuchungen zeigen.
Quellen
Lack, O. et al. Psychological and Neurodevelopmental Correlates of Extreme Demand Avoidance in a Clinical Sample, an Exploratory Study. Autism Research, 23. Oktober 2026.
National Autistic Society. Demand avoidance. Fachliche Einordnung zu Anforderungsvermeidung, PDA und Unterstützungsmöglichkeiten.
UK Parliament, Department of Health and Social Care. Parlamentarische Auskunft zum diagnostischen Status von Pathological Demand Avoidance. 25. März 2026.
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