Kurz erklärt
In einer britischen Online-Elternbefragung (n = 486; die Eltern meldeten sich selbst, eine Auswahlverzerrung ist möglich) fehlten 43 Prozent der Kinder mit Autismus in einem Monat an mindestens 10 Prozent der Schultage. [1] Der häufigste Grund für die Fehltage war nicht „Schwänzen“, sondern Schulverweigerung im Sinne eines Fernbleibens, das mit emotionaler Belastung beim Schulbesuch verbunden ist (school refusal). [1] In einer kleinen australischen Studie war höhere Angst des Kindes mit mehr halben Fehltagen durch Schulverweigerung verbunden; der Zusammenhang war klein. [2] Hilfreich ist, die Gründe genau zu verstehen und Schule, Familie und Fachleute früh zusammenzubringen, statt Druck zu erhöhen.
Was Studien zeigen
Eine britische Online-Befragung erfasste Eltern von 486 Kindern mit Autismus, die im Durchschnitt 11 Jahre alt waren, zu einem Monat Schulbesuch. Die Eltern wurden unter anderem über soziale Medien und eine Autismus-Organisation erreicht; die Autor:innen nennen die Stichprobe selbst selektiv. Eine Vergleichsgruppe ohne Autismus gab es nicht. [1]
- Im Durchschnitt fehlten die Kinder an 5 von 23 möglichen Schultagen.
- Bei 43 % der Kinder betrug das Fehlen mindestens 10 % der Tage, das gilt als „dauerhaftes Fehlen“.
- Das Fehlen hing unter anderem mit höherem Alter und vor allem mit dem Besuch einer Regelschule zusammen. Außerdem hingen die Familiensituation (zum Beispiel Einelternhaushalt) und Arbeitslosigkeit der Eltern damit zusammen.
Eine zweite, kleinere Querschnittsstudie aus Australien (106 Eltern schulpflichtiger Kinder im Autismus-Spektrum, Online-Fragebogen, Rekrutierung über soziale Medien) fand, dass Angst des Kindes und verschiedene Aspekte der psychischen Gesundheit der Eltern mit einzelnen Formen des Fehlens zusammenhingen. Die Zusammenhänge waren klein und gingen je nach Aspekt in unterschiedliche Richtungen. Der häufigste Grund für ganztägiges Fehlen war Schulverweigerung. [2]
Beide Studien stammen nicht aus Deutschland. Das Schulsystem und die Unterstützungsangebote unterscheiden sich, die Zahlen sind daher nicht direkt übertragbar.
Verschiedene Formen des Fehlens
Die Forschung unterscheidet mehrere Formen: [1] Die Prozentwerte beziehen sich auf die Fehltage (insgesamt 1.259 Tage in der Stichprobe), nicht auf die Kinder. Sie geben an, aus welchem Grund an wie vielen der Fehltage gefehlt wurde.
- Schulverweigerung (school refusal): Die Eltern gaben an, das Kind sei zögerlich gewesen oder habe sich geweigert, zum Beispiel weil es sagte, es sei schwer, in die Schule zu gehen oder den ganzen Tag zu bleiben, oder weil es aufgeregt, ängstlich oder verängstigt wirkte. Anteil an den Fehltagen: 43 %, der häufigste Grund.
- Ausschluss durch die Schule: Die Schule schickte das Kind nach Hause oder bat darum, dass es zu Hause bleibt: 9 % der Fehltage.
- Zurückhalten durch die Familie: Die Eltern gaben dem Kind einen Tag frei, behielten es zu Hause oder legten zusätzlichen Urlaub ein: 9 % der Fehltage. Die Studie benennt damit eine Kategorie, keine Schuld.
- Schwänzen: weniger als 1 % der Fehltage.
- Unproblematisches Fehlen, etwa wegen Krankheit oder Arztterminen: 32 % der Fehltage.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil jede Form andere Lösungen braucht.
Mögliche Gründe verstehen
Die folgende Liste ist eine Zusammenstellung der Redaktion. Sie ist durch die zitierten Studien nicht belegt; nur für Angst gibt es in einer kleinen Studie einen schwachen Zusammenhang. Hilfreich ist es, gemeinsam genau hinzuschauen, zum Beispiel auf:
- Reizbelastung in Klassenzimmer, Pause oder Mensa, siehe Reizüberflutung,
- soziale Schwierigkeiten oder Mobbing,
- Unvorhersehbarkeit wie Vertretungsstunden, Raumwechsel oder unklare Erwartungen,
- Über- oder Unterforderung im Unterricht,
- Angst oder andere psychische Belastungen (kleiner Zusammenhang in einer Studie), [2]
- Erschöpfung durch Anpassung (Masking), siehe Masking. Das ist eine Vermutung der Redaktion; die Quellen zu Masking betreffen Erwachsene.
Diese Liste enthält mögliche Faktoren, keine Rangfolge. Welche Rolle sie im Einzelfall spielen, muss gemeinsam geklärt werden.
Erste Schritte
- Gespräch mit der Schule suchen, früh und ohne Schuldzuweisung.
- Muster dokumentieren: An welchen Tagen, zu welchen Zeiten, nach welchen Situationen fällt der Schulbesuch schwer?
- Das Kind einbeziehen: Was ist in der Schule zu viel, was würde helfen?
- Anpassungen prüfen, zum Beispiel einen Nachteilsausgleich, Rückzugsorte, einen schrittweisen Wiedereinstieg oder eine Schulbegleitung.
- Fachliche Abklärung, wenn Angst, Niedergeschlagenheit oder Erschöpfung im Vordergrund stehen, siehe Psychotherapie.
- Schulpflicht im Blick behalten: Ob und welche Folgen längeres Fehlen hat, regelt das Landesrecht und unterscheidet sich je nach Bundesland. Dieser Artikel prüft das nicht und gibt keine Rechtsberatung. Eine frühe, offene Abstimmung mit der Schule und eine Beratung vor Ort helfen, Klarheit für dein Bundesland zu bekommen.
- Bei akuten Krisen (zum Beispiel Selbstgefährdung) ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Notfallversorgung wichtig; bei akuter Gefahr wähle den Notruf 112. Kinder und Jugendliche erreichen das Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer unter 116 111 (montags bis samstags 14 bis 20 Uhr) [3]. Eltern und Erwachsene erreichen die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, Tag und Nacht, kostenlos und anonym. [4]
Was wissen wir – was ist noch offen?
Begrenzte Evidenz
- In einer britischen Online-Elternbefragung (n = 486, Selbstselektion, keine Vergleichsgruppe) fehlte ein großer Teil der Kinder mit Autismus an mindestens 10 % der Tage; Schulverweigerung war der häufigste Grund der Fehltage. Ob das Fehlen „häufig“ im Vergleich zu anderen Kindern ist, lässt sich daraus nicht beurteilen. [1]
Einzelstudie
- Angst des Kindes hing in einer kleinen australischen Querschnittsstudie (n = 106, Selbstselektion) schwach mit einzelnen Formen des Fehlens zusammen; die Zusammenhänge mit der psychischen Gesundheit der Eltern waren je nach Aspekt unterschiedlich. [2]
Offen
- Welche Maßnahmen die Rückkehr in die Schule wirksam unterstützen.
- Welche Rolle das Schulumfeld selbst spielt. Der Zusammenhang mit dem Besuch von Regelschulen kann bedeuten, dass die Bedingungen dort eine Rolle spielen. Es kann aber auch an Auswahleffekten liegen (zum Beispiel unterschiedlicher Bedarf in verschiedenen Schulformen); die Studie ist ein Querschnitt und kann das nicht klären. [1]
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- Gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule
- Autistisches Burnout
- Mobbing und soziale Situationen in der Schule
Quellen und Literatur
- Totsika V, Hastings RP, Dutton Y, Worsley A, Melvin G, Gray K, Tonge B, Heyne D. Types and correlates of school non-attendance in students with autism spectrum disorders. Autism 2020;24(7):1639–1649. https://doi.org/10.1177/1362361320916967 – Studie (Elternbefragung, n = 486)
- Adams D. Child and parental mental health as correlates of school non-attendance and school refusal in children on the autism spectrum. Journal of Autism and Developmental Disorders 2022;52(8):3353–3365. https://doi.org/10.1007/s10803-021-05211-5 – Studie
- Nummer gegen Kummer e. V. https://www.nummergegenkummer.de/ – Beratungsangebot
- TelefonSeelsorge Deutschland. https://www.telefonseelsorge.de/ – Beratungsangebot
Begriffe aus diesem Beitrag
- Schulvermeidung
- Fernbleiben vom Unterricht, das mit emotionaler Belastung beim Schulbesuch verbunden ist, im Englischen „school refusal“. Nach einer britischen Elternbefragung war dies der häufigste Grund für Fehltage von Kindern mit Autismus, nicht „Schwänzen“.
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