Kurz erklärt
Das Neurodiversitäts-Paradigma versteht Autismus als natürliche Variation menschlichen Erlebens und stellt dem medizinischen Modell eine Alternative gegenüber. [5] Für die Praxis wird gefordert, Ziele gemeinsam mit den Betroffenen zu bestimmen, Familien und Betroffene als Fachleute für sich zu sehen und Stress und Umweltpassung mitzudenken. [3] [1] Wirksamkeitsnachweise für „neurodiversitätsbewusste“ Verfahren gibt es kaum; Konzeptbeiträge machen Vorschläge. [4] In der Gemeinschaft gibt es geteilte Ziele, aber auch Spannungen. [2]
Was mit dem Neurodiversitäts-Paradigma gemeint ist
Pellicano und den Houting beschreiben in einem Positionspapier den Übergang von einem Verständnis von Autismus als Defizit zu einem Neurodiversitäts-Paradigma: Unterschiede im Denken und Erleben werden als Vielfalt gesehen, und Forschung wie Versorgung sollen mit den Betroffenen entwickelt werden. Es ist ein Positionspapier, kein systematischer Review. [5] Zum Hintergrund: Neurodiversität: Was hinter dem Konzept steckt und Sprache und Begriffe.
Was Gemeinschaft und Fachwelt sagen: geteilte Ziele und Spannungen
Dwyer und Kolleg:innen befragten 504 Menschen (278 mit, 226 ohne Autismus) mit gemischten Methoden. Unterstützung der Neurodiversitätsbewegung hing mit dem Wunsch nach gesellschaftlichen Veränderungen zusammen; Hilfen zum Erlernen von Alltagsfertigkeiten wurden breit unterstützt; Streit entstand häufig durch unterschiedliche Begriffsverständnisse. Die Autor:innen sprechen von geteilten Zielen und wichtigen Spannungen. [2] Das zeigt: „Neurodiversitätsbewusst“ heißt nicht, Unterstützung abzulehnen; viele wünschen sich Unterstützung beim Lernen und zugleich Akzeptanz.
Konkrete Anregungen aus der Literatur
Hotez und Giwa Onaiwu (Kinderheilkunde, Beitrag von Forschenden mit eigener Erfahrung) empfehlen unter anderem, den Zusammenhang zwischen chronischem Stress und herausforderndem Verhalten zu beachten, Betroffene und Familien als Fachleute für ihre Gesundheit einzubeziehen und mit Schule, Therapie und Gemeinde zusammenzuarbeiten. Außerdem soll die Sprache in Gesprächen nicht stigmatisieren. [3]
Pantazakos und Vanaken argumentieren, dass die seelische Gesundheit von Menschen im Autismus-Spektrum stärker mit Akzeptanz und der erlebten Qualität der Unterstützung zusammenhängt als mit der Schwere der Merkmale, und sehen eine Lücke bei Therapien, die auf die Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten sind.
Sie schlagen vor, die Phänomenologie als Grundlage zu nutzen, um KVT und interpersonelle Psychotherapie anzupassen; zugleich müsse Therapie auch Überzeugungen und Verhalten hinterfragen dürfen, wie bei allen Menschen. Das ist ein Vorschlag, kein geprüftes Verfahren. [4]
Brosnan und Camilleri setzen auf selbst gesetzte Ziele, unterstützt durch digitale Geschichten (SOFA-App), und auf das Interesse der Person (Monotropismus-Perspektive). Die Autor:innen entwickeln die genannte App selbst; das Papier ist ein Fachbeitrag. [1]
Wo Meinungen auseinandergehen
Gestritten wird unter anderem darüber, welche Ziele in der Förderung gelten sollen, wie weit Anpassung der Umwelt oder Veränderung der Person gehen soll und welche Rolle medizinische Begriffe spielen. [2] [1] Auch die Sprache ist umstritten: In der Gemeinschaft gibt es unterschiedliche Vorlieben, darunter identitätsbezogene Formulierungen wie „autistische Menschen“. Diese Website verwendet als redaktionelle Hausentscheidung „Menschen mit Autismus“ und „Menschen im Autismus-Spektrum“; das ist keine objektiv richtige Form. Siehe Sprache und Begriffe.
Was das für die Praxis heißen kann
Aus den Quellen lassen sich diese Fragen für die eigene Praxis ableiten: Wer setzt die Ziele? Welche Anpassungen der Umgebung sind möglich, bevor die Person sich verändern soll? Wie werden Betroffene und Familien beteiligt? Ist die Sprache stigmatisierend? [3] [5] [1] Als Redaktionshinweis (kein Studienbefund): Eine Haltung ersetzt nicht Fachwissen; Ziele, Methoden und Nutzen sollten dennoch überprüfbar bleiben. Konkrete Hilfen: Autismus in Therapie und Beratung: Setting anpassen, Strukturierung und Visualisierung in der Praxis und Partizipative Autismusforschung.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Was wir wissen: Das Neurodiversitäts-Paradigma ist als Alternative zum medizinischen Modell breit diskutiert; in der Gemeinschaft gibt es geteilte Ziele und Spannungen. [5] [2]
Offen:
- Ob „neurodiversitätsbewusste“ Verfahren besser wirken: Es fehlen Wirksamkeitsstudien; die gelesenen Beiträge sind Positions- und Konzeptpapiere. [4] [1] [5]
- Wie sich die Haltung auf Verläufe und Wohlbefinden auswirkt: kaum untersucht. [4]
- Wie unterschiedliche Sichtweisen (zum Beispiel von Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf und ihren Familien) in die Praxis eingehen: wenig untersucht. [2]
- Eine ausgewogene kritische Übersicht zum Paradigma wurde nicht gelesen. [5]
Das könnte dich auch interessieren
- Neurodiversität: Was hinter dem Konzept steckt
- Sprache und Begriffe rund um Autismus
- Autismus in Therapie und Beratung: Setting anpassen
- Partizipative Autismusforschung
Quellen und Literatur
- Brosnan M, Camilleri LJ: Neuro-affirmative support for autism, the Double Empathy Problem and monotropism. Frontiers in Psychiatry 2025;16:1538875. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2025.1538875 (frei lesbar, CC BY; online 13.03.2025) – Fachbeitrag (Kurzbericht)
- Dwyer P, Gurba AN, Kapp SK, Kilgallon E, Hersh LH, Chang DS, Rivera SM, Gillespie-Lynch K: Community views of neurodiversity, models of disability and autism intervention: Mixed methods reveal shared goals and key tensions. Autism 2025;29(9):2297–2314. https://doi.org/10.1177/13623613241273029 (PMC12332218, PMID 39291753) – Mixed-Methods-Befragung (504 Personen)
- Hotez E, Giwa Onaiwu M: A Neurodiversity-Oriented Approach to Address Autism Wandering as a “Problem Behavior” in Pediatrics. Cureus 2023;15(6):e40862. https://doi.org/10.7759/cureus.40862 (frei lesbar, CC BY; online 23.06.2023) – Kommentar (Fachartikel zur Praxis)
- Pantazakos T, Vanaken GJ: Addressing the autism mental health crisis: the potential of phenomenology in neurodiversity-affirming clinical practices. Frontiers in Psychology 2023;14:1225152. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1225152 (frei lesbar, CC BY; online 04.09.2023) – Konzeptbeitrag
- Pellicano E, den Houting J: Annual Research Review: Shifting from ’normal science‘ to neurodiversity in autism science. Journal of Child Psychology and Psychiatry 2022;63(4):381–396. https://doi.org/10.1111/jcpp.13534 (Open Access, PMC9298391, PMID 34730840) – Übersichtsarbeit (Positionspapier, narrativ)
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