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Forschung

Autismus bei Kindern, neue Studie zeigt Effekt beim Spielen

Ein Erwachsener malt mit einem Stift auf Papier und lächelt dabei. Kurz darauf bekommt ein Kind denselben Stift und darf selbst damit spielen. Ob und wie genau es die Bewegung nachahmt, hängt offenbar auch davon ab, wie die Handlung zuvor gezeigt wurde. Eine neue Studie mit 102 Vorschulkindern zeigt, dass spielerische Demonstrationen die Nachahmung verbessern können. Besonders interessant sind die Unterschiede zwischen Kindern mit Autismus, die wenig oder bereits mehr gesprochene Sprache verwenden.

Die Untersuchung wurde am 28. Oktober 2026 im Journal of Autism and Developmental Disorders veröffentlicht. Forschende aus den USA wollten herausfinden, wie Kinder Handlungen anderer Menschen beobachten und unter welchen Bedingungen sie diese spontan nachahmen. Die Ergebnisse liefern neue Hinweise für die frühe Förderung, zeigen aber auch, wie unterschiedlich Kinder mit Autismus lernen und kommunizieren.

Neue Autismus-Studie untersucht 102 Vorschulkinder

Das Forschungsteam untersuchte insgesamt 102 Kinder im Vorschulalter. Das durchschnittliche Alter lag bei etwa zwei Jahren und acht Monaten. Die Teilnehmenden wurden in drei Gruppen eingeteilt.

44 Kinder hatten eine Autismusdiagnose und verwendeten nur sehr wenig gesprochene Sprache. Weitere 43 Kinder mit Autismus verfügten bereits über ausgeprägtere sprachliche Fähigkeiten. Die dritte Gruppe bestand aus 15 Kindern ohne festgestellte Entwicklungsauffälligkeiten.

Die Forschenden wollten untersuchen, ob die Kinder einfache Handlungen spontan nachahmen. Dabei ging es nicht darum, den Kindern ausdrücklich eine bestimmte Bewegung beizubringen. Vielmehr sollten sie beobachten, was ein Erwachsener vormachte, und anschließend selbst mit denselben Materialien spielen.

Zusätzlich wurde mit einem speziellen Blickerfassungssystem untersucht, worauf die Kinder während der Vorführung achteten. Die Forschenden konnten dadurch feststellen, wie lange die Kinder auf das Gesicht des Erwachsenen oder auf die vorgemachte Handlung blickten.

Spielerisches Vormachen führte zu genauerer Nachahmung

In der Untersuchung sahen die Kinder kurze Videos. Darin zeigte ein Erwachsener einfache Handlungen mit Stiften. Er zeichnete beispielsweise eine Linie oder setzte mehrere Punkte auf ein Blatt Papier.

Die Handlungen wurden in zwei unterschiedlichen Situationen gezeigt. Einmal verhielt sich der Erwachsene neutral. In der anderen Variante zeigte er deutlich positive Gefühle und führte die Handlung auf spielerische Weise vor.

Anschließend erhielten die Kinder dieselben Materialien. Sie konnten selbst entscheiden, was sie damit machen wollten. Die Forschenden beobachteten, ob die Kinder die zuvor gezeigte Handlung nachahmten und wie genau sie diese ausführten.

Das Ergebnis war bemerkenswert. Über alle drei Gruppen hinweg war die Nachahmung in der spielerischen Situation genauer als nach der neutralen Vorführung.

Die spielerische Darstellung beeinflusste außerdem die Blickrichtung. Während die Kinder bei der neutralen Vorführung länger auf die eigentliche Handlung schauten, richteten sie bei der spielerischen Variante mehr Aufmerksamkeit auf das Gesicht des Erwachsenen.

Deutliche Unterschiede zwischen den Kindern mit Autismus

Die Studie zeigt gleichzeitig, wie stark sich Kinder mit derselben Autismusdiagnose unterscheiden können.

Kinder mit Autismus, die bereits mehr gesprochene Sprache verwendeten, ahmten die gezeigten Handlungen ähnlich häufig und ähnlich genau nach wie die Kinder ohne Entwicklungsauffälligkeiten.

Anders sah es bei den wenig sprechenden Kindern mit Autismus aus. Sie beobachteten die gezeigten Handlungen kürzer und ahmten diese insgesamt seltener und weniger genau nach.

Bei der neutralen Vorführung zeigten 40 Prozent der wenig sprechenden Kinder eine Nachahmung. In der Gruppe der sprechenden Kinder mit Autismus waren es 69 Prozent, in der Vergleichsgruppe 75 Prozent.

Bei der spielerischen Vorführung lagen die entsprechenden Werte bei 46, 71 und 77 Prozent. Die Zahlen beziehen sich auf die im jeweiligen Vergleich auswertbaren Beobachtungen und dürfen nicht als allgemeine Wahrscheinlichkeiten für Kinder mit Autismus verstanden werden.

Entscheidend ist, dass auch die wenig sprechenden Kinder von der spielerischen Darstellung profitierten. Ihre Nachahmung wurde im Durchschnitt genauer, obwohl die Unterschiede zu den beiden anderen Gruppen bestehen blieben.

Wenig gesprochene Sprache bedeutet nicht fehlendes Interesse

Die Untersuchung macht deutlich, weshalb es wichtig ist, sprachliche Fähigkeiten und andere Entwicklungsbereiche differenziert zu betrachten.

Wenn ein Kind nur wenige Wörter spricht, bedeutet das nicht automatisch, dass es kein Interesse an anderen Menschen hat oder grundsätzlich nicht durch Beobachtung lernen kann.

Bei den wenig sprechenden Kindern mit Autismus zeigte sich eine geringere Aufmerksamkeit für die vorgemachte Handlung. Die Aufmerksamkeit für das Gesicht des Erwachsenen unterschied sich dagegen nicht statistisch signifikant zwischen den drei Gruppen.

Die Forschenden vermuten deshalb, dass die Art der Aufmerksamkeitsverteilung eine Rolle bei den beobachteten Unterschieden spielen könnte.

Allerdings lässt sich aus den Daten nicht eindeutig ableiten, ob die geringere Nachahmung unmittelbar mit den sprachlichen Fähigkeiten zusammenhängt. Die Gruppen unterschieden sich auch in weiteren Entwicklungsmerkmalen, darunter kognitive Fähigkeiten.

Eine begrenzte gesprochene Sprache ist außerdem nicht mit fehlendem Sprachverständnis gleichzusetzen. Welche Kommunikationsmöglichkeiten geeignet sind, muss individuell betrachtet werden.

Warum positive Gefühle beim gemeinsamen Spielen wichtig sein können

Die Forschenden hatten erwartet, dass die spielerische Darstellung nicht bei allen Gruppen gleichermaßen einen Unterschied machen würde. Tatsächlich verbesserte sich die Genauigkeit der Nachahmung aber unabhängig davon, ob ein Kind Autismus hatte und wie ausgeprägt seine gesprochene Sprache war.

Das legt nahe, dass positive emotionale Signale auch bei Kindern mit sehr unterschiedlichen Entwicklungsprofilen eine Rolle spielen können.

Wichtig ist dabei, dass die Studie keine allgemeine Wirkung fröhlicher Gesichtsausdrücke auf das Lernen beweist. Untersucht wurden wenige einfache Handlungen in einer kurzen, standardisierten Testsituation.

Die Ergebnisse sprechen jedoch dafür, beim gemeinsamen Spiel nicht ausschließlich auf die korrekte Ausführung einer Bewegung zu achten. Auch die Gestaltung der Situation und die Art der Interaktion könnten beeinflussen, wie Kinder das Verhalten anderer Menschen aufnehmen.

Was Eltern aus der neuen Studie mitnehmen können

Für Eltern von Kindern mit Autismus ist besonders interessant, dass sich die Nachahmung je nach Gestaltung einer Situation verändern kann.

Beim gemeinsamen Spielen kann es sinnvoll sein, sich an den Interessen des Kindes zu orientieren und einfache Handlungen mit vertrauten Gegenständen vorzumachen. Das kann beispielsweise das Rollen eines Spielzeugautos, das Stapeln von Bausteinen oder das Malen mit Stiften sein.

Dabei muss das Kind nicht jede Bewegung wiederholen. Auch das Beobachten, eine eigene Spielidee oder eine andere Form der Beteiligung können Teil einer gemeinsamen Aktivität sein.

Manche Kinder benötigen mehr Zeit, andere möchten die Materialien zunächst selbst erkunden. Wichtig ist, die Interessen, Kommunikationsmöglichkeiten und Belastungsgrenzen des Kindes zu respektieren.

Aus der Studie ergibt sich keine Empfehlung, Kinder zur Nachahmung zu drängen oder eine bestimmte Anzahl an Übungen durchzuführen. Sie zeigt lediglich, dass die Gestaltung einer spielerischen Situation die beobachtete Nachahmungsleistung beeinflussen kann.

Unterstützte Kommunikation bleibt für wenig sprechende Kinder wichtig

Für Kinder, die wenig oder nicht über gesprochene Sprache kommunizieren, kann neben dem gemeinsamen Spiel eine geeignete unterstützte Kommunikation wichtig sein.

Dazu gehören je nach Entwicklungsstand beispielsweise Bildkarten, visuelle Symbole oder elektronische Kommunikationshilfen mit Sprachausgabe. Diese Möglichkeiten können es Kindern erleichtern, Wünsche, Bedürfnisse und Gedanken auszudrücken.

Ein Kind muss nicht erst bestimmte Nachahmungsfähigkeiten entwickeln, bevor es Zugang zu einer passenden Kommunikationshilfe erhält. Die Förderung von Kommunikation sollte sich an seinen individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen orientieren.

Welche Möglichkeiten bestehen, erklärt unser Wissensartikel über Unterstützte Kommunikation bei Autismus.

Was die Ergebnisse für die Frühförderung bedeuten könnten

In der frühen Förderung von Kindern mit Autismus werden bereits verschiedene spielbasierte Ansätze eingesetzt. Ziel kann es beispielsweise sein, gemeinsame Aufmerksamkeit, Kommunikation und die Teilnahme an alltäglichen Aktivitäten zu unterstützen.

Die britische NICE-Leitlinie empfiehlt, bei geeigneten Unterstützungsangeboten spielbasierte Strategien unter Beteiligung von Eltern und Fachkräften zu berücksichtigen. Dabei sollen die Kommunikation und das Entwicklungsniveau des jeweiligen Kindes im Mittelpunkt stehen.

Die neue Studie ergänzt diese Empfehlungen um Erkenntnisse darüber, wie emotionale Signale und die Aufmerksamkeit für eine Handlung mit deren Nachahmung zusammenhängen.

Sie ist allerdings keine Wirksamkeitsstudie einer bestimmten Therapie. Die Kinder wurden nur während einer kurzen experimentellen Aufgabe beobachtet. Ob eine vergleichbare Gestaltung über Wochen oder Monate zu Fortschritten bei der Kommunikation oder Selbstständigkeit führt, wurde nicht untersucht.

Die Studie hat wichtige Einschränkungen

Die Ergebnisse sollten auch deshalb vorsichtig eingeordnet werden, weil die drei Gruppen unterschiedlich groß waren. Während 44 wenig sprechende Kinder mit Autismus teilnahmen, bestand die Vergleichsgruppe ohne Entwicklungsauffälligkeiten nur aus 15 Kindern.

Außerdem waren Jungen in der Stichprobe deutlich häufiger vertreten als Mädchen. Ob sich dieselben Ergebnisse bei einer größeren und vielfältigeren Gruppe zeigen würden, ist deshalb offen.

Die Forschenden verwendeten kurze Videoaufnahmen eines unbekannten Erwachsenen. Im Alltag lernen Kinder jedoch häufig gemeinsam mit vertrauten Personen und in Situationen, die wesentlich komplexer sind.

Auch konnten die Untersuchenden nicht eindeutig unterscheiden, welcher Anteil der beobachteten Unterschiede auf die sprachliche Entwicklung und welcher auf andere kognitive oder entwicklungsbezogene Merkmale zurückzuführen war.

Die Untersuchung zeigt damit Zusammenhänge innerhalb einer bestimmten Testsituation. Sie erlaubt keine allgemeine Aussage darüber, wie gut Kinder mit Autismus insgesamt durch Beobachtung lernen.

Warum Kinder mit Autismus individuell gefördert werden sollten

Die neue Studie macht deutlich, dass die Diagnose Autismus allein wenig darüber aussagt, wie ein Kind eine bestimmte Handlung aufnimmt oder nachahmt.

Die wenig sprechenden Kinder unterschieden sich in der untersuchten Aufgabe deutlich von den sprechenden Kindern mit Autismus. Gleichzeitig reagierten alle Gruppen in ähnlicher Weise auf die spielerische Gestaltung der Vorführung.

Für Fachkräfte kann das ein Hinweis sein, bei der Förderung genauer darauf zu achten, welche Informationen ein Kind wahrnimmt und unter welchen Bedingungen es sich auf eine gemeinsame Aktivität einlässt.

Auch für Eltern ist entscheidend, dass Unterstützung nicht allein an einer Diagnose oder an allgemeinen Erwartungen ausgerichtet wird. Die individuellen Interessen und Kommunikationsmöglichkeiten des Kindes sollten berücksichtigt werden.

Wie unterschiedlich Autismus bereits im Kindesalter festgestellt und eingeordnet wird, erläutern wir im Beitrag über die Autismusdiagnostik bei Kindern.

Spielerische Situationen könnten neue Möglichkeiten eröffnen

Die am 28. Oktober veröffentlichte Untersuchung liefert neue Einblicke in die Nachahmung bei Kindern mit Autismus. Besonders bemerkenswert ist, dass die spielerische Gestaltung einer Handlung in allen untersuchten Gruppen mit einer genaueren Nachahmung verbunden war.

Gleichzeitig wird deutlich, dass wenig sprechende Kinder mit Autismus andere Entwicklungsprofile zeigen können als Kinder, die bereits mehr gesprochene Sprache verwenden.

Weitere Studien müssen nun untersuchen, ob sich die Ergebnisse auch beim gemeinsamen Spielen mit vertrauten Personen zeigen und ob daraus langfristig wirksame Förderansätze entstehen können.

Für Familien lässt sich aus den Ergebnissen vor allem eine wichtige Botschaft ableiten. Beim gemeinsamen Spiel kommt es nicht nur darauf an, was ein Kind nachmacht. Ebenso wichtig ist, unter welchen Bedingungen es sich beteiligen kann und welche Möglichkeiten es hat, eigene Interessen und Fähigkeiten einzubringen.

Quellen

Cavalli, G. et al. Spontaneous Imitation and Affective Modulation in Minimally Speaking Autistic Preschoolers. Journal of Autism and Developmental Disorders, 28. Oktober 2026.

National Institute for Health and Care Excellence. Autism spectrum disorder in under 19s, support and management. Leitlinie CG170, Abschnitt 1.3.1.

Deniz, E. et al. Parent-Mediated Play-Based Interventions to Improve Social Communication and Language Skills of Preschool Autistic Children. Review Journal of Autism and Developmental Disorders, 2024.

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