Nachts lange wach liegen und morgens kaum erholt sein. Wenn Schlafprobleme den Alltag bestimmen, verdienen sie eine gezielte Abklärung. Zwei Studien aus dem Jahr 2026 zeigen, wie stark Erwachsene mit Autismus belastet sein können und dass eine angepasste Behandlung helfen kann.
Eine aktuelle Studie nimmt Menschen ab 40 in den Blick
Schlafforschung zu Autismus richtet sich häufig auf Kinder. Eine Untersuchung in der Oktober-Ausgabe des International Journal of Geriatric Psychiatry betrachtet dagegen das mittlere und höhere Erwachsenenalter.
Das Team um Sophie Roper wertete Angaben von 265 Erwachsenen mit Autismus und 167 Erwachsenen ohne Autismus aus. Die Teilnehmenden waren zwischen 40 und 93 Jahre alt und beantworteten standardisierte Fragen zu Schlafqualität und psychischer Gesundheit.
Die Gruppe mit Autismus berichtete über deutlich größere Schlafprobleme. Besonders ausgeprägt waren die Unterschiede bei nächtlichen Störungen und Beeinträchtigungen am Tag; Frauen mit Autismus beschrieben die größten Schwierigkeiten.
Die Unterschiede blieben auch bestehen, nachdem Alter und Symptome von Angst, Depression und posttraumatischer Belastung statistisch berücksichtigt worden waren. Die Untersuchung zeigt allerdings Zusammenhänge zu einem bestimmten Zeitpunkt und kann nicht belegen, was Ursache und was Folge ist.
Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass sich der Schlaf bei jedem Menschen mit Autismus im Laufe des Lebens verschlechtert. Dafür wären Untersuchungen nötig, die dieselben Personen über längere Zeit begleiten.
Eine angepasste Onlinebehandlung zeigt Wirkung
Eine niederländische Studie untersuchte das begleitete Onlineprogramm i-Sleep Autism. Es basiert auf kognitiver Verhaltenstherapie gegen Schlaflosigkeit und wurde mit sieben Erwachsenen mit Autismus angepasst.
163 Erwachsene mit Autismus und Schlaflosigkeit wurden zufällig zwei Gruppen zugeteilt. Eine erhielt das fünfwöchige Programm, die andere zunächst Informationen über Schlaf und hilfreiche Gewohnheiten.
Nach sechs Wochen waren die Schlafbeschwerden in der Programmgruppe stärker zurückgegangen. Bei Angst, Depression und der Bewältigung des Alltags ergab die Hauptauswertung hingegen keinen statistisch gesicherten Vorteil.
Die Ergebnisse sind ermutigend, aber kein Erfolgsversprechen
Nur die Hälfte der Programmgruppe absolvierte alle fünf Module. Zudem wurde das Angebot nicht mit einer gleich intensiv begleiteten anderen Therapie verglichen, sodass auch Betreuung und strukturierte Beschäftigung mit dem Schlaf zum Unterschied beigetragen haben könnten.
Die Verbesserungen bestanden in der Behandlungsgruppe nach sechs Monaten im Mittel weiter. Zu diesem Zeitpunkt fehlte jedoch eine unbehandelte Vergleichsgruppe, weil auch die ursprünglich Wartenden inzwischen Zugang zum Programm erhalten hatten.
Die im Juli 2026 veröffentlichte Studie liefert damit einen konkreten Behandlungsansatz. Sie belegt keine Wirksamkeit für jedes Alter, jeden Unterstützungsbedarf oder jede Form einer Schlafstörung.
Was eine Behandlung von allgemeinen Schlaftipps unterscheidet
Die deutsche S3-Leitlinie zur Insomnie bei Erwachsenen empfiehlt kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie als erste Behandlungsoption, bevorzugt in Präsenz. Diese auf Schlaflosigkeit zugeschnittene Psychotherapie soll auch angeboten werden, wenn gleichzeitig andere körperliche Erkrankungen oder psychische Störungen bestehen.
Eine Behandlung setzt voraus, die Beschwerden genauer zu erfassen. Zur empfohlenen Diagnostik gehören ein ausführliches Gespräch, eine körperliche Untersuchung sowie Schlaftagebücher und Fragebögen.
Dabei sollen auch körperliche und psychische Erkrankungen sowie Substanzen, die den Schlaf beeinträchtigen können, abgeklärt werden. Ein Ratschlag wie früher ins Bett zu gehen ersetzt diese Untersuchung nicht.
Unser Wissensartikel über Schlafprobleme bei Autismus bietet ergänzende Orientierung.
Die Lebensbedingungen gehören mit ins Gespräch
Ein weiterer Fachbeitrag in SLEEP verbindet Schlafforschung mit Erfahrungen neurodivergenter Menschen. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass Reizempfindlichkeit, Alltagsanforderungen und individuelle Bedürfnisse bei der Entwicklung von Hilfen stärker berücksichtigt werden sollten.
Das ist eine fachliche Perspektive mit Forschungsforderungen, keine zusätzliche Wirksamkeitsstudie. Für die Praxis lenkt sie den Blick auf eine sinnvolle Frage. Welche Bedingungen erschweren einer bestimmten Person das Zur-Ruhe-Kommen?
Ein Gespräch kann beispielsweise klären, ob Licht und Geräusche stören, ob abends belastende Gedanken auftreten oder ob vorgeschlagene Abläufe im eigenen Alltag überhaupt umsetzbar sind. Die Antworten helfen dabei, Unterstützung gemeinsam zu planen.
Was Betroffene zum nächsten Termin mitbringen können
Wer wiederholt schlecht schläft und tagsüber darunter leidet, kann dies beim ärztlichen Termin ausdrücklich als eigenes Anliegen ansprechen. Ein Schlaftagebuch kann das Gespräch unterstützen.
Hilfreich sind Notizen zu Schlafzeiten, Wachphasen, Belastungen am Folgetag und eingenommenen Medikamenten. Sie müssen keine perfekte Nacht erklären, sondern sollen ein möglichst realistisches Bild vermitteln.
Zur Vorbereitung eignet sich auch unser Überblick Arztbesuch und Krankenhaus gut vorbereiten.
Für Angehörige und Fachkräfte ist dabei wichtig, die Wahrnehmung der betroffenen Person einzubeziehen. Das Ziel sollte gemeinsam festgelegt werden und sich daran orientieren, ob Schlaf und Alltag tatsächlich erholsamer und besser bewältigbar werden.
Quellen
- Roper und Team, Sleep Problems and Mental Health in Middle-Aged and Older Autistic and Non-Autistic Adults.
International Journal of Geriatric Psychiatry, Oktober-Ausgabe 2026.
Querschnittsstudie. DOI 10.1002/gps.70259. - Spaargaren und Team, Effectiveness of guided internet-delivered cognitive behavioral therapy for insomnia in autistic adults.
SLEEP, online veröffentlicht am 19. Juli 2026, korrigierte und gesetzte Fassung vom 24. August 2026.
Randomisierte kontrollierte Studie. - S3-Leitlinie Insomnie bei Erwachsenen.
Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, Fassung April 2025.
AWMF-Registernummer 063-003, insbesondere Empfehlungen D1, D2 und T1. - Sleep, circadian, and mental health in neurodivergent neurotypes.
SLEEP, online veröffentlicht am 4. Juli 2026, Oktober-Ausgabe 2026.
Fachlicher Perspektivbeitrag mit Erfahrungen neurodivergenter Menschen.
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