Kurz erklärt
Die Leitlinie von 2016 empfahl ein Stufenkonzept: Bei Verdacht zunächst eine zeitnahe, orientierende Abklärung mit altersgerechten Screening-Verfahren und einer klinischen Einschätzung; erhärtet sich der Verdacht, eine umfassende Diagnostik in einer auf Autismus spezialisierten Stelle. [1, Empf. 7] Die Diagnose soll dort unter Einbeziehung einer Fachärztin oder eines Facharztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder einer speziell qualifizierten Fachperson der Kinder- und Jugendmedizin gestellt werden. [1, Empf. 17] Die Eltern werden immer einbezogen. [1, Kap. B.4.3.2]
Stand der Leitlinie: Dieser Beitrag stützt sich auf die S3-Leitlinie Diagnostik (Textstand 23.02.2016) und eine Fachübersicht von 2024. Die Leitlinie ist abgelaufen; laut Übersicht der DGKJP war sie „bis 04.04.2021“ gültig. [2] Das Dokument trägt den Vermerk, es werde zurzeit überarbeitet. [1] Wir aktualisieren den Beitrag, sobald eine Neufassung vorliegt.
Erste Stufe: Abklärung bei Verdacht
Nach einer Fachübersicht von 2024 sollte nach dem Verdacht (geäußert von Bezugspersonen, Fachpersonal, Erzieherinnen und Erziehern oder der Person selbst) zunächst eine Vorstellung in einer (kinder- und jugend-)psychiatrischen oder sozialpädiatrischen Ambulanz oder Praxis erfolgen. Dort werden Anamnese, klinische Beobachtung und/oder Screening-Fragebögen eingesetzt. [3] Screening-Verfahren dienen als Hinweis, nicht der Diagnose. [3] Früherkennungsuntersuchungen („U-Untersuchungen“) und die Schuleingangsuntersuchung können Auffälligkeiten sichtbar machen. [1, Kap. B.2.6.1] Zu frühen Hinweisen: Erste Anzeichen bei Säuglingen und Kleinkindern.
Zweite Stufe: spezialisierte Stelle und Team
- Spezialisierte Stelle: Die umfassende Diagnostik soll in einer darauf spezialisierten Stelle erfolgen. Verlangt werden unter anderem Erfahrung mit spezifischen diagnostischen Instrumenten, Abgrenzung zu anderen psychischen und körperlichen Erkrankungen, internistisch-neurologische Untersuchung, testpsychologische Untersuchung von Sprach- und kognitiver Entwicklung sowie Beratung zu Therapie, Schule und sozialen Fragen. [1, Empf. 17]
- Team: Die britischen Quellleitlinien empfahlen Diagnostik im Team (etwa Kinder- und Jugendärztin oder -arzt oder -psychiater, Logopädie, Psychologie). Eine kleine schwedische Studie fand bei Vorschulkindern genauere Einschätzungen durch ein Team als durch einzelne Diagnostizierende. [1, Kap. B.4.2]
- Freie Arztwahl: Die Leitlinie hielt fest, dass Eltern in Deutschland die freie Arztwahl haben und sich zum Beispiel direkt an kinder- und jugendpsychiatrische Spezialsprechstunden wenden können. [1, Kap. B.1.1] Zur praktischen Frage Überweisung und Wartezeit: Überweisung, Kosten und Wartezeiten.
Was die Diagnostik umfasst
Die Fachübersicht von 2024 beschreibt für Kinder: eine mehrdimensionale Entwicklungs-, Sprach- und Intelligenzdiagnostik, eine körperliche und neurologische Untersuchung, bei erhärtetem Verdacht eine autismusspezifische standardisierte Abklärung (Beobachtung und Interview) und die Klärung von Begleiterkrankungen und anderen Erklärungen. Das Vorgehen solle partizipativ und transparent sein. [3] Einzelheiten: Ablauf einer Autismusdiagnostik und ADOS-2, ADI-R und Screening.
Die Leitlinie von 2016 nannte außerdem: Mindestens eine nahestehende Person, die das Kind seit der Kindheit kennt, soll einbezogen werden, dazu Berichte aus Kindergarten und Schule sowie Arztbriefe und Testbefunde. [1, Empf. 18] Mögliche Hör- und Sehstörungen sollen ausgeschlossen werden. [1, Empf. 31]
Wie früh ist eine Diagnose verlässlich?
Nach der Leitlinie bleibt eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum, die vor dem Alter von zwei Jahren gestellt wird, im Spektrum stabil (Evidenzlevel 1). Bei einer Diagnose zwischen zwei und sechs Jahren erfüllten knapp 10 % der Kinder nach zwei Jahren die Kriterien nicht mehr, vor allem Kinder mit der Erstdiagnose Asperger-Syndrom oder atypischer Autismus. Etwa 10 bis 30 % der Kinder mit Entwicklungsauffälligkeiten erhielten im Verlauf von ein bis zwei Jahren eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum. [1, Empf. 32] Konsensbasiert empfahl sie: [1, Empf. 33]
- Bei eindeutiger Symptomatik soll die Diagnose auch vor dem Alter von zwei Jahren gestellt und benannt werden.
- Kinder mit Entwicklungsstörungen sollen im gesamten Vorschulalter auch auf Autismus hin beobachtet werden.
- Bei der Erstdiagnose Asperger-Syndrom oder atypischer Autismus im Vorschulalter soll spätestens im Jahr vor der Einschulung die Diagnose nochmals überprüft werden.
- Vor der Einschulung soll bei allen Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung eine mehrdimensionale Intelligenzdiagnostik durchgeführt werden, sofern das Kind kooperiert; bei klinischer Indikation werden weitere Entwicklungsbereiche geprüft, insbesondere die Sprache.
Die Begriffe „Asperger-Syndrom“ und „atypischer Autismus“ stammen aus der damaligen ICD-10; heute werden sie unter der Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst. [3]
Nach der Diagnose
Die Diagnostik soll nicht bei der Diagnose enden: Zur Diagnostik gehört die Einschätzung der Kompetenzen und Schwierigkeiten im Alltag, die Ergebnisse sollen den Sorgeberechtigten ausführlich erklärt werden, und es sollen konkrete, individuelle Empfehlungen folgen. [1, Kap. B.1.3] Erste Schritte: Diagnose Autismus beim Kind: Wie geht es weiter?.
Was du sonst noch wissen solltest
- Lange Wartezeiten: Die Leitlinie nannte lange Wartezeiten für Diagnostiktermine in spezialisierten Stellen und für Therapieangebote (Stand 2016) und forderte eine möglichst frühe Diagnostik. [1, Kap. B.4.13.2] Wie es heute vor Ort aussieht, kannst du nur bei den Stellen erfragen.
- Nicht jeder Verdacht bestätigt sich: Bei Überweisung an Spezialsprechstunden wurde in Studien in 30 bis 70 % der Fälle eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum gestellt. [1, Kap. B.1.2] Auch ohne Autismus-Diagnose kann dein Kind Unterstützung brauchen.
- Nicht dargestellt: konkrete Einrichtungen. Verzeichnisse und Stellen findest du unter den Anlaufstellen: Anlaufstellen.
Häufige Fragen
Wer stellt die Autismus-Diagnose bei Kindern? Die Leitlinie von 2016 empfahl, dass die Diagnose in einer auf Autismus spezialisierten Stelle unter Einbeziehung einer Fachärztin oder eines Facharztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder einer speziell qualifizierten Fachperson der Kinder- und Jugendmedizin gestellt wird. [1, Empf. 17]
Wie läuft die Diagnostik bei Kindern ab? Nach dem Stufenkonzept zuerst eine zeitnahe, orientierende Abklärung mit altersgerechten Screening-Verfahren und klinischer Einschätzung, bei erhärtetem Verdacht eine umfassende Diagnostik in der spezialisierten Stelle. Die Eltern werden immer einbezogen. [1, Empf. 7, Kap. B.4.3.2] Einzelheiten: Ablauf einer Autismusdiagnostik.
Brauche ich eine Überweisung? Die Leitlinie hielt fest, dass Eltern in Deutschland die freie Arztwahl haben und sich zum Beispiel direkt an kinder- und jugendpsychiatrische Spezialsprechstunden wenden können. [1, Kap. B.1.1] Einzelne Stellen können eigene Anforderungen haben: Überweisung, Kosten und Wartezeiten.
Ab welchem Alter ist eine Diagnose verlässlich? Nach der Leitlinie bleibt eine Diagnose aus dem Autismus-Spektrum, die vor dem Alter von zwei Jahren gestellt wird, im Spektrum stabil; bei einer Diagnose zwischen zwei und sechs Jahren erfüllten knapp 10 Prozent der Kinder nach zwei Jahren die Kriterien nicht mehr. [1, Empf. 32]
Was kommt nach der Diagnose? Es sollen konkrete, individuelle Empfehlungen folgen. [1, Kap. B.1.3] Erste Schritte: Diagnose Autismus beim Kind: Wie geht es weiter?.
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- Überweisung, Kosten und Wartezeiten
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Quellen und Literatur
- DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 1: Diagnostik. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-018, Textstand 23.02.2016 (Kap. B.1, B.2.6.1, B.4.2, B.4.3, B.4.13; Empf. 7, 17, 18, 31–33). – Leitlinie (abgelaufen, laut Dokumentvermerk in Überarbeitung)
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Eintrag 028-018: „Gültig bis 04.04.2021“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
- Höhne E, Kamp-Becker I. Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störung. Pädiatrie 2024;(4+5):27–32. – Fachübersicht
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