Die Lüftung summt, nebenan klappert Geschirr, jemand spricht. Was für andere zum Hintergrund gehört, kann für Menschen mit Autismus dauerhaft Aufmerksamkeit beanspruchen oder unangenehm sein. Studien aus dem Jahr 2026 untersuchen, weshalb Gewöhnung und Vorhersehbarkeit dabei eine Rolle spielen.
Reize können stärker, schwächer oder anders ankommen
Reizverarbeitung beschreibt, wie das Gehirn Informationen aus den Sinnen verarbeitet und einordnet. Dazu gehören Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten, aber auch Gleichgewicht, Körperposition und Signale aus dem Körperinneren.
Bei Autismus können manche Sinneseindrücke besonders intensiv erlebt werden. Andere werden weniger deutlich bemerkt oder gezielt gesucht. Eine Person kann beispielsweise empfindlich auf Licht reagieren und gleichzeitig kräftigen Druck angenehm finden. Solche unterschiedlichen Bedürfnisse sind kein Widerspruch.
Auch innerhalb eines Sinnesbereichs kann die Wahrnehmung variieren. Selbst gewählte Musik und ein plötzliches Geräusch müssen deshalb nicht gleich belastend sein. Müdigkeit, Stress und die jeweilige Umgebung können ebenfalls einen Unterschied machen.
Grundlagen dazu erklärt unser Wissensartikel über Reizverarbeitung und Wahrnehmung bei Autismus.
Gewöhnung ist keine Frage des guten Willens
Normalerweise kann die Reaktion auf einen gleichbleibenden oder wiederholten Reiz mit der Zeit abnehmen. Dieser Vorgang heißt Habituation. Ein Geräusch verschwindet dabei nicht, beansprucht aber möglicherweise weniger Aufmerksamkeit.
Eine am 14. Februar 2026 veröffentlichte Untersuchung aus Italien befasste sich mit dieser Gewöhnung im Alltag. Das Team um Vincenza Tarantino verglich Fragebogenangaben von 53 Erwachsenen mit Autismus und 259 Erwachsenen ohne Autismus.
Die Gruppe mit Autismus berichtete im Durchschnitt, länger zur Gewöhnung an Sinneseindrücke zu benötigen. Langsamere Gewöhnung hing zudem mit stärkerer sensorischer Empfindlichkeit zusammen.
Die Forschenden maßen jedoch nicht unmittelbar, wie schnell sich das Gehirn an einzelne Reize gewöhnte. Die Angaben beruhten auf Selbsteinschätzungen. Zudem umfasste die Gruppe mit Autismus ausschließlich Erwachsene mit einem IQ von mindestens 80. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf alle Menschen mit Autismus übertragen.
Aus dieser Studie folgt auch keine Empfehlung, belastende Reize möglichst lange auszuhalten. Sie untersuchte Zusammenhänge, kein Gewöhnungstraining.
Eine Vorankündigung kann die Verarbeitung verändern
Ob ein Reiz überraschend kommt, ist eine weitere wichtige Frage. Eine US-Studie, online veröffentlicht am 30. Mai 2026, untersuchte 55 Jugendliche und junge Erwachsene mit Autismus sowie 28 ohne Autismus im funktionellen MRT.
Die Teilnehmenden erhielten leicht unangenehme Geräusch- und Berührungsreize. In einem Teil der Durchgänge kündigte ein Bild die kommende Reizkombination an, in anderen fehlte dieser Hinweis.
Bei nicht angekündigten Reizen reagierten sensorische Hirnregionen in der Gruppe mit Autismus stärker. Bei angekündigten Reizen ähnelten sich die Gruppenreaktionen insgesamt. Innerhalb der Gruppe mit Autismus waren ausgeprägtere sensorische Überreaktionen allerdings weiterhin mit stärkeren Antworten auf erwartete Reize verbunden.
Das spricht dafür, dass Vorhersehbarkeit für manche Menschen einen Unterschied machen kann. Eine Ankündigung beseitigt aber nicht automatisch die Belastung. Die Untersuchung belegt weder eine universelle Ursache sensorischer Schwierigkeiten noch die Wirksamkeit einer bestimmten Alltagshilfe.
Die Forschung findet mehr als einen einzelnen Reizfilter
Eine weitere Arbeit erschien online am 27. August 2026 und in der Oktoberausgabe von Autism Research. Sie untersuchte 52 Kinder und Jugendliche mit Autismus sowie 41 ohne Autismus im Alter von acht bis 18 Jahren.
Bei Geräusch- und Berührungsreizen zeigte die Gruppe mit Autismus stärkere Aktivität in bestimmten Teilen des Kleinhirns. Außerdem unterschied sich der Zusammenhang zwischen Kleinhirnaktivität und Gewöhnung in der Amygdala, einer unter anderem an emotionaler Bewertung beteiligten Hirnregion.
Die Befunde geben Hinweise auf das Zusammenspiel verschiedener Hirnregionen. Sie beweisen nicht, dass ein einzelnes Zentrum die Reizüberflutung verursacht. Zusammen mit den anderen Untersuchungen zeigen sie, weshalb das Bild eines grundsätzlich fehlenden Reizfilters zu kurz greift.
Entlastung beginnt bei der konkreten Umgebung
Für Unterstützung im Alltag muss nicht erst jeder Mechanismus erklärt sein. Die britischen NICE-Leitlinien empfehlen, individuelle sensorische Bedürfnisse zu berücksichtigen und die Umgebung entsprechend anzupassen. Bei Erwachsenen nennen sie unter anderem Beleuchtung, Geräuschpegel, persönlichen Abstand und regelmäßige Pausen.
Praktisch kann das bedeuten, störende Hintergrundgeräusche zu reduzieren, blendendes Licht zu verändern oder Gespräche in einen ruhigeren Raum zu verlegen. Für Kinder und Jugendliche empfiehlt NICE ebenfalls Anpassungen an Licht, Lärm und räumliche Bedingungen sowie verständliche visuelle Orientierungshilfen.
Welche Veränderung entlastet, sollte gemeinsam mit der betroffenen Person geklärt werden. Ein pauschales Programm für alle Sinnesbereiche wird unterschiedlichen Bedürfnissen nicht gerecht. Weitere Hinweise bietet unser Beitrag über das Erkennen und Vorbeugen von Reizüberflutung.
Bei Überlastung braucht es weniger zusätzliche Anforderungen
Wenn eine Situation bereits überwältigend geworden ist, empfiehlt die National Autistic Society, Raum und Zeit zur Erholung zu geben und belastende Reize zu verringern. Ein ruhiger Ort, weniger grelles Licht und Abstand zu einer Menschenmenge können dabei helfen.
Später lässt sich gemeinsam festhalten, was vorausging und welche Unterstützung hilfreich war. Entscheidend ist, die Wahrnehmung der Person ernst zu nehmen. Dass ein Geräusch andere nicht stört, sagt wenig darüber aus, wie belastend es für diesen Menschen ist.
Quellen
Tarantino und Team, Reduced Habituation: A Key to Understanding Sensory Sensitivity in Autism. Journal of Autism and Developmental Disorders, veröffentlicht am 14. Februar 2026.
Yosef und Team, Atypical Predictive Processing Is Associated With Sensory Over-Responsivity in Autism. Autism Research, online veröffentlicht am 30. Mai 2026, Ausgabe Juli 2026.
Cakar und Team, Atypical Cerebellar Responses are Associated with Altered Neural Habituation during Sensory Stimulation in Autism. Autism Research, online veröffentlicht am 27. August 2026, Ausgabe Oktober 2026.
National Autistic Society, Autism and sensory processing. Fachinformation, abgerufen am 28. Oktober 2026.
NICE CG142, Unterstützung von Erwachsenen mit Autismus. Veröffentlicht am 27. Juni 2012, aktualisiert am 14. Juni 2021, insbesondere Empfehlung 1.1.8.
NICE CG170, Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus. Veröffentlicht am 28. August 2013, aktualisiert am 14. Juni 2021, insbesondere Empfehlung 1.1.9.
National Autistic Society, Meltdowns. Fachinformation, abgerufen am 28. Oktober 2026.
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