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Forschung

Autismus und Lebenserwartung, große US-Studie zeigt deutliche Unterschiede

Eine Zahl aus einer großen amerikanischen Untersuchung könnte Menschen mit Autismus und ihre Angehörigen beunruhigen. Für eine Gruppe staatlich versicherter Menschen mit Autismus errechneten Forschende eine Lebenserwartung von knapp 65 Jahren. Gegenüber der gesamten US-Bevölkerung lag der statistische Wert fast 14 Jahre niedriger. Doch die Zahl beschreibt weder alle Menschen mit Autismus noch sagt sie voraus, wie alt ein einzelner Mensch werden wird. Die Studie zeigt vor allem, wie ernst gesundheitliche Risiken und Versorgungslücken genommen werden müssen.

Mehr als zwei Millionen Menschen mit Autismus untersucht

Die Untersuchung erschien am 10. September 2026 im Fachjournal JAMA Network Open. Forschende der Columbia University und der University of Colorado werteten Daten aus dem US-amerikanischen Versicherungsprogramm Medicaid aus. Erfasst wurden 2.048.046 Menschen mit einer dokumentierten Autismusdiagnose, die zwischen 2000 und 2020 dort versichert waren. Die Daten wurden mit dem nationalen Sterberegister verknüpft.

In den 21 untersuchten Jahren registrierte das Forschungsteam 18.268 Todesfälle innerhalb dieser Gruppe. Anschließend berechnete es die statistische Lebenserwartung anhand altersspezifischer Sterberaten und verglich die Ergebnisse mit anderen Medicaid-Versicherten sowie der gesamten US-Bevölkerung.

Was die Zahl von 64,9 Jahren tatsächlich bedeutet

Für die untersuchten Menschen mit Autismus errechneten die Forschenden eine statistische Lebenserwartung bei Geburt von 64,9 Jahren. Das waren 5,6 Jahre weniger als in der gesamten Medicaid-Versichertengruppe und 13,8 Jahre weniger als in der US-Gesamtbevölkerung.

Solche Berechnungen beruhen auf Sterberaten verschiedener Altersgruppen. Sie bedeuten nicht, dass die Mehrheit der untersuchten Menschen bereits mit 65 Jahren gestorben ist. Ebenso wenig ist das Ergebnis eine Vorhersage für heute lebende Kinder oder Erwachsene mit Autismus. Es beschreibt ein statistisches Modell auf Basis historischer Daten aus einem bestimmten Versicherungssystem.

Warum sich das Ergebnis nicht auf alle Menschen mit Autismus übertragen lässt

Medicaid ist in den USA vor allem für Menschen mit niedrigem Einkommen und bestimmte Menschen mit Behinderungen vorgesehen. Die dort erfassten Menschen mit Autismus unterscheiden sich deshalb möglicherweise deutlich von Menschen mit Autismus außerhalb des Programms. Sie könnten häufiger zusätzliche Erkrankungen, einen höheren Unterstützungsbedarf oder wirtschaftliche Belastungen haben.

Die Forschenden benennen diese Einschränkung selbst. Sie halten es für möglich, dass die berechnete Lebenserwartung die Situation aller Menschen mit Autismus zu ungünstig darstellt. Auch die Alters- und Geschlechtsverteilung unterschied sich zwischen den untersuchten Gruppen. Ein direkter Schluss auf die Lebenserwartung von Menschen mit Autismus in Deutschland wäre daher nicht wissenschaftlich gerechtfertigt.

Bei welchen Todesursachen die Unterschiede besonders groß waren

Die Studie untersuchte nicht nur die Lebenserwartung, sondern auch die dokumentierten Todesursachen. Nach einer Anpassung an Alter und Geschlecht lag das Sterberisiko in der Medicaid-Gruppe mit Autismus insgesamt um 44 Prozent höher als im Vergleich zur gesamten Medicaid-Versichertengruppe.

Besonders große relative Unterschiede fanden sich bei Todesfällen durch Grippe, Mangelernährung und Lungenentzündungen nach dem Eindringen von Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege. Erhöhte Werte zeigten sich außerdem bei bestimmten Unfällen und beim Ertrinken. Ein hoher relativer Wert bedeutet allerdings nicht, dass diese Ereignisse bei allen Menschen mit Autismus häufig vorkommen. Bei einzelnen Todesursachen waren die absoluten Fallzahlen vergleichsweise klein.

Die Daten zeigen Zusammenhänge, erklären aber nicht, weshalb diese Todesfälle häufiger auftraten. Aus der Studie lässt sich weder ableiten, dass Autismus selbst die jeweilige Erkrankung verursacht, noch wie groß der Einfluss einer bestimmten Versorgungslücke war.

Auch bei Frauen zeigte sich ein auffälliger Unterschied

Die Forschenden ermittelten bei versicherten Frauen mit Autismus eine größere Differenz zur weiblichen US-Gesamtbevölkerung als bei Männern im entsprechenden Vergleich. Für Frauen betrug der Unterschied 16,0 Jahre, für Männer 11,6 Jahre.

Diese Angaben sind ebenfalls Gruppenvergleiche und keine Prognosen für einzelne Personen. Die Untersuchung kann nicht eindeutig klären, welchen Anteil beispielsweise zusätzliche Erkrankungen, soziale Bedingungen, Diagnoseunterschiede und der Zugang zur medizinischen Versorgung daran haben.

Andere Untersuchungen kommen zu anderen Zahlen

Dass die Ergebnisse nicht für sämtliche Menschen mit Autismus gelten, zeigt auch ein Blick auf andere Studien. Eine britische Untersuchung, veröffentlicht im Fachjournal The Lancet Regional Health Europe, fand ebenfalls Hinweise auf eine erhöhte Sterblichkeit unter Menschen mit dokumentierter Autismusdiagnose. Die ermittelten Unterschiede variierten jedoch erheblich, unter anderem danach, ob zusätzlich eine intellektuelle Beeinträchtigung dokumentiert war.

Das britische Forschungsteam warnte ausdrücklich davor, entsprechende Durchschnittswerte auf alle Menschen mit Autismus zu übertragen. Viele Erwachsene hätten zum Zeitpunkt der Datenerhebung noch keine Diagnose gehabt. Dadurch könnten in den untersuchten Gesundheitsdaten Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf überrepräsentiert gewesen sein.

Was bessere Gesundheitsversorgung verändern könnte

Die amerikanischen Forschenden sehen in ihren Ergebnissen einen Anlass, medizinische Vorsorge und Unterstützungsangebote zu verbessern. Sie verweisen insbesondere auf behandelbare und möglicherweise vermeidbare Todesursachen. Ob konkrete Maßnahmen die festgestellte Differenz in der Lebenserwartung verringern, wurde in dieser Studie allerdings nicht getestet.

Für manche Menschen mit Autismus können bereits Terminvereinbarungen, lange Wartezeiten, unklare Abläufe oder sensorische Belastungen in Arztpraxen den Zugang zur Versorgung erschweren. Verständliche Informationen, verlässliche Absprachen, passende Kommunikationsformen und bei Bedarf Unterstützung durch vertraute Personen können dazu beitragen, notwendige Untersuchungen zugänglicher zu machen.

Mehr dazu erklärt unser Wissensartikel über Gesundheitsversorgung für Erwachsene mit Autismus. Konkrete Hinweise finden sich außerdem unter Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte vorbereiten.

Was Menschen mit Autismus und Angehörige daraus mitnehmen können

Die Studie ist kein Grund, aus einer Autismusdiagnose eine persönliche Lebenserwartung abzuleiten. Wichtiger ist, gesundheitliche Beschwerden ernst zu nehmen und medizinische Untersuchungen nicht allein deshalb ausfallen zu lassen, weil der Zugang schwierig ist. Regelmäßige Vorsorge und notwendige Behandlungen sollten sich am individuellen Gesundheitszustand orientieren.

Wer Schwierigkeiten hat, Symptome zu schildern oder einen Arzttermin zu organisieren, kann Beobachtungen vorab notieren, Fragen schriftlich mitnehmen oder nach einer geeigneten Begleitung fragen. Menschen mit Autismus brauchen nicht automatisch dieselben Hilfen. Entscheidend ist, dass die Versorgung zu ihrer konkreten Situation passt.

Die entscheidende Frage ist, welche Risiken vermeidbar sind

Die US-Studie macht auf gesundheitliche Ungleichheiten in einer großen Gruppe versicherter Menschen mit Autismus aufmerksam. Ihr Ergebnis von 64,9 Jahren darf jedoch nicht als allgemeine Lebenserwartung bei Autismus verbreitet werden. Dafür unterscheiden sich die untersuchten Menschen zu stark von der Gesamtbevölkerung, und die Daten reichen nur bis 2020.

Die eigentliche Botschaft liegt deshalb nicht in einer einzelnen erschreckenden Zahl. Entscheidend ist, warum bestimmte Gesundheitsrisiken in den Daten häufiger auftraten und welche medizinischen sowie sozialen Unterstützungsangebote dazu beitragen können, vermeidbare Todesfälle zu verhindern.

Quellen

Li, G. et al. Autism Spectrum Disorder and Life Expectancy Among Medicaid Beneficiaries. JAMA Network Open, 10. September 2026.

Columbia University Mailman School of Public Health. Autism Is Linked to 14-Year Deficit in Life Expectancy. Forschungsmitteilung vom 10. September 2026.

O’Nions, E. et al. Estimating life expectancy and years of life lost for autistic people in the UK. The Lancet Regional Health Europe, 2024.

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