Ein Kind mit Autismus gerät in der Schule immer wieder in schwierige Situationen. Irgendwann folgt eine Suspendierung, obwohl gerade in solchen Momenten verlässliche Unterstützung notwendig sein könnte. Dass Kinder mit Autismus besonders häufig vom Unterricht ausgeschlossen werden, zeigt eine britische Langzeitstudie mit mehr als 10.000 Jugendlichen.
Die im September 2026 veröffentlichte Untersuchung liefert auch Hinweise darauf, dass solche Ausschlüsse mit späteren Verhaltensproblemen zusammenhängen können. Für Schulen und Familien stellt sich damit eine grundlegende Frage. Werden Kinder ausreichend unterstützt, bevor ihre Schwierigkeiten zu einem Ausschluss vom Unterricht führen?
Mehr als jedes fünfte Kind mit Autismus war betroffen
Wissenschaftlerinnen des University College London untersuchten Daten von 10.228 Kindern und Jugendlichen aus der britischen Millennium Cohort Study. Die Langzeituntersuchung begleitet Menschen, die zwischen 2000 und 2002 geboren wurden.
Bei 160 Teilnehmenden hatten Eltern im Kindesalter eine Autismusdiagnose angegeben. Die Forschenden verglichen, wie häufig diese Jugendlichen während ihrer Schulzeit von einem zeitweisen oder dauerhaften Schulausschluss betroffen waren.
Das Ergebnis zeigt einen deutlichen Unterschied. Bis zum Alter von 14 Jahren waren 21,9 Prozent der Kinder mit Autismus mindestens einmal ausgeschlossen oder suspendiert worden. Bei den übrigen Kindern lag der Anteil bei 4,6 Prozent.
Damit war die beobachtete Häufigkeit bei Kindern mit Autismus fast fünfmal so hoch. Allerdings handelt es sich um ungewichtete Daten einer britischen Untersuchungsgruppe und nicht um eine Aussage über die Häufigkeit von Schulausschlüssen in Deutschland.
Auch bei der statistischen Berücksichtigung verschiedener familiärer und sozialer Einflussfaktoren blieb ein deutlicher Zusammenhang bestehen. Die berechneten Chancen eines Schulausschlusses waren bei Kindern mit Autismus mehr als doppelt so hoch.
Ausschlüsse können spätere Verhaltensprobleme verstärken
Die Studie untersuchte nicht nur, wie häufig Kinder ausgeschlossen wurden. Die Forschenden wollten auch wissen, ob solche Erfahrungen mit der psychischen Entwicklung im Jugendalter zusammenhängen.
Dafür nutzten sie Angaben, die die Jugendlichen im Alter von 17 Jahren selbst gemacht hatten. Erfasst wurden unter anderem emotionale Schwierigkeiten, Probleme mit Gleichaltrigen, Hyperaktivität und auffälliges Verhalten.
Dabei ergab sich ein kleiner, statistisch nachweisbarer indirekter Zusammenhang zwischen Autismus, früheren Schulausschlüssen und späteren nach außen gerichteten Verhaltensproblemen.
Dazu gehören beispielsweise ausgeprägte Schwierigkeiten mit Impulskontrolle, Konzentration oder dem Umgang mit Ärger. Die Forschenden vermuten, dass der Verlust schulischer Strukturen und unterstützender Beziehungen zu solchen Entwicklungen beitragen kann.
Für nach innen gerichtete Schwierigkeiten wie Ängste, depressive Beschwerden oder sozialen Rückzug fanden sie dagegen keinen entsprechenden statistisch nachweisbaren Vermittlungseffekt durch Schulausschlüsse.
Die Untersuchung belegt somit nicht, dass ein Ausschluss zwangsläufig zu einer psychischen Erkrankung führt. Sie weist auf einen möglichen zusätzlichen Risikofaktor hin, dessen Bedeutung für die einzelnen Kinder sehr unterschiedlich sein kann.
Warum Kinder mit Autismus häufiger in Konflikte geraten können
Für manche Kinder mit Autismus ist der Schulalltag mit erheblichen Belastungen verbunden. Lautstärke, unerwartete Veränderungen, unklare soziale Regeln und ständig wechselnde Anforderungen können Schwierigkeiten auslösen.
Ein Kind zieht sich möglicherweise zurück, wenn es überfordert ist. Ein anderes reagiert mit Unruhe oder kann seine Belastung nicht mehr angemessen mitteilen.
Werden solche Reaktionen ausschließlich als Regelverletzung oder absichtliche Störung verstanden, können Konflikte entstehen, ohne dass die eigentliche Ursache ausreichend berücksichtigt wird.
Die Forschenden diskutieren deshalb auch die Rolle der schulischen Umgebung. Fehlende Anpassungen, unzureichendes Fachwissen und starre Regeln könnten dazu beitragen, dass Kinder mit Autismus häufiger ausgeschlossen werden.
Diese Erklärungen sind fachliche Einordnungen der Autorinnen und keine einzeln nachgewiesenen Ursachen für jeden Ausschluss in der Studie.
Nicht jedes problematische Verhalten hängt unmittelbar mit Autismus zusammen. Schulen müssen auch die Sicherheit anderer Kinder und der Lehrkräfte gewährleisten. Entscheidend ist deshalb, Ursachen sorgfältig zu prüfen und geeignete Unterstützungsmöglichkeiten auszuschöpfen.
Wenn der Ausschluss wichtige Unterstützung unterbricht
Schule bedeutet für Kinder mehr als Unterricht. Sie bietet soziale Kontakte, vertraute Bezugspersonen, wiederkehrende Abläufe und die Möglichkeit, sich als Teil einer Gemeinschaft zu erleben.
Für manche Kinder mit Autismus sind diese Strukturen besonders bedeutsam. Werden sie plötzlich unterbrochen, kann das zusätzliche Unsicherheit auslösen.
Ein Schulausschluss kann deshalb über den eigentlichen Unterrichtsausfall hinausreichen. Freundschaften lassen sich möglicherweise schwerer aufrechterhalten, gewohnte Abläufe brechen weg und die Rückkehr in die Klasse kann belastend werden.
Die Studie diskutiert solche Verluste als mögliche Erklärung für den beobachteten Zusammenhang mit späteren Verhaltensproblemen.
Allerdings ist die Wirkung nicht bei allen Kindern gleich. Wer in der Schule wiederholt überfordert oder ausgegrenzt wird, kann eine vorübergehende Unterbrechung auch als Entlastung erleben.
Das unterstreicht, wie wichtig es ist, nicht nur über die Dauer eines Ausschlusses zu entscheiden. Ebenso bedeutsam ist die Frage, welche Bedingungen bei der Rückkehr verändert werden müssen.
Die Untersuchung hat wichtige Grenzen
Die Datengrundlage umfasst zwar mehr als 10.000 Jugendliche, darunter waren jedoch nur 160 mit einer von den Eltern angegebenen Autismusdiagnose. Für detaillierte Aussagen über unterschiedliche Untergruppen ist diese Zahl begrenzt.
Die Angaben zu den Ausschlüssen stammten ebenfalls von den Eltern. Außerdem berücksichtigte die statistische Auswertung nicht alle denkbaren Einflussfaktoren.
Der nachgewiesene indirekte Effekt auf spätere Verhaltensprobleme war klein. In einer zusätzlichen Analyse, die ausschließlich zeitweise Suspendierungen berücksichtigte, war dieser Effekt statistisch nicht mehr eindeutig nachweisbar.
Die Autorinnen weisen deshalb selbst darauf hin, dass größere Untersuchungen notwendig sind. Insbesondere bleibt offen, welchen eigenständigen Einfluss ein Ausschluss hat und welche Schwierigkeiten bereits zuvor innerhalb der Schule bestanden.
Die Studie rechtfertigt daher weder die Aussage, dass jeder Schulausschluss psychische Probleme verursacht, noch lässt sich aus ihr eine konkrete Risikoprognose für ein einzelnes Kind ableiten.
Was die Ergebnisse für Schulen in Deutschland bedeuten
Die britischen Zahlen lassen sich nicht unmittelbar auf deutsche Schulen übertragen. Auch unterscheiden sich die rechtlichen Voraussetzungen für Suspendierungen und dauerhafte Schulausschlüsse.
In Deutschland regeln die Bundesländer, welche Erziehungsmaßnahmen und Ordnungsmaßnahmen zulässig sind. Entsprechend müssen die rechtlichen Voraussetzungen anhand des jeweiligen Schulgesetzes geprüft werden.
Die fachliche Frage ist jedoch vergleichbar. Wie können Schulen verhindern, dass Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf erst dann zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten, wenn ein Konflikt bereits eskaliert ist?
Die Kultusministerkonferenz betont in ihren Empfehlungen zur schulischen Unterstützung von Kindern mit emotionalen und sozialen Entwicklungsbedarfen die Bedeutung von Prävention, individueller Förderung und Zusammenarbeit.
Bei Kindern mit Autismus kann das beispielsweise bedeuten, belastende Situationen frühzeitig zu erkennen, Rückzugsmöglichkeiten vorzusehen und Kommunikationsbedingungen anzupassen.
Auch klare Tagesstrukturen und verlässliche Absprachen mit Eltern und beteiligten Fachkräften können hilfreich sein. Welche Maßnahmen geeignet sind, hängt vom individuellen Bedarf und von den Bedingungen der jeweiligen Schule ab.
Eltern sollten wiederkehrende Konflikte genau dokumentieren
Wenn ein Kind mit Autismus immer wieder vom Unterricht ausgeschlossen wird oder die Schule regelmäßig darum bittet, es vorzeitig abzuholen, sollten die Gründe möglichst konkret geklärt werden.
Eine wichtige Frage ist, was unmittelbar vor dem jeweiligen Vorfall passiert ist. Gab es eine unerwartete Veränderung, Streit mit anderen Kindern, besondere Geräuschbelastungen oder Schwierigkeiten bei der Verständigung?
Ebenso sollte dokumentiert werden, welche Unterstützung bereits vorhanden war und welche Maßnahmen möglicherweise gefehlt haben.
Eltern können die Schule um ein gemeinsames Gespräch bitten, an dem gegebenenfalls auch die Schulbegleitung, sonderpädagogische Fachkräfte oder weitere beteiligte Stellen teilnehmen.
Hilfreich sind nachvollziehbare schriftliche Vereinbarungen über Maßnahmen, Zuständigkeiten und einen Zeitpunkt zur Überprüfung.
Unser Wissensartikel Gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule erläutert, wie sich solche Absprachen vorbereiten und festhalten lassen.
Wichtig ist außerdem die Unterscheidung zwischen einer förmlichen Ordnungsmaßnahme und einer informellen Bitte, das Kind zu Hause zu lassen. Für beide Situationen können unterschiedliche rechtliche und organisatorische Fragen entstehen.
Bei förmlichen Maßnahmen sollten Eltern sich die Entscheidung und die rechtliche Grundlage erläutern lassen. Die konkreten Möglichkeiten eines Rechtsbehelfs richten sich nach dem jeweiligen Landesrecht und der Art der Entscheidung.
Unterstützung muss vor einer Eskalation beginnen
Die Ergebnisse der Studie sprechen dafür, schulische Schwierigkeiten nicht nur als Problem des einzelnen Kindes zu betrachten. Auch die Bedingungen, unter denen ein Kind lernen und am Schulleben teilnehmen soll, verdienen Aufmerksamkeit.
Eine individuell passende Schulbegleitung kann beispielsweise Orientierung geben, Kommunikationssituationen unterstützen und dabei helfen, belastende Übergänge zu bewältigen.
Ebenso können Veränderungen im Unterricht, angepasste Pausen oder ein vereinbarter Rückzugsort notwendig sein. Nicht jedes Kind benötigt dieselben Maßnahmen.
Eine weitere Möglichkeit ist der Nachteilsausgleich. Er soll Schülerinnen und Schülern ermöglichen, ihre Fähigkeiten unter geeigneten Bedingungen zu zeigen, ohne die fachlichen Anforderungen grundsätzlich abzusenken.
Wie solche Anpassungen geregelt sind, unterscheidet sich zwischen den Bundesländern. Grundlagen erläutert unser Beitrag Nachteilsausgleich in der Schule.
Wenn Kinder wegen starker emotionaler Belastungen den Schulbesuch zunehmend vermeiden, handelt es sich zudem nicht automatisch um einen Schulausschluss. Diese Problematik wird in unserem Wissensartikel Schulvermeidung und Schulabsentismus bei Autismus gesondert erklärt.
Die Studie fordert einen anderen Blick auf schulische Konflikte
Die britische Langzeituntersuchung zeigt, dass Schulausschlüsse bei Kindern mit Autismus in der untersuchten Gruppe erheblich häufiger vorkamen als bei anderen Kindern.
Darüber hinaus liefert sie Hinweise darauf, dass solche Erfahrungen einen kleinen Beitrag zur Entwicklung späterer Verhaltensprobleme leisten können. Der Zusammenhang ist begrenzt und erklärt nicht die gesamte psychische Entwicklung.
Für die schulische Praxis ergibt sich dennoch eine wichtige Frage. Wird das Verhalten eines Kindes ausreichend verstanden, bevor die Schule zu ausschließenden Maßnahmen greift?
Eine gute Unterstützung muss nicht jeden Konflikt verhindern können. Sie sollte aber dazu beitragen, unnötige Ausschlüsse zu vermeiden und den betroffenen Kindern eine verlässliche Teilnahme am Schulalltag zu ermöglichen.
Quellen
Yeoman, Molly, Vanessa Cieplinska, Valerie Lye und Vaso Totsika (26. September 2026). School Exclusion as a Partial Mediator Between Autism and Adolescent Mental Health. Journal of Autism and Developmental Disorders.
Kultusministerkonferenz (13. Dezember 2024). Empfehlungen zur schulischen Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit emotionalen und sozialen Entwicklungsbedarfen.
Kultusministerkonferenz (August 2026). Übersicht der Schulgesetze der Bundesländer.
Kultusministerkonferenz (16. Juni 2000). Empfehlungen zu Erziehung und Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit autistischem Verhalten.
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