Eine Autismus-Diagnose kann sich über Jahre hinziehen. Arztbesuche scheitern mitunter an überfüllten Wartezimmern oder schwieriger Kommunikation, und in Schulen und Betrieben fehlt häufig das Wissen über passende Unterstützung. Eine neue Untersuchung im Auftrag des sächsischen Sozialministeriums beschreibt solche Hürden und nennt konkrete Vorschläge für Veränderungen. Die Ergebnisse wurden am 15. Oktober 2026 veröffentlicht und sollen in Sachsens neuen Aktionsplan für Inklusion einfließen.
Vier Bereiche mit dringendem Handlungsbedarf
Das Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik untersuchte die Lebenssituation von Menschen mit Autismus, Taubblindheit sowie Angelman- und Prader-Willi-Syndrom. Neben der Auswertung vorhandener Daten führten die Forschenden 44 Interviews mit insgesamt 53 Betroffenen und Angehörigen. Hinzu kamen eine Angebotsrecherche und Arbeitskreise, an denen insgesamt 49 Personen teilnahmen.
Für Menschen mit Autismus identifizierte das Forschungsteam vier vorrangige Handlungsfelder. Der Zugang zur Diagnostik soll verbessert werden, Arztpraxen sollen besser auf individuelle Bedürfnisse eingehen, Schulen sollen Barrieren abbauen und die berufliche Teilhabe soll gezielter unterstützt werden. Das sind Empfehlungen der Studie, keine bereits beschlossenen neuen Leistungen.
Zu wenige Diagnoseangebote und kaum verlässliche Zahlen
Bei der Recherche in Sachsen fanden die Forschenden vier Anlaufstellen für die Diagnostik Erwachsener und 13 für Kinder. Die Liste ist ausdrücklich nicht vollständig. Von 27 angeschriebenen Stellen antworteten nur sechs. Die tatsächlichen Kapazitäten lassen sich daher nicht zuverlässig für das ganze Bundesland beziffern.
Wie schwierig die Lage an einzelnen Standorten ist, zeigt das Beispiel Leipzig. Die dortige Klinikambulanz gab für Erwachsene Wartezeiten von drei bis dreieinhalb Jahren an. Ihre Warteliste war laut den für die Untersuchung erhobenen Angaben bis Dezember 2028 geschlossen. Die Dresdner Universitätsambulanz hatte die Diagnostik für Erwachsene bereits im März 2025 eingestellt.
Die Forschenden empfehlen eine landesweite Übersicht der Diagnostikstellen samt Auslastung, eine Prüfung regionaler Engpässe und den bedarfsgerechten Ausbau von Angeboten. Außerdem regen sie eine verbindliche Obergrenze für Wartezeiten an. Wann und ob eine solche Grenze eingeführt wird, ist offen. Hilfen bei der Suche nach Diagnostikstellen erklärt unser Wissensartikel zu Kosten und Wartezeiten der Autismus-Diagnostik.
Mehr Rücksicht in Arztpraxen gefordert
Mit einer Diagnose allein sind die Schwierigkeiten im Gesundheitssystem nicht beendet. Interviewte berichteten, dass bereits die telefonische Terminvereinbarung eine Hürde sein kann. Ungewisse Wartezeiten, volle Wartezimmer und fehlendes Verständnis für sensorische Besonderheiten können einen Arztbesuch zusätzlich erschweren.
Die Untersuchung schlägt deshalb Fortbildungen für medizinisches Personal und gemeinsame Qualitätskriterien für autismussensible Praxen vor. Denkbar wäre auch ein öffentlich zugängliches Verzeichnis von Praxen, die bestimmte freiwillige Standards erfüllen. Ein solches landesweites Kennzeichnungssystem besteht aufgrund der Studie noch nicht. Wie sich Arztbesuche besser vorbereiten lassen, erläutern wir im Beitrag Arztbesuch und Krankenhaus gut vorbereiten.
Schulen brauchen mehr Wissen und Rückzugsräume
Auch der Schulalltag nahm in den Gesprächen breiten Raum ein. Eltern und andere Beteiligte berichteten von fehlenden Rückzugsmöglichkeiten, nicht ausreichend qualifizierter Begleitung und Lehrkräften, die autistische Verhaltensweisen missverstehen. Solche Erfahrungen können den Schulbesuch erheblich belasten. Sie sind jedoch nicht als repräsentatives Bild sämtlicher Schulen in Sachsen zu verstehen.
Das Forschungsteam empfiehlt verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte, verständliche Unterrichtsmaterialien, mehr Aufklärung innerhalb der Schülerschaft und reizärmere Lernorte. Diskutiert wurde auch ein eigener sonderpädagogischer Förderschwerpunkt Autismus. Die Studie benennt dazu ausdrücklich Gegenargumente, etwa mögliche Stigmatisierung und das Risiko zusätzlicher Aussonderung. Konkrete Hinweise für Schulen enthält unser Wissensartikel über Schülerinnen und Schüler mit Autismus im Unterricht.
Jobcenter und Arbeitgeber sollen besser beraten
Bei der Arbeitssuche und im Berufsleben beschrieben Teilnehmende Probleme durch unklare Arbeitsabläufe, fehlende Rückzugsmöglichkeiten und wenig Verständnis für individuelle Belastungsgrenzen. Auch die Beratung in Jobcentern und Arbeitsagenturen wurde von Beteiligten als teilweise unzureichend erlebt.
Die Studie schlägt Schulungen für Fachkräfte in der Arbeitsvermittlung und bei Integrationsfachdiensten vor. Darüber hinaus sollen gelungene Beispiele autismussensibler Arbeitsplätze bekannter gemacht und geeignete Anpassungen gefördert werden. Dazu gehören etwa ruhige Arbeitsbereiche, klare Strukturen und flexible Arbeitszeiten. Welche Unterstützung bereits heute möglich ist, zeigt unser Ratgeber zu Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben.
Sachsen prüft den Weg zu verbindlichen Verbesserungen
Die Autorinnen und Autoren empfehlen für die untersuchten Behinderungsformen eine eigenständige Strategie, damit Maßnahmen, Zuständigkeiten und Ressourcen langfristig festgelegt werden können. Sie halten diesen Weg für zielgerichteter als die bloße Aufnahme einzelner Punkte in einen allgemeinen Aktionsplan.
Das Sozialministerium hat angekündigt, die Ergebnisse in die Erarbeitung des Aktionsplans 3.0 zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention einzubeziehen. Eine eigenständige Strategie, zusätzliche Diagnostikplätze oder verpflichtende Fortbildungen sind damit noch nicht beschlossen. Erst die weiteren politischen Entscheidungen werden zeigen, welche Empfehlungen tatsächlich umgesetzt und finanziert werden.
Was die Untersuchung aussagen kann
Die Studie ist keine repräsentative Befragung aller Menschen mit Autismus in Sachsen. Sie verbindet Interviews und Beteiligungsrunden mit einer Bestandsaufnahme vorhandener Angebote. Weil die Leistungsträger kaum ausreichend auswertbare Daten lieferten und nur wenige Diagnostikstellen auf die Befragung antworteten, kann das Forschungsteam Versorgungslücken nicht flächendeckend beziffern.
Dennoch liefert die Untersuchung eine Grundlage für konkrete politische Entscheidungen. Die von Beteiligten benannten Hürden werden in mehreren Lebensbereichen gebündelt und mit konkreten Handlungsvorschlägen verbunden. Für Menschen mit Autismus und ihre Angehörigen bleibt entscheidend, ob daraus in Sachsen tatsächlich mehr zugängliche Diagnostik, verlässlichere Unterstützung und passende Angebote entstehen.
Quellen
ISG Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik. Studie zur Ermittlung besonderer Unterstützungsbedarfe von Menschen mit spezifischen Behinderungen. Abschlussbericht vom 15. Juli 2026, veröffentlicht am 15. Oktober 2026.
Sächsisches Staatsministerium für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Barrieren und Bedarfe von Menschen mit spezifischen Behinderungen. Medieninformation vom 15. Oktober 2026.
Sächsische Staatsregierung. Gesundheit und Rehabilitation mit Studie und Dokumentation des Beteiligungsverfahrens.
Fehler gefunden?
Wenn etwas sachlich falsch, veraltet oder unklar ist, sag uns Bescheid. Du musst keine persönlichen Daten angeben.



