Kurz erklärt
Ob Bildschirmzeit etwas mit Autismus zu tun hat, ist offen: Eine Metaanalyse mit 46 Studien fand einen Zusammenhang, der nach Berücksichtigung von Veröffentlichungsverzerrung nicht mehr statistisch bedeutsam war; die Richtung des Zusammenhangs ist unklar. [2] Eine weitere Metaanalyse zeigt, dass Menschen im Autismus-Spektrum im Schnitt höhere Werte bei problematischer Internetnutzung (46 Studien) und geringere Nutzung sozialer Medien (15 Studien) haben, am deutlichsten beim problematischen Spielen. [1] Aus Zusammenhängen folgt keine Ursache: Bildschirme verursachen nach diesen Studien nicht Autismus, und Autismus erklärt nicht jede starke Nutzung. Geprüfte Regeln für den Alltag gibt es kaum.
Bildschirmzeit und Autismus: Was die Metaanalyse sagt
Ophir und Kolleg:innen werteten 46 Beobachtungsstudien (fünf Längsschnittstudien, 41 Querschnittsstudien) mit 66 Effektstärken aus 4.682 gefundenen Studien aus. Sie fanden einen kleinen, statistisch bedeutsamen Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Autismus, am stärksten bei Studien zur allgemeinen Bildschirmnutzung von Kindern unter zwölf Jahren. Nach Berücksichtigung von Veröffentlichungsverzerrung (nicht alle Ergebnisse werden veröffentlicht) war der Zusammenhang gering und nicht mehr bedeutsam. Die Autor:innen bezeichnen die Ergebnisse als nicht schlüssig und die Frage als noch lange nicht geklärt. [2]
Die Studien sind Beobachtungsstudien und zeigen nur, dass beides zusammen vorkommt. Es könnte auch sein, dass Kinder mit Autismus Bildschirme besonders anziehend finden oder dass Eltern bei Kindern mit Diagnose großzügiger sind; die Autor:innen nennen solche Erklärungen ausdrücklich. [2]
Die Art der Nutzung zählt
In der Metaregression verschwand der Zusammenhang, wenn Fernsehen, Videospiele, Computer und Smartphones getrennt betrachtet wurden; für soziale Medien fanden die Autor:innen sogar einen negativen Zusammenhang mit Autismus. Sie schließen, dass die Unterscheidung nach Gerät und Tätigkeit wichtig ist und erklären könnte, warum Studien Unterschiedliches finden.
Bildschirmnutzung könne positive wie negative Folgen haben: Hintergrundfernsehen schnitt in verwandten Metaanalysen schlechter ab, Lernprogramme und gemeinsames Schauen besser; manche Spiele wurden eigens für Kinder mit Autismus entwickelt, um emotionale Unterstützung und Freude zu bieten. [2] Die Autor:innen sehen ihre Ergebnisse als vorläufigen Hinweis, der bestehende ärztliche Empfehlungen zur Begrenzung der Bildschirmzeit bei kleinen Kindern stützt; Eltern sollten darauf achten, dass Bildschirmzeit nicht auf Kosten realer Erfahrungen und Beziehungen geht. Das ist die Einschätzung der Autor:innen, kein Ergebnis der Auswertung. [2]
Problematische Internetnutzung und Gaming
Muris und Kolleg:innen führten zwei Metaanalysen durch. In der ersten (46 Studien, 42.274 Teilnehmende: 26 zu allgemeiner problematischer Nutzung, 15 zu problematischem Spielen, 5 zu übermäßiger Smartphone-Nutzung) hing Autismus oder ein höheres Maß an Merkmalen von Autismus mit problematischer Internetnutzung zusammen (mittlere Effektgröße r = 0,26). Beim problematischen Spielen war der Zusammenhang stärker (r = 0,31) als bei allgemeiner problematischer Nutzung (r = 0,24); bei übermäßiger Smartphone-Nutzung zeigte sich kein bedeutsamer Zusammenhang.
Die Autor:innen erklären das so: Spiele haben eingebaute Belohnungen und sind klar umrissen, während „problematische Internetnutzung“ vieles umfasst. Bei Kindern und Jugendlichen war der Zusammenhang schwächer als bei jungen Erwachsenen; möglich ist, dass Eltern die Nutzung in jungen Jahren stärker steuern. Die Ergebnisse streuen sehr stark zwischen den Studien (Heterogenität I² = 95,5 %). [1]
Soziale Medien: weniger Nutzung, aber kein Rückzug aus dem Netz
In der zweiten Metaanalyse (15 Studien, 7.036 Teilnehmende) nutzten Menschen im Autismus-Spektrum soziale Medien weniger (r = −0,28); 13 von 15 Studien fanden das. Die Autor:innen sehen das als vorläufig, weil es nur wenige Studien gibt und Veröffentlichungsverzerrung nicht auszuschließen ist. Sie vermuten, dass Menschen im Autismus-Spektrum durchaus Kontakt suchen, dafür aber andere digitale Angebote wie Spiele nutzen. Die Messung sozialer Medien war meist grob (zum Beispiel nur die Häufigkeit des Besuchs). [1]
Wie belastbar sind die Studien?
Die Qualität der Studien bewerten die Autor:innen als „mäßig“: Autismus wurde oft ohne Standardverfahren erfasst (bei 17 der 46 Studien war die Diagnose unklar oder selbstberichtet), die problematische Nutzung meist per Selbstauskunft, die auch zu niedrig angegeben werden kann. Die meisten Studien sind Querschnittsstudien, viele Teilnehmende gehören zum Teil mit geringerem Unterstützungsbedarf, Mädchen und Frauen wurden kaum getrennt betrachtet. [1]
Was das für Alltag und Familie heißt
Die gelesenen Metaanalysen prüfen keine Maßnahmen und geben keine Zeitgrenzen vor. Wenn Nutzung den Schlaf, die Schule oder Beziehungen belastet, lohnt ein Gespräch darüber, was die Bildschirmzeit für die Person bedeutet (Rückzug, Entspannung, Kontakt, Spezialinteresse). Das ist eine Einordnung der Redaktion, die ausdrücklich nicht belegt ist. Spielen und Online-Kontakte können auch soziale Bedeutung haben.
Wenn jemand kaum noch schläft, die Schule verweigert, sich stark zurückzieht oder Gewalt bei Einschränkungen auftritt, kann Beratung oder Therapie sinnvoll sein; die Metaanalysen prüfen dazu keine Behandlungen. Mehr zu Spezialinteressen: Freizeit und Spezialinteressen; zu Routinen: Routinen, Struktur und Vorhersehbarkeit im Alltag; zu Konflikten zu Hause: Familienalltag mit einem Kind im Autismus-Spektrum; zu Beratung: Psychotherapie für Menschen mit Autismus.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Was wir wissen: Autismus und problematische Internetnutzung kommen häufiger gemeinsam vor als bei Menschen ohne Autismus, am deutlichsten beim problematischen Spielen; soziale Medien werden im Schnitt weniger genutzt. [1]
Offen:
- Ob und in welche Richtung Bildschirmzeit und Autismus zusammenhängen. [2]
- Wie belastbar Selbstauskünfte zur Internetnutzung sind. [1]
- Welche Maßnahmen im Alltag wirken: Die Metaanalysen prüfen keine.
- Positive Seiten (Kontakt, Lernen, Spezialinteressen) sind in den gelesenen Quellen kaum untersucht. [2]
- Für Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf, Mädchen und Frauen sind die Ergebnisse kaum aussagekräftig. [1]
Häufige Fragen
Verursacht Bildschirmzeit Autismus? Nein, das lässt sich aus den gelesenen Studien nicht ableiten. Eine Metaanalyse mit 46 Studien fand einen Zusammenhang, der nach Berücksichtigung von Veröffentlichungsverzerrung nicht mehr bedeutsam war; die Richtung des Zusammenhangs ist unklar. [2]
Spielen Menschen mit Autismus häufiger problematisch am Computer? Eine Metaanalyse fand höhere Werte bei problematischer Internetnutzung, am deutlichsten beim problematischen Spielen; die Ergebnisse streuen stark zwischen den Studien. [1]
Nutzen Menschen mit Autismus weniger soziale Medien? Im Schnitt ja, nach 15 Studien; das gilt als vorläufig. [1]
Wie viel Bildschirmzeit ist in Ordnung? Die gelesenen Metaanalysen geben keine Zeitgrenzen vor und prüfen keine Maßnahmen. Wenn die Nutzung Schlaf, Schule oder Beziehungen belastet, lohnt ein Gespräch darüber, was sie für die Person bedeutet (Einordnung der Redaktion). Mehr: Routinen, Struktur und Vorhersehbarkeit im Alltag.
Das könnte dich auch interessieren
- Freizeit und Spezialinteressen
- Routinen, Struktur und Vorhersehbarkeit im Alltag
- Familienalltag mit einem Kind im Autismus-Spektrum
- Psychotherapie für Menschen mit Autismus
Quellen und Literatur
- Muris P, Otgaar H, Donkers F, Ollendick TH, Deckers A: Caught in the Web of the Net? Part I: Meta-analyses of Problematic Internet Use and Social Media Use in (Young) People with Autism Spectrum Disorder. Clinical Child and Family Psychology Review 2025;28(2):392-413. https://doi.org/10.1007/s10567-025-00524-8 (frei lesbar, CC BY; online 23.04.2025) – Metaanalysen (46 und 15 Studien)
- Ophir Y, Rosenberg H, Tikochinski R, Dalyot S, Lipshits-Braziler Y: Screen Time and Autism Spectrum Disorder: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Network Open 2023;6(12):e2346775. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2023.46775 (frei lesbar, CC BY) – Systematischer Review mit Metaanalyse (46 Studien)
Das könnte dich auch interessieren
WissensartikelAlltag gestalten
Unterwegs: Öffentlichkeit, Einkaufen und Reisen
WissensartikelAlltag gestalten
Freizeit bei Autismus: Angebote und Interessen
WissensartikelAlltag gestalten
Reizüberflutung erkennen und vorbeugen
WissensartikelAlltag gestalten
Overload, Meltdown und Shutdown: Unterschiede verstehen
Fehler gefunden?
Wenn etwas sachlich falsch, veraltet oder unklar ist, sag uns Bescheid. Du musst keine persönlichen Daten angeben.