Kurz erklärt
Öffentliche Orte wie Supermarkt, Bahnhof oder Flughafen sind laut Studien oft von Reizen, Menschenmengen und unklaren Abläufen geprägt, die für viele Menschen im Autismus-Spektrum anstrengend sind. In einer Fallstudie mit sechs Erwachsenen verbrachten die mit ausgeprägter Reizempfindlichkeit weniger Zeit im öffentlichen Raum und besuchten weniger Orte. [1] Für Flughäfen empfehlen Autor:innen aus der Praxis unter anderem natürliches Licht, ruhige Bereiche, klare Hinweise und Vorbereitungshilfen. [4] Die Forschung dazu ist klein und überwiegend qualitativ; geprüfte Strategien für Einkaufen und Reisen gibt es kaum.
Warum Unterwegssein anstrengend sein kann
In einer Fallstudie mit sechs Erwachsenen (29 bis 51 Jahre) und ihren Betreuungspersonen hatte jede Person ein eigenes Muster der Reizverarbeitung, das beeinflusste, wohin sie gingen, was sie taten, wie lange sie unterwegs waren und welche Orte sie bevorzugten. Wer empfindlich auf Reize reagierte und sie vermied, beschrieb bestimmte Umgebungen als überwältigend und erschöpfend und war weniger lange und an weniger Orten unterwegs. Als Hilfen nannten Teilnehmende feste Tagesabläufe und „Sinnesanker“. Auch Verkehrsanbindung, Arbeit, Geld und Wohnsituation beeinflussten die Teilhabe. [1] Mehr zu Reizen: Reizüberflutung erkennen und vorbeugen.
Sinnesfreundliche Orte und was Betroffene sich wünschen
In einem partizipativen Projekt (2014 bis 2021) mit Kindern und Jugendlichen im Autismus-Spektrum, ihren Familien und einer erwachsenen Mentorin zeigte sich, dass Sinneserfahrungen und seelische Gesundheit sowie Sinnes- und soziale Erfahrungen eng verflochten sind. Die Beteiligten forderten Räume, in denen Sinnesbedürfnisse berücksichtigt werden („sinnesfreundliche Zonen“). Die Ergebnisse stammen aus einer Stadt, und die Pandemie unterbrach die Arbeit. [3]
Beispiel Flughafen: was Menschen im Autismus-Spektrum dort bewerten
Eine Analyse von Berichten, die Menschen im Autismus-Spektrum selbst an sechs australischen Flughäfen erstellten (2017 bis 2024), nannte als Hürden überwältigende Sinneseindrücke, strenge Sicherheitskontrollen und Gedränge. Zwei Themen ergaben sich: sich in der Sinneslandschaft zurechtfinden und Reisenden helfen, sich sicher zu orientieren. [4]
Sehen: Als hilfreich wurden Materialien genannt, die Blendung und Spiegelungen verringern (zum Beispiel eine Holzdecke oder Teppich, der Deckenlicht nicht zurückwirft) und Pflanzen als angenehme visuelle Anregung. Als schwierig galten Glas, Fliesen und spiegelnde Flächen, grün getöntes Glas und flackerndes Halogenlicht. Empfohlen wurden matte Oberflächen und warmes LED-Licht mit Diffusorplatten, ruhige Farben statt grellem Weiß. [4]
Hören: Positiv fielen Schallschutz an Decken, Teppichböden, Luftschleusen am Eingang für sanftere Übergänge und ein beruhigendes Wassergeräusch auf. Probleme waren fehlender Schallschutz in großen, harten Hallen sowie plötzliche Geräusche wie Piepen oder laute Funkgeräte des Personals. [4]
Orientierung: Die Berichte betonen Ruheräume, in denen man sich vor oder nach dem Flug erholen kann, Informationen zur Vorbereitung vor der Reise, gut verständliche Wegweiser und Steuerung von Warteschlangen und Menschenmengen, damit der Ablauf vorhersehbar bleibt. [4]
Die Autor:innen nennen Grenzen: Die Gutachten stammen von vier Berater:innen, das Bewertungsraster ist nicht fachlich begutachtet und entwickelte sich über die Jahre weiter, und Autor:innen und Berater:innen gehören demselben Anbieter an. [4]
Eine spanische Studie mit 25 Familien (2015 bis 2016, mit Fluggesellschaft und Flughafenbetreiber) stellte fest, dass das Flughafenerlebnis für Familien stressig sein kann, und leitete Empfehlungen für Flughäfen ab. [2]
Was sich vorbereiten lässt
Aus den Quellen lässt sich als Muster ablesen: Vorhersehbarkeit und Vorbereitung sind einer der acht Bereiche, nach denen die Flughäfen bewertet wurden, ebenso Hilfen zur Kommunikation und Sinnesanpassungen. [4] Als Ideen der Redaktion (keine Studienbefunde): Ablauf vorher durchsprechen, Bilder oder Fotos des Ortes ansehen, Zeiten mit weniger Betrieb wählen, Kopfhörer oder Pausenorte einplanen, einen Plan B und einen Rückzugsort festlegen. Mehr zur Vorbereitung von Veränderungen: Veränderungen und Übergänge gut vorbereiten.
Was Orte tun können
Wer Orte gestaltet oder Veranstaltungen plant, findet in den Analysen konkrete Hinweise: natürliches Licht, ruhige Bereiche, klare Beschilderung, Informationen im Voraus, Personal, das Hilfen kennt. [4] Die Beteiligung von Betroffenen bei der Gestaltung wird von den Autor:innen als besonders wichtig bezeichnet. [4] [3]
Was wissen wir – was ist noch offen?
Was wir wissen: Reize und Gedränge schränken die Teilhabe vieler Menschen im Autismus-Spektrum ein, doch die Muster sind individuell. [1]
Offen:
- Die Studien sind klein und qualitativ; Häufigkeiten und Wirksamkeit von Maßnahmen sind unbekannt. [1] [3]
- Es fehlen geprüfte Anleitungen für Einkaufen, Reisen und öffentliche Verkehrsmittel.
- Die Ergebnisse stammen aus Australien, Spanien und Nordamerika; Deutschland wurde nicht untersucht. [4] [2]
- Das Bewertungsraster der Flughafenstudie ist nicht von Fachleuten geprüft. [4]
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Quellen und Literatur
- Bagatell N, Chan DV, Syu YC, Lamarche EM, Klinger LG: Sensory Processing and Community Participation in Autistic Adults. Frontiers in Psychology 2022;13:876127. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.876127 (frei lesbar, CC BY) – Qualitative Fallstudie (6 Erwachsene)
- Cerdan Chiscano M: Autism Spectrum Disorder (ASD) and the Family Inclusive Airport Design Experience. International Journal of Environmental Research and Public Health 2021;18(13):7206. https://doi.org/10.3390/ijerph18137206 (frei lesbar, CC BY) – Qualitative Studie (25 Familien)
- Clément MA, Lee K, Park M, Sinn A, Miyake N: The Need for Sensory-Friendly “Zones”: Learning From Youth on the Autism Spectrum, Their Families, and Autistic Mentors Using a Participatory Approach. Frontiers in Psychology 2022;13:883331. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.883331 (frei lesbar, CC BY) – Qualitative Studie (partizipativ, Photovoice)
- Edwards C, Love AM, Ying Cai R, Tutton T, Beardsley E, Gibbs V: Autistic-led insights on airport accessibility: A retrospective analysis of environmental assessments. Autism 2025;29(8):2151-2162. https://doi.org/10.1177/13623613251337200 (frei lesbar, CC BY; online 09.05.2025) – Qualitative Auswertung von Berichten (6 Flughäfen)
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