Kurz erklärt
Interozeption bezeichnet die Wahrnehmung von Signalen aus dem eigenen Körper, zum Beispiel Herzschlag, Atmung, Hunger oder Durst. [2] Weil Sinnesverarbeitung bei Autismus ein verbreitetes Thema ist, wird auch diese „innere“ Wahrnehmung untersucht. Das Ergebnis ist bisher uneinheitlich: Eine systematische Übersichtsarbeit mit 31 Studien fand keine durchgehend veränderte Genauigkeit der Herzschlagwahrnehmung bei Autismus; bei anderen Seiten der Interozeption, etwa der Selbsteinschätzung, bleibt es unklar. [1] Aussagen wie „Menschen mit Autismus spüren ihren Körper schlechter“ sind deshalb nicht gedeckt.
Was Interozeption bedeutet
Neben den fünf klassischen Sinnen (sehen, hören, riechen, schmecken, tasten) nimmt das Gehirn auch Signale aus dem Körperinneren auf. Sie liefern Informationen über den Zustand des Körpers und spielen eine wichtige Rolle für Aufmerksamkeit und Gefühle. [2] Die Forschung unterscheidet mehrere Seiten: wie genau man Körpersignale tatsächlich wahrnimmt („Genauigkeit“), wie man die eigene Wahrnehmung einschätzt („Sensibilität“, meist per Fragebogen) und wie gut man die eigene Genauigkeit kennt („Bewusstheit“). [1] Die Reizverarbeitung im Allgemeinen beschreibt Reizverarbeitung: Wahrnehmung anders erleben.
Was zeigen Studien zu Autismus?
Klein und Kolleg:innen werteten 31 Studien aus, die Herzschlagwahrnehmung, Selbsteinschätzung und Bewusstheit bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Autismus-Spektrum untersuchten. In einer Metaanalyse von fünf Studien mit Erwachsenen fand sich kein bedeutsamer Unterschied bei der Genauigkeit der Herzschlagwahrnehmung (p = 0,06; der Wert liegt knapp an der üblichen Schwelle). Die übrigen Ergebnisse waren uneinheitlich: Manche Studien fanden geringere, manche höhere, manche ähnliche Fähigkeiten wie in der Vergleichsgruppe. Die Autor:innen führen das auf unterschiedliche Messverfahren und Stichproben zurück; Alter, Intelligenz und begleitende Erkrankungen könnten eine Rolle spielen. [1] Ihr Fazit: Autismus ist nicht systematisch mit veränderter Herzschlagwahrnehmung verbunden; für andere Seiten der Interozeption ist die Beziehung unklar. [1]
Warum die Messung schwierig ist
Loureiro und Kolleg:innen nennen die Messung als größtes Hindernis. Wer Herzschläge zählen soll, kann Wissen über den eigenen Puls nutzen, und Fragebögen verlangen Selbstbeobachtung, die bei Alexithymie (Schwierigkeit, Gefühle zu erkennen und zu benennen) schwerer sein kann. Sie schlagen vor, Interozeption in Teilbereiche zu zerlegen (Aufmerksamkeit, Unterscheidung, Genauigkeit, Einsicht, Integration), damit Messungen weniger von Selbstbeobachtung und Sprache abhängen. [2] Mehr zu Alexithymie: Alexithymie: Gefühle erkennen und benennen.
Hirnforschung: Hinweise, keine Beweise
Nach dem narrativen Überblick könnte eine andere Verknüpfung von Körpersignalen mit Umweltreizen eine Rolle spielen; als beteiligte Hirnregionen werden unter anderem Insula, Hirnstamm, Thalamus und Vagusnerv genannt. Die Befunde sind widersprüchlich, und die Autor:innen fordern deutlich mehr Forschung. [2] Eine Studie zeigte etwa, dass Erwachsene im Autismus-Spektrum bei Ausgrenzung stärkere körperliche Erregung zeigten; das ist eine Einzelbeobachtung aus dem Review von Klein und Kolleg:innen. [1]
Was bedeutet das im Alltag?
Aus den gelesenen Übersichtsarbeiten lassen sich keine Strategien ableiten; geprüfte Trainings zur Interozeption bei Autismus sind darin nicht Thema. Wenn du merkst, dass dir Hunger, Durst, Müdigkeit oder Toilettengang erst spät auffallen, ist das eine persönliche Erfahrung, die ernst genommen werden darf und in Gesprächen mit Ärzt:innen oder Therapeut:innen Platz hat. Praktische Gewohnheiten, etwa feste Zeiten für Essen und Trinken, sind in diesen Quellen nicht untersucht; solche Hinweise sind Alltagserfahrung, kein Studienbefund. Mehr zu Überlastung: Reizüberflutung erkennen und vorbeugen.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Was wir wissen: Die Genauigkeit der Herzschlagwahrnehmung ist bei Autismus nach der vorhandenen Metaanalyse nicht durchgehend verändert. [1]
Offen:
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Quellen und Literatur
- Klein M, Witthöft M, Jungmann SM: Interoception in individuals with autism spectrum disorder: a systematic literature review and meta-analysis. Frontiers in Psychiatry 2025;16:1573263. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2025.1573263 (frei lesbar, CC BY; online 20.08.2025) – Systematischer Review mit Metaanalyse (31 Studien)
- Loureiro F, Ringold S, Aziz-Zadeh L: Interoception in Autism: A Narrative Review of Behavioral and Neurobiological Data. Psychology Research and Behavior Management 2024;17:1841-1853. https://doi.org/10.2147/PRBM.S410605 (frei lesbar, CC BY-NC; online 03.05.2024) – Narrativer Review
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