Kurz erklärt
Alexithymie bedeutet, dass es schwerfällt, eigene Gefühle zu erkennen und in Worte zu fassen. Es ist keine Diagnose für Autismus, sondern ein eigenes Merkmal, das auch bei Menschen ohne Autismus vorkommt. In der Allgemeinbevölkerung wird es bei etwa 10 % beschrieben. [2] Eine Metaanalyse von 15 Studien fand es bei etwa jeder zweiten Person im Autismus-Spektrum (49,9 %) gegenüber 4,9 % in der Vergleichsgruppe; die Autor:innen sprechen von „häufig, aber nicht allgemein“. [3] Eine einflussreiche Hypothese lautet, dass manche Schwierigkeiten mit Gefühlen nicht am Autismus selbst liegen, sondern an gleichzeitiger Alexithymie. [1] Diese Hypothese ist nicht abschließend bestätigt.
Was Alexithymie ist
Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet sinngemäß „keine Worte für Gefühle“. Gemeint ist eine verringerte Fähigkeit, eigene Gefühle zu erkennen und zu beschreiben. Das heißt nicht, dass jemand keine Gefühle hat: Häufig sind Gefühle stark, aber schwer einzuordnen. [1] Ein Beispiel zur Veranschaulichung (kein Studienbefund): Jemand spürt Unruhe, Herzklopfen und Anspannung und kann nicht sagen, ob das Angst, Ärger oder Freude ist. In der Allgemeinbevölkerung liegt der Anteil nach einer Übersichtsarbeit bei etwa 10 %. [2]
Wie häufig ist sie bei Autismus?
Die Metaanalyse von Kinnaird und Kolleg:innen wertete 15 Studien aus, die den Fragebogen TAS (Toronto Alexithymia Scale) bei Menschen im Autismus-Spektrum und in einer Vergleichsgruppe ohne Autismus einsetzten. Menschen im Autismus-Spektrum erreichten höhere Werte; Alexithymie kam bei 49,93 % gegenüber 4,89 % vor. Die Autor:innen schließen, dass Alexithymie bei Autismus häufig ist, aber nicht bei allen vorkommt. [3] Eine spätere Übersichtsarbeit mit 55 Studien kommt auf einen gewichteten Mittelwert von etwa 49,9 %, weist aber darauf hin, dass dies von den eingesetzten Messverfahren abhängt. [2] Wichtig: Die Zahl beschreibt Gruppen. Ob eine einzelne Person Alexithymie hat, lässt sich daraus nicht ablesen.
Die „Alexithymie-Hypothese“
Bird und Cook vertreten die These, dass viele Schwierigkeiten bei Gefühlserkennung und Empathie, die früher dem Autismus zugeschrieben wurden, mit der gleichzeitigen Alexithymie zusammenhängen. Sie verweisen auf Studien zur Erkennung von Gesichtsausdrücken, Stimme und Musik und zur Empathie, in denen Unterschiede eher mit Alexithymie als mit Autismus verbunden waren. Studien sollten deshalb Gruppen auch nach Alexithymie abgleichen. [1] Der Beitrag nennt dies selbst eine Hypothese („wenn sie sich bestätigt“). Sie wirft ein anderes Licht auf das verbreitete Vorurteil, Menschen mit Autismus hätten wenig Mitgefühl; mehr dazu in Empathie und Autismus: ein verbreitetes Missverständnis.
Wie wird Alexithymie gemessen – und wo sind die Grenzen?
Am häufigsten wird der Selbstbeurteilungsbogen TAS-20 eingesetzt. Die Übersichtsarbeit von 2026 nennt dazu Grenzen: Der Teilbereich „Gefühle identifizieren“ überschneidet sich mit allgemeiner psychischer Belastung. Bei Menschen im Autismus-Spektrum, die oft stark belastet sind, könnte das die Werte erhöhen und die Häufigkeit überschätzen. Ein anderer Fragebogen, der Perth Alexithymia Questionnaire (PAQ), trennt Alexithymie von Belastung besser; für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung fehlen geprüfte Verfahren. [2] Hinzu kommt: Wer Schwierigkeiten hat, eigene Gefühle zu beschreiben, soll sie in einem Fragebogen selbst einschätzen. Das kann die Ergebnisse verzerren. (Diese Überlegung ist eine Einordnung der Redaktion.)
Was kann helfen?
Die Forschung dazu ist begrenzt. Die Übersichtsarbeit von 2026 beschreibt Interventionen mit mittlerer Wirkung (d = 0,65) in kleinen, begrenzten Gruppen; sie fordert angepasste Verfahren und längere Beobachtung. [2] Aus Sicht der Autor:innen sollte Alexithymie in der Versorgung von Menschen im Autismus-Spektrum routinemäßig erfasst werden, unter Beachtung der Grenzen der Verfahren. [2] Bird und Cook betonen, dass Alexithymie die Wirkung von Psychotherapien beeinflussen könnte und passende Angebote für diese Untergruppe geprüft werden sollten. [1] Mehr zu Psychotherapie: Psychotherapie für Menschen mit Autismus. Konkrete Übungen hat die Redaktion nicht aus geprüften Quellen aufgenommen.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Was wir wissen: Alexithymie ist bei Menschen im Autismus-Spektrum deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung, aber nicht allgemein. [3] Gefühlsschwierigkeiten hängen in vielen Studien enger mit Alexithymie zusammen als mit Autismus selbst. [1]
Offen:
- Wie genau die Häufigkeit ist, hängt von Fragebögen ab, die Belastung und Alexithymie vermischen können. [2]
- Für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung fehlen geprüfte Verfahren. [2]
- Es gibt kaum Längsschnittstudien: Wie sich Alexithymie im Lauf des Lebens verändert, ist unklar. [2]
- Die Alexithymie-Hypothese ist nicht abschließend bestätigt. [1]
- Welche Hilfen im Alltag wirken, ist kaum untersucht.
Häufige Fragen
Was ist Alexithymie? Alexithymie bedeutet, dass es schwerfällt, eigene Gefühle zu erkennen und in Worte zu fassen. Das heißt nicht, dass jemand keine Gefühle hat: Häufig sind Gefühle stark, aber schwer einzuordnen. [1]
Haben alle Menschen mit Autismus Alexithymie? Nein. Eine Metaanalyse von 15 Studien fand sie bei etwa jeder zweiten Person im Autismus-Spektrum (49,9 Prozent) gegenüber 4,9 Prozent in der Vergleichsgruppe; die Autor:innen sprechen von „häufig, aber nicht allgemein“. [3]
Ist Alexithymie eine Diagnose für Autismus? Nein, es ist ein eigenes Merkmal, das auch bei Menschen ohne Autismus vorkommt; in der Allgemeinbevölkerung wird es bei etwa 10 Prozent beschrieben. [2]
Wie wird Alexithymie gemessen? Am häufigsten mit dem Selbstbeurteilungsbogen TAS-20. Er kann bei stark belasteten Menschen die Häufigkeit überschätzen; der PAQ trennt Alexithymie von Belastung besser. [2]
Was hilft bei Alexithymie? Die Forschung dazu ist begrenzt: Eine Übersichtsarbeit beschreibt Interventionen mit mittlerer Wirkung in kleinen Gruppen und fordert angepasste Verfahren. [2] Mehr zu Psychotherapie: Psychotherapie für Menschen mit Autismus.
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Quellen und Literatur
- Bird G, Cook R: Mixed emotions: the contribution of alexithymia to the emotional symptoms of autism. Translational Psychiatry 2013;3(7):e285. https://doi.org/10.1038/tp.2013.61 (frei lesbar, CC BY-NC-ND) – Übersichtsarbeit (Hypothese)
- Chalghaf N, Chokri I, Dhahbi W, Ceylan HI, Stefanica V, Guelmami N, Dergaa I: Alexithymia in neurodevelopmental populations: a scoping review of Down syndrome, autism spectrum disorder, and dual diagnosis. Frontiers in Psychology 2026;17:1705694. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1705694 (frei lesbar, CC BY; online 05.06.2026) – Scoping Review (55 Studien)
- Kinnaird E, Stewart C, Tchanturia K: Investigating alexithymia in autism: A systematic review and meta-analysis. European Psychiatry 2019;55:80-89. https://doi.org/10.1016/j.eurpsy.2018.09.004 (frei lesbar, CC BY) – Systematischer Review mit Metaanalyse (15 Studien)
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