Kurz erklärt
Der Kita-Alltag stellt an Kinder mit Autismus hohe Anforderungen: das Zusammensein unter vielen Kindern, Zeiten ohne feste Regeln wie die Pausen, spontane Änderungen im Tagesablauf und viele verschiedene Reize. [1, Kap. C.10.2] Die S3-Leitlinie von 2021 empfahl deshalb, dass Erzieher:innen eine Schulung oder umfassende Information zu Autismus erhalten und über die Förderung des jeweiligen Kindes informiert werden. Außerdem sollen individuelle Hilfen genutzt werden können, zum Beispiel klar formulierte Handlungsanleitungen, eine visualisierte Tagesstruktur und gegebenenfalls ein reizarmer Extraraum. [1, Empf. 109] Die Leitlinie ist seit dem 23.03.2026 abgelaufen. [2]
Stand der Leitlinie: Dieser Beitrag stützt sich wesentlich auf die deutsche S3-Leitlinie zur Therapie von Autismus-Spektrum-Störungen aus dem Jahr 2021. Ihre Gültigkeit ist laut Übersicht der DGKJP am 23.03.2026 abgelaufen. [2] Das heißt: Sie gilt formal nicht mehr als aktuelle Leitlinie. Die hier wiedergegebenen Empfehlungen werden dadurch nicht automatisch falsch, sind aber derzeit nicht durch eine gültige Leitlinie gedeckt. Wir überarbeiten den Beitrag, sobald eine aktualisierte Leitlinie vorliegt.
Was den Kita-Alltag belasten kann
Nach der Leitlinie sind es besonders das Zusammensein unter vielen Kindern, „regelfreie“ Zeiten wie Pausen, spontane Veränderungen im Tagesablauf und die vielen verschiedenen Reize, die eine große Belastung darstellen können. Für sie sollten individuelle Lösungen gefunden werden, auch für Überempfindlichkeiten, Probleme mit der Selbstregulation und Lernen. [1, Kap. C.10.2] Kinder mit Autismus haben außerdem häufig große Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen, weil die Grundregeln sozialer Interaktion und Kommunikation für sie oft schwer zu verstehen und umzusetzen sind. Auch Besonderheiten der Wahrnehmungsverarbeitung, Sonderinteressen und Stereotypien können die Gruppenfähigkeit und die Integration in die Kita beeinflussen. [1, Kap. C.10.2] Wie sich das beim einzelnen Kind zeigt, ist unterschiedlich.
Was Kita-Fachkräfte wissen sollten
Erzieher:innen sollen nach der Leitlinie eine Schulung oder umfassende Information zu Autismus und zum Umgang mit Menschen mit Autismus erhalten (konsensbasierte Empfehlung, starker Konsens). Als Inhalte nannte sie: [1, Empf. 109]
- Merkmale und Verlauf von Autismus,
- häufige Begleiterkrankungen, etwa Angststörungen, Zwangsstörungen und Depressionen, körperliche Probleme wie Epilepsie, Schlafstörungen und andere neurologische Entwicklungsstörungen wie ADHS,
- die Bedeutung wichtiger Übergangsphasen, zum Beispiel der Wechsel in die Schule oder zu anderen Betreuungspersonen,
- das Selbsterleben von Kindern und Jugendlichen mit Autismus,
- die Auswirkungen von Autismus auf die Familie einschließlich der Geschwister.
Die Leitlinie wies außerdem darauf hin, dass Autismus-bedingte Besonderheiten in der Regel schon in der frühen Kindheit vorhanden sind und betroffene Kinder deshalb schon zu Beginn der Kindergartenbetreuung spezielle Unterstützung brauchen können. [1, Kap. C.10.2]
Was im Alltag helfen kann
Bei Kindergartenkindern nannte die Leitlinie als Beispiele für individuelle Unterstützung klar formulierte Handlungsanleitungen und visualisierte Tagesstrukturierungen. Hinzu kommen eine klare und kleinschrittige Anleitung in einer auf das einzelne Kind ausgerichteten Organisation von Spiel- und Bastelangeboten, gegebenenfalls die Möglichkeit, einen (reizarmen) Extraraum zu nutzen, und Gehörschutz. Die Maßnahmen sollten individuell gestaltet sein, ihre Notwendigkeit im Verlauf geprüft und angepasst werden. [1, Empf. 109] Zusätzlich nannte sie für den alltäglichen Umgang (nicht speziell für die Kita) in einer konsensbasierten Empfehlung: konkrete, direkte Ansprache, Strukturierung von Umgebung und Handlungsabläufen, zum Beispiel durch visuelle Mittel, Vorhersehbarkeit und personelle Konstanz, Wahrung körperlicher Distanz und das Vermeiden starker sensorischer Reize. Unter- und Überforderung sollten vermieden werden. [1, Empf. 3]
Ob und wie sich das in deiner Einrichtung umsetzen lässt, hängt von den Gegebenheiten ab. Weitere Hinweise zu Struktur und Visualisierung stehen im Beitrag Strukturierung und Visualisierung in der Praxis.
Zusammenarbeit und Förderung des Kindes
Erzieher:innen im Kindergarten sollten nach der Leitlinie über die autismusspezifische Förderung des jeweiligen Kindes informiert werden und, je nach Anforderung der jeweiligen Intervention, anhand der Methoden, die in der Therapie bei Kindern eingesetzt werden, geschult oder zumindest informiert sein.
Besucht ein Kind einen integrativen Kindergarten mit hohem Personalschlüssel, sollten die dort zusätzlich angestellten Heil-, Sonder- oder sonstigen pädagogischen Kräfte über die wirksamen Therapiemethoden informiert und geschult werden und diese im Rahmen ihrer Arbeitszeit mit dem Kind einsetzen. [1, Empf. 109] Für die Therapie selbst empfahl die Leitlinie, Erziehende und Integrationshelfende ergänzend im fördernden Umgang mit dem Kind anzuleiten (Evidenzlevel 2 bis 3, Empfehlungsgrad A). [1, Empf. 10] Was eine solche Therapie umfasst, steht im Beitrag Autismusspezifische Therapie und Förderung.
Therapeutische Interventionen sollten nach der Leitlinie nicht von Erziehungs- oder Lehrkräften übernommen werden. [1, Kap. C.10.2] Ein auf die Bedürfnisse zugeschnittener Förderplan soll mit Fachpersonen schriftlich formuliert, verbindlich umgesetzt und regelmäßig überprüft werden. [1, Empf. 109]
Übergänge
Als besonders belastend beschrieb die Leitlinie die Phasen der Übergänge, zum Beispiel vom Kindergarten in die Schule. Eine individuelle und vorausschauende Planung und die Bereitstellung geeigneter Hilfen seien notwendig und sinnvoll. Außerdem wurde angeregt, Vorkehrungen für Zeiten erhöhter Belastung zu treffen, zum Beispiel bei Schulbeginn, Schulwechsel oder der Geburt eines Geschwisterkindes. [1, Kap. C.10.2] Übergangsphasen sollten nach der Leitlinie vom Fallmanagement begleitet werden. [1, Empf. 6] Weitere Hinweise für Familien: Autismus in der Kita.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Konsensbasierte Empfehlungen der Leitlinie von 2021 (Klinischer Konsenspunkt, starker Konsens; Leitlinie abgelaufen)
- Schulung von Erzieher:innen, individuelle Unterstützung im Kindergarten, Förderplan. [1, Empf. 109]
- Grundsätze des alltäglichen Umgangs (Struktur, Vorhersehbarkeit, Vermeiden starker Reize). [1, Empf. 3]
Studienlage
- Zur Unterstützung in Kindergarten und Schule fand die Leitlinie nur fünf Arbeiten, die sie selbst als kritisch zu betrachten beschrieb (kleine Stichproben, große Unterschiede im Design). [1, Kap. C.10.2]
- Schulbasierte Programme aus anderen Ländern hielt die Leitlinie für Deutschland nicht für übertragbar; für viele davon gebe es hier keine Evidenz. [1, Kap. C.10.2]
Offen
- Welche Maßnahmen im Kita-Alltag die Teilhabe nachweislich verbessern. [1, Kap. C.10.2]
Das könnte dich auch interessieren
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- Strukturierung und Visualisierung in der Praxis
- Autismusspezifische Therapie und Förderung
- Therapie und Beratung bei Autismus anpassen
Quellen und Literatur
- DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 2: Therapie. Interdisziplinäre S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-047, Langversion, Stand Text 02.05.2021 (Empf. 3, 6, 10, 109; Kap. C.10.2). – Leitlinie; Gültigkeit laut Übersicht der DGKJP [2] am 23.03.2026 abgelaufen
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Eintrag 028-047: „Gültig bis 23.03.2026“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
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