Zum Inhalt springen

Kita, Schule & Bildung

Freundschaften und Gleichaltrige in der Schule

Für wen? Für Eltern, Lehrkräfte und Fachkräfte sowie Jugendliche, die wissen möchten, wie Freundschaften und Gleichaltrige in der Schule gelingen können.

Kurz erklärt

Kinder und Jugendliche mit Autismus wünschen sich meist Freund:innen, und viele haben welche. In einer Metaanalyse zu Jungen im Schulalter schätzten Mitschüler:innen und Eltern, dass sie Freund:innen haben, berichteten aber im Schnitt weniger und selbst eine geringere Freundschaftsqualität als bei Gleichaltrigen ohne Autismus. [2] Programme, in denen Gleichaltrige beteiligt werden, zeigten in kleinen Studien Erfolge, oft ohne gesicherte Langzeitwirkung. [4] [5] Gemeinsame Zeit allein verhindert Einsamkeit nicht; Anpassung kostet Kraft. [1]

Freundschaft: Wunsch und Wirklichkeit

Mendelson und Kolleg:innen werteten die Literatur zu Freundschaften bei Jungen im Schulalter mit Autismus aus. Das Vorurteil, dass sie keine Freundschaften schließen können, ist danach nicht haltbar: Nach Angaben von Gleichaltrigen und Eltern haben sie Freund:innen (große Effektstärken). Allerdings fielen die selbstberichtete Qualität von Freundschaften und die von Eltern und Gleichaltrigen berichtete Zahl schlechter aus als bei Gleichaltrigen ohne Autismus. Die Autor:innen entwickeln ein Modell, das auf die Geschwindigkeit der Verarbeitung sozialer Informationen setzt; das ist ein theoretischer Vorschlag. Die Übersicht betrifft Jungen; zu Mädchen sagt sie nichts aus. [2]

Gemeinsam und trotzdem einsam

Dean und Kolleg:innen beobachteten 58 Schüler:innen (6 bis 18 Jahre) im Schulalltag. Wer mit Gruppen gemeinsam beschäftigt war, berichtete mehr Einsamkeit als allein oder neben anderen Beschäftigte, bei Grundschülerinnen und älteren Jungen. Die häufigste gemeinsame Beschäftigung war Gespräch; die Autor:innen vermuten, dass Unterstützung direkt in der Situation (zum Beispiel beim Einstieg in Gespräche) helfen kann. Sie betonen, dass Angebote auf Alter und Geschlecht zugeschnitten sein sollten und die Stärken nutzen, die Kinder schon mitbringen. Die Studie ist klein, eine Momentaufnahme, mit kurzen Beobachtungen. [1]

Gleichaltrige als Unterstützung: Programme in der Grundschule

Ein systematischer Review von Ragaglia und Kolleg:innen betrachtete Programme, in denen Mitschüler:innen soziale Fähigkeiten von Kindern mit Autismus fördern („peer-mediated“) in der Grundschule (6 bis 12 Jahre). 24 Artikel wurden eingeschlossen. Die meisten Studien, überwiegend Einzelfalldesigns, fanden Wirkung; nur fünf prüften auch später, mit uneinheitlichen Ergebnissen. Die Programme passten nur teilweise zu einem Modell, das Person und Umwelt zusammen betrachtet. [4] Eine kurze Fachstellungnahme fordert, solche Programme auf Freundschaft, Teilhabe und Wohlbefinden auszuweiten und auch Jugendliche und Erwachsene sowie die Gemeinde einzubeziehen; sie ist ein Diskussionsbeitrag, keine Studie. [3]

Gleichaltrigen-Unterstützung für Jugendliche

Verkooijen und Kolleg:innen sichteten Peer-Support-Programme für Menschen im Autismus-Spektrum ab 12 Jahren: 15 Artikel zu 12 Programmen. Berichtet wurden Verbesserungen bei Wohlbefinden, Selbstwertgefühl und schulischer Leistung, und viele Teilnehmende schätzten den Austausch mit Gleichaltrigen im autismusbezogenen Rahmen. Die Studien waren klein und hatten meist keine Kontrollgruppe; die Programme unterschieden sich stark, und es stammen nur Studien aus westlichen, englischsprachigen Ländern. Möglicher Schaden und Zugänglichkeit wurden kaum untersucht. [5]

Was das für Kinder, Eltern und Schule bedeutet

Freundschaften brauchen Zeit, passende Gelegenheiten und Verständnis; viele Kinder und Jugendliche möchten Kontakt, unterscheiden sich aber darin, wie viel und in welcher Form. [2] Als Anregungen aus den Studien: Unterstützung im Moment (Einstieg, Gespräche), Austausch mit Gleichaltrigen, die ähnlich denken, und Programme, die Mitschüler:innen einbeziehen. [1] [5] [4] Als Redaktionshinweis (kein Studienbefund): Fragen, was die Person sich wünscht (wenige enge Kontakte oder gemeinsame Aktivität), statt nur „mehr Kontakt“ zu fördern. Weiterführend: Mobbing und soziale Situationen in der Schule, Soziale Kompetenztrainings und Soziale Kommunikation und Interaktion bei Autismus.

Was wissen wir – was ist noch offen?

Was wir wissen: Kinder und Jugendliche mit Autismus haben Freundschaften, erleben sie aber im Schnitt als weniger zahlreich oder weniger gut, und Anpassung kostet Kraft. [2] [1]

Offen:

  • Ob Programme mit Gleichaltrigen langfristig wirken: Nur wenige Studien prüften das. [4]
  • Wie gut Peer-Support für Jugendliche wirkt: Studien sind klein, ohne Kontrollgruppe. [5]
  • Erfahrungen von Mädchen und von Kindern mit hohem Unterstützungsbedarf sind kaum untersucht. [2] [5]
  • Alle Befunde stammen überwiegend aus englischsprachigen Ländern.

Häufige Fragen

Können Kinder mit Autismus Freundschaften schließen? Ja. Eine Metaanalyse zu Jungen im Schulalter fand, dass nach Angaben von Gleichaltrigen und Eltern Freund:innen vorhanden sind; die Zahl und die selbstberichtete Qualität fielen im Schnitt aber geringer aus als bei Gleichaltrigen ohne Autismus. [2] Die Übersicht betrifft Jungen; zu Mädchen sagt sie nichts aus.

Warum fühlen sich Kinder mit Autismus trotz Gruppe einsam? In einer Studie mit 58 Schüler:innen berichteten Kinder, die gemeinsam mit Gruppen beschäftigt waren, mehr Einsamkeit als allein oder neben anderen Beschäftigte (Grundschülerinnen und ältere Jungen). Die Autor:innen deuten das als Folge der Anstrengung durch Anpassung; die Studie ist klein. [1]

Helfen Programme mit Mitschüler:innen? In einem Review zu Grundschulprogrammen fanden die meisten Studien eine Wirkung; nur fünf prüften auch später, mit uneinheitlichen Ergebnissen. [4] Für Jugendliche berichteten Peer-Support-Programme Verbesserungen bei Wohlbefinden und Selbstwert, die Studien waren aber klein und meist ohne Kontrollgruppe. [5]

Was können Eltern und Schule tun? Fragen, was sich die Person wünscht (wenige enge Kontakte oder gemeinsame Aktivität), statt nur „mehr Kontakt“ zu fördern (Hinweis der Redaktion). Mehr: Mobbing und soziale Situationen in der Schule.

Das könnte dich auch interessieren

Quellen und Literatur

  1. Dean M, Chang YC, Shih W, Orlich F, Kasari C: Social engagement and loneliness in school-age autistic girls and boys. Women’s Health 2023;19:17455057231170973. https://doi.org/10.1177/17455057231170973 (frei lesbar, CC BY-NC) – Auswertung zweier randomisierter Studien (58 Schüler:innen)
  2. Mendelson JL, Gates JA, Lerner MD: Friendship in school-age boys with autism spectrum disorders: A meta-analytic summary and developmental, process-based model. Psychological Bulletin 2016;142(6):601-622. https://doi.org/10.1037/bul0000041 – Metaanalyse
  3. Płatos M, Wojaczek K: Broadening the Scope of Peer-Mediated Intervention for Individuals with Autism Spectrum Disorders. Journal of Autism and Developmental Disorders 2018;48(3):747-750. https://doi.org/10.1007/s10803-017-3429-1 (frei lesbar, CC BY) – Fachbrief (Diskussionsbeitrag)
  4. Ragaglia B, Trovato I, Bulgarelli D: Peer-Mediated Social Skills Interventions in Primary School Settings for Autistic Children in the Light of the ICF Bio-psycho-social Model. A Systematic Review. Journal of Autism and Developmental Disorders 2026;56(3):1074-1097. https://doi.org/10.1007/s10803-024-06604-y (online 28.10.2024) – Systematischer Review (24 Artikel)
  5. Verkooijen MH, Ketelaar M, van Woerden M, Staal WG, Tendolkar I, Zinkstok JR: Impact of peer-support programs for individuals with autism: A systematic review. Autism 2025;30(2):300-315. https://doi.org/10.1177/13623613251374971 (frei lesbar, CC BY; online 16.09.2025) – Systematischer Review (15 Artikel, 12 Programme)

Das könnte dich auch interessieren

Fehler gefunden?

Wenn etwas sachlich falsch, veraltet oder unklar ist, sag uns Bescheid. Du musst keine persönlichen Daten angeben.

Hinweis schreibenHinweis schließen

Was stimmt nicht? Eine Quelle hilft uns bei der Prüfung. Mindestens 10 Zeichen.

Nur für Rückfragen zu diesem Hinweis. Wird gelöscht, sobald er bearbeitet ist. Mehr in der Datenschutzerklärung.

Unabhängig aufgebaut

Autismus Wissen wird unabhängig aufgebaut und weiterentwickelt. Wenn du das Projekt unterstützen möchtest, kannst du freiwillig einen Beitrag leisten. Die Unterstützung hat keinen Einfluss auf unsere redaktionellen Inhalte oder fachlichen Bewertungen.

Autismus Wissen unterstützen