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Wissenschaft & Forschung

Ursachen von Autismus: Was die Forschung weiß

Für wen? Für alle, die wissen möchten, wie Autismus entsteht – und für Eltern, die sich fragen, ob sie etwas „falsch gemacht“ haben.

Kurz erklärt

Autismus hat einen starken erblichen Anteil. Zwillings- und Familienstudien schätzen, dass Unterschiede zwischen Menschen in Bezug auf Autismus zu einem großen Teil durch genetische Faktoren erklärt werden. [1; 2] Das bedeutet nicht, dass es „ein Autismus-Gen“ gibt: Nach einer Übersichtsarbeit tragen sowohl seltene Genvarianten mit großem Effekt als auch häufige Varianten mit jeweils kleinem Effekt zum Autismus-Risiko bei. [3] Zu Schwangerschaft und Umweltfaktoren gibt es einzelne Zusammenhänge, aber noch keine sicheren Erklärungen (siehe unten). Große Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Impfungen (MMR, Thiomersal) und Autismus. [4; 6] Für die frühere Vorstellung, eine „kalte“ Erziehung verursache Autismus, gibt es keine wissenschaftliche Grundlage. [3]

Was „Erblichkeit“ bedeutet

„Erblichkeit“ (Heritabilität) beschreibt, welcher Anteil der Unterschiede zwischen Menschen in einer Bevölkerung auf genetische Unterschiede zurückgeht (Begriffserklärung der Redaktion, keine Aussage aus einer der Quellen). Sie sagt nichts darüber, wie es bei einem einzelnen Menschen zu Autismus gekommen ist. Sie bedeutet auch nicht, dass Autismus „nur von den Eltern vererbt“ wird oder dass Umweltfaktoren keine Rolle spielen.

Was Zwillings- und Familienstudien zeigen

  • Eine Metaanalyse von sieben Zwillingsstudien (Literatursuche bis 2015) schätzte die Erblichkeit je nach angenommener Häufigkeit von Autismus auf 64 bis 91 %. Die Autor:innen folgern, dass Autismus auf starken genetischen Einflüssen beruht. [1]
  • Eine schwedische Studie mit Daten von Millionen Geschwistern und Zwillingen schätzte die Erblichkeit auf 83 %. Das gemeinsame familiäre Umfeld trug dabei nur minimal bei. [2]
  • Eine Studie (Bai et al. 2019, so beschrieben von Thapar und Rutter) mit Daten aus fünf Ländern fand einen Median der Erblichkeit von rund 81 %; die Werte reichten von etwa 51 % (Finnland) bis 87 % (Israel). Der Anteil gemeinsamer Umwelteinflüsse war vernachlässigbar. [3]

Alle drei Auswertungen sehen einen hohen, aber nicht vollständigen genetischen Anteil; die Schätzungen schwanken je nach Population und Methode. Im Modell bleibt ein Rest, der nicht durch gemeinsame Gene oder ein gemeinsames Umfeld erklärt wird. Was dahintersteckt, ist offen.

Impfungen: kein Zusammenhang

Die Behauptung, Impfungen verursachten Autismus, geht auf eine Veröffentlichung von 1998 zurück, die 2010 von der Fachzeitschrift zurückgezogen wurde. [5] Seitdem wurde die Frage sehr gründlich untersucht:

  • Eine Metaanalyse von Fall-Kontroll- und Kohortenstudien fand keinen Zusammenhang zwischen den untersuchten Impfungen und Autismus, auch nicht für Thiomersal, Quecksilber oder den Kombinationsimpfstoff MMR. [4]
  • Eine dänische Studie mit 657.461 Kindern fand keinen erhöhten Autismus-Anteil bei MMR-geimpften Kindern, auch nicht bei Kindern mit erhöhtem Risiko, etwa weil bereits ein Geschwisterkind im Autismus-Spektrum ist. [6]

Mehr dazu im Artikel Verursachen Impfungen Autismus?.

Erziehung: kein Auslöser

Mitte des 20. Jahrhunderts verbreitete sich die Vorstellung, „kühle“ Mütter („Kühlschrankmütter“) verursachten Autismus. Schon die erste Zwillingsstudie 1977 zeigte dagegen einen überwiegend genetischen Beitrag. [3] Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage für die Annahme, dass Erziehung Autismus verursacht. Die Studien finden einen vernachlässigbaren Einfluss des gemeinsamen familiären Umfelds. [3; 2]

Schwangerschaft und Umweltfaktoren

Eine Übersicht über systematische Reviews und Metaanalysen (2017) kommt zu diesem Bild: Impfungen, Thiomersal und mütterliches Rauchen hingen nicht mit dem Autismus-Risiko zusammen; auch für Reproduktionsmedizin sieht die Übersicht wahrscheinlich keinen Zusammenhang. Ein höheres Alter der Eltern ging mit einem höheren Risiko einher. Geburtskomplikationen mit Trauma oder Sauerstoffmangel zeigten starke Zusammenhänge; mütterliches Übergewicht, mütterlicher Diabetes und Kaiserschnitt zeigten schwächere, aber nachweisbare Zusammenhänge. Zu Folsäure und Omega-3 waren die Ergebnisse uneindeutig. [7]

Wichtig zur Einordnung: Das sind statistische Zusammenhänge, keine nachgewiesenen Ursachen; sie können auch auf gemeinsamen Hintergründen (Störfaktoren) oder auf genetischen Einflüssen beruhen. Die Autor:innen betonen, dass die Forschung zu Umweltfaktoren im Vergleich zur Genetik noch am Anfang steht und große methodische Einschränkungen hat. [7] Nichts davon ist ein Vorwurf an Eltern: Aus den Zusammenhängen folgt nicht, dass jemand etwas „falsch gemacht“ hat. Wir haben für diesen Abschnitt nur die Zusammenfassung der Übersicht gelesen, nicht den Volltext; neuere Studien sind nicht berücksichtigt.

Was wissen wir – was ist noch offen?

Gut belegt

  • Autismus hat einen starken erblichen Anteil. [1; 2]
  • Große Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Impfungen (MMR, Thiomersal) und Autismus. [4; 6]
  • Für Erziehung als Ursache gibt es keine wissenschaftliche Grundlage; die Studien finden einen vernachlässigbaren Einfluss des gemeinsamen Umfelds. [3]

Begrenzte oder uneinheitliche Evidenz

  • Erblichkeitsschätzungen hängen von Population, Zeit und Methode ab: 64 bis 91 % bei Tick, etwa 51 bis 87 % bei Bai. [1; 3]

Offene Fragen

  • Wie genau die vielen genetischen Faktoren zusammenwirken, und wie sie mit der Entwicklung des Gehirns zusammenhängen. Siehe Genetik und Autismus.

Häufige Fragen

Was sind die Ursachen von Autismus? Autismus hat einen starken erblichen Anteil: Zwillings- und Familienstudien schätzen die Erblichkeit auf etwa 64 bis 91 Prozent. Es gibt nicht ein einzelnes „Autismus-Gen“. [1; 2; 3]

Kann etwas in der Schwangerschaft Autismus verursachen? Eine Übersicht von 2017 fand einzelne Zusammenhänge, etwa mit dem Alter der Eltern und mit Geburtskomplikationen, aber keine gesicherten Ursachen; mütterliches Rauchen hing nicht mit Autismus zusammen. [7]

Verursachen Impfungen Autismus? Nein. Große Studien fanden keinen Zusammenhang. [4; 6] Mehr: Verursachen Impfungen Autismus?.

Verursacht Erziehung Autismus? Nein. Dafür gibt es keine wissenschaftliche Grundlage. [3]

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Quellen und Literatur

  1. Tick B, Bolton P, Happé F, Rutter M, Rijsdijk F. Heritability of autism spectrum disorders: a meta-analysis of twin studies. Journal of Child Psychology and Psychiatry 2016;57(5):585–595. https://doi.org/10.1111/jcpp.12499 – Metaanalyse
  2. Sandin S, Lichtenstein P, Kuja-Halkola R, et al. The heritability of autism spectrum disorder. JAMA 2017;318(12):1182–1184 (Research Letter). https://doi.org/10.1001/jama.2017.12141 – Registerstudie
  3. Thapar A, Rutter M. Genetic advances in autism. Journal of Autism and Developmental Disorders 2021;51(12):4321–4332, Abschnitt „The Heritability of Autism: From Early to Modern Twin and Family Studies“ (enthält Bai et al. 2019, 5 Länder). https://doi.org/10.1007/s10803-020-04685-z – Übersichtsarbeit
  4. Taylor LE, Swerdfeger AL, Eslick GD. Vaccines are not associated with autism: an evidence-based meta-analysis of case-control and cohort studies. Vaccine 2014;32(29):3623–3629. https://doi.org/10.1016/j.vaccine.2014.04.085 – Metaanalyse
  5. Retraction – Ileal-lymphoid-nodular hyperplasia, non-specific colitis, and pervasive developmental disorder in children. The Lancet 2010;375(9713):445. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(10)60175-4 – Rücknahmeerklärung der Fachzeitschrift (zur Veröffentlichung von 1998: The Lancet 1998;351(9103):637–641, dort als „RETRACTED“ gekennzeichnet)
  6. Hviid A, Hansen JV, Frisch M, Melbye M. Measles, mumps, rubella vaccination and autism: a nationwide cohort study. Annals of Internal Medicine 2019;170(8):513–520. https://doi.org/10.7326/M18-2101 – Kohortenstudie
  7. Modabbernia A, Velthorst E, Reichenberg A: Environmental risk factors for autism: an evidence-based review of systematic reviews and meta-analyses. Molecular Autism 2017;8:13. https://doi.org/10.1186/s13229-017-0121-4 – Übersichtsarbeit

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