Kurz erklärt
Nach einer Übersichtsarbeit von 2021 gehört Autismus zu den am stärksten erblichen Störungen; gemeinsame Umwelteinflüsse in der Familie spielen kaum eine Rolle. Zum Risiko tragen sowohl seltene Genvarianten mit großem Effekt als auch häufige Genvarianten mit kleinem Effekt bei. [1] Die genetische Ursache ist dabei sehr uneinheitlich: Auch Geschwister aus derselben Familie können unterschiedliche autismusbezogene Varianten tragen. [1] Ein Gentest liefert deshalb oft keine einfache Antwort; die Autor:innen sehen eine Überweisung zur genetischen Beratung vor allem bei Autismus mit Intelligenzminderung oder komplexem Bild als angemessen an. [1]
Seltene und häufige Varianten
Die Übersichtsarbeit beschreibt zwei Gruppen von Genvarianten, die zum Autismus-Risiko beitragen: seltene Varianten mit großem Effekt, oft Neumutationen (de novo), und häufige Varianten mit kleinem Effekt. [1] Seltene Varianten sind bei Menschen mit zusätzlicher Intelligenzminderung häufiger, kommen aber im ganzen Spektrum vor. [1] Dieselben Varianten können mit unterschiedlichen Ausprägungen oder auch mit anderen Diagnosen wie ADHS oder Schizophrenie zusammenhängen (Pleiotropie); Autismus ist demnach auch auf molekularer Ebene sehr heterogen. [1] Wie sich die Befunde zu Vererbung und Zwillingsstudien einordnen lassen, steht hier: Ursachen von Autismus.
Warum Genetik kein Urteil über Einzelne ist
Träger einer bestimmten Variante und ihre Verwandten können gesund bleiben, dasselbe Bild mit anderem Schweregrad zeigen oder ein ganz anderes Bild haben. [1] Neben einzelnen Varianten spielen der gesamte genetische Hintergrund und Zufallsfaktoren eine Rolle. [1] Genetik erklärt also Risiko, nicht eine individuelle „Schuld“ oder Vorhersage. Bei einigen genetisch bedingten Erkrankungen wie dem Fragilen-X-Syndrom, die zusammen mit Autismus vorkommen können, wird das ärztlich abgeklärt: Häufige Begleiterkrankungen bei Autismus. [2]
Wiederholungsrisiko bei Geschwistern
Wenn Familien Entscheidungen zur Familienplanung treffen oder sich um Geschwister sorgen, wurden traditionell Wiederholungsrisiken aus Familienstudien herangezogen. Die Schätzungen schwanken laut Übersichtsarbeit stark zwischen Studien und Ländern und hängen davon ab, welche Familien untersucht wurden. [1] Typisch wurden für Geschwister von Menschen mit Autismus Raten zwischen 10 und 15 Prozent berichtet; das Risiko ist höher, wenn die betroffene Person weiblich ist, und höher bei männlichen als bei weiblichen Geschwistern. Wenn bereits zwei Geschwister betroffen sind, wurden etwa 30 bis 50 Prozent berichtet. [1] Diese Zahlen sind Durchschnitte aus Studien; sie sind nicht auf die einzelne Familie zugeschnitten. [1]
Gentests: Nutzen und Grenzen
- Häufige Varianten: Dafür gibt es nach der Übersichtsarbeit derzeit keinen klinischen Grund für Tests, weil ihr Vorhersagewert begrenzt ist. [1]
- Seltene Varianten und Syndrome: Untersuchungen auf bestimmte Syndrome wie das Fragile-X-Syndrom und die Tuberöse Sklerose gehören seit langem zur Abklärung, wenn solche Syndrome vermutet werden; Chromosomen-Microarray-Untersuchungen sind in vielen Ländern als erster genetischer Test verfügbar. Mögliche Vorteile sind unter anderem ein genauer zugeschnittenes Wiederholungsrisiko, Zugang zu Selbsthilfegruppen, ein besseres Verständnis, wie der Autismus entstanden ist, sowie frühere Erkennung und Behandlung damit verbundener medizinischer Erkrankungen. [1]
- Empfehlungen unterscheiden sich: In den USA wurde empfohlen, alle Personen mit Autismus-Diagnose per Chromosomen-Microarray auf Kopienzahlvarianten zu untersuchen; in anderen Ländern, darunter Großbritannien, wird eine routinemäßige genetische Testung nur bei zusätzlicher Intelligenzminderung oder auffälligen körperlichen Merkmalen empfohlen. [1] Wie das in Deutschland geregelt ist, wird in diesem Beitrag nicht beschrieben.
- Schwierigkeiten: Befunde sind schwer zu deuten (variable Ausprägung); nicht immer ist klar, ob eine bekannte Variante bei der einzelnen Person ursächlich ist. Auch negative Folgen eines Tests sind zu bedenken, etwa Enttäuschung bei einem negativen Befund, Schuld, Scham oder Ängste sowie mögliche Auswirkungen auf Versicherungen und Lebensplanung. [1] Für Autismus gibt es nach der Übersichtsarbeit bislang keinen Nachweis der Kosteneffektivität genetischer Tests. [1]
- Einschätzung der Autor:innen: Eine Überweisung zur humangenetischen Untersuchung und Beratung halten sie bei Autismus mit Intelligenzminderung oder komplexem Bild (zusätzliche körperliche Auffälligkeiten, medizinische Erkrankung) für angemessen; diese Einschätzung könne sich rasch ändern und vom Kontext abhängen. [1]
Grenzen und offene Fragen
- Stand der Quelle: Die Übersichtsarbeit stammt von 2020 und erschien 2021; das Feld entwickelt sich schnell. [1]
- Offen: Ob sich aus den Genfunden gemeinsame biologische Wege ergeben, die sich behandeln ließen, ist nach der Arbeit noch unklar. [1]
- Zahlen mit Vorsicht lesen: Wiederholungsraten sind studienabhängig und für eine einzelne Familie nur grobe Orientierung. [1]
- Deutschland: Empfehlungen und Angebote in Deutschland (humangenetische Beratung, Kostenübernahme) sind hier nicht dargestellt.
Was du sonst noch wissen solltest
- Beratung: Fragen zu Gentests und zum Risiko für Geschwister gehören in die Hände einer humangenetischen Beratung; Kinder- und Jugendarztpraxis oder Diagnostikstelle können dorthin überweisen. Das ist eine Handlungsorientierung der Redaktion, nicht aus der Übersichtsarbeit abgeleitet.
- Impfungen und Erziehung sind nach den Studien keine Ursache: Ursachen von Autismus und Verursachen Impfungen Autismus?.
- Wie du Studien einordnest: Wie gut ist eine Studie?
Das könnte dich auch interessieren
- Ursachen von Autismus: Was die Forschung weiß
- Häufige Begleiterkrankungen bei Autismus
- Wie gut ist eine Studie? Evidenz verständlich erklärt
- Genetische Abklärung nach der Diagnose
Quellen und Literatur
- Thapar A, Rutter M. Genetic advances in autism. Journal of Autism and Developmental Disorders 2021;51(12):4321–4332. https://doi.org/10.1007/s10803-020-04685-z (PMC8531042) – Übersichtsarbeit
- Höhne E, Kamp-Becker I. Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störung. Pädiatrie (Rosenfluh) 2024;(4+5):27–32. – Fachübersicht (genetische Begleiterkrankungen, zum Beispiel Fragiles-X-Syndrom)
Begriffe aus diesem Beitrag
- Wiederholungsrisiko
- Wahrscheinlichkeit, dass in einer Familie nach einem Kind mit Autismus ein weiteres betroffen ist. Autismus gilt nach einer Übersichtsarbeit als stark erblich; die genetischen Ursachen sind sehr uneinheitlich.
- XYY-Syndrom
- Chromosomenbesonderheit mit einem zusätzlichen Y-Chromosom. Die S3-Leitlinie Diagnostik von 2016 führt sie in einer Tabelle zu genetischen Befunden bei Autismus auf; wie oft sie vorkommt, wird hier nicht wiedergegeben.
Das könnte dich auch interessieren
WissensartikelWissenschaft & Forschung
Ursachen von Autismus: Was die Forschung weiß
WissensartikelWissenschaft & Forschung
KI und Biomarker in der Diagnostik: Stand der Forschung
WissensartikelWissenschaft & Forschung
Wie gut ist eine Studie? Evidenz verständlich erklärt
WissensartikelWissenschaft & Forschung
Wie häufig ist Autismus?
Fehler gefunden?
Wenn etwas sachlich falsch, veraltet oder unklar ist, sag uns Bescheid. Du musst keine persönlichen Daten angeben.