Kurz erklärt
Eine große systematische Übersichtsarbeit hat Studien aus 34 Ländern ausgewertet: Als Median über die Studien lag der Wert bei etwa 1 von 100 Kindern. Die einzelnen Studien kommen allerdings zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Die Autor:innen führen das auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren zurück, etwa wie bekannt Autismus in einer Region ist und wie gut Diagnostik verfügbar ist. [1] Die Zahlen hängen stark davon ab, wie und wo gezählt wird. Sie lassen sich nicht ohne Weiteres als „wahre“ Häufigkeit lesen.
Was eine große Übersichtsarbeit zeigt
Eine große Übersichtsarbeit stammt von Zeidan und Kolleg:innen (2022); die Studien reichen bis November 2021. Das Team hat Häufigkeitsstudien aus 34 Ländern ausgewertet, die seit 2012 veröffentlicht wurden: 99 Schätzungen aus 71 Studien. [1] Neuere Daten sind hier nicht berücksichtigt; eine Übersichtsarbeit von 2026 ist weiter unten eingeordnet.
- Der Median lag bei 100 pro 10.000 – also etwa 1 %. Der Median ist der mittlere Wert: Die Hälfte der Studien fand mehr, die Hälfte weniger.
- Die Spannweite war enorm: von etwa 1 bis 436 pro 10.000. [1]
- Im Median über die Studien hatte etwa ein Drittel der Menschen mit Autismus zusätzlich eine intellektuelle Beeinträchtigung (Median 33 %, Spannweite von 0 bis etwa 70 %). Die Studien betrafen überwiegend Kinder. [1]
Andere Auswertungen kommen zu anderen Werten. Eine andere Metaanalyse fasste Studien aus den Jahren 1994 bis 2019 zusammen und kam auf 0,72 % (72 pro 10.000). [2] Solche Unterschiede sind bei Häufigkeitsstudien normal und kein Widerspruch – sie zeigen, wie stark die Ergebnisse von der Methode abhängen.
Warum Studien so unterschiedliche Zahlen finden
Die Autor:innen der Übersicht erklären die Unterschiede mit dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren: wie bekannt Autismus in einer Gesellschaft ist, wie viele Diagnose- und Unterstützungsangebote es gibt, ob Familien Hilfe suchen – und sozialen Bedingungen. [1]
Außerdem unterscheiden sich Studien darin,
- ob sie ganze Bevölkerungen untersuchen oder nur Menschen, die bereits eine Diagnose haben,
- welche Diagnosekriterien gelten,
- welche Altersgruppen sie betrachten.
Die Übersicht selbst weist auf eine Grenze hin: Sie hat die einzelnen Studien nicht nach ihrer Qualität bewertet. [1]
Eine neuere Übersichtsarbeit von 2026 kommt zu einem ähnlichen Bild. Sie wertet 19 Studien mit rund 20,6 Millionen Menschen aus (Suchzeitraum 2004 bis 2025). Die Werte unterscheiden sich je nach Studie sehr stark; die Autor:innen sehen den Grund vor allem in Methoden und Rahmenbedingungen wie den verwendeten Diagnosekriterien, der Art der Studie (Bevölkerung, Schule, Klinik) und der Region. Sie warnen davor, einen einzelnen Wert als weltweiten Richtwert zu lesen. [3] Deutschland kommt in den ausgewerteten Daten nicht vor. Wie diese Arbeit im Einzelnen einzuordnen ist, steht in der Meldung Autismus-Häufigkeit weltweit: Warum keine einzelne Zahl.
Jungen und Mädchen
In den ausgewerteten Studien wurden im Median etwa 4,2-mal so viele Jungen wie Mädchen mit Autismus erfasst (Spannweite 0,8 bis 6,1). [1] Ob dieser Unterschied die tatsächliche Verteilung vollständig widerspiegelt, ist offen. Mehr dazu im Artikel Frauen und Autismus.
Und in Deutschland?
Die Werte aus anderen Ländern lassen sich nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen: Schulsystem, Diagnosepraxis und Versorgung unterscheiden sich.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Gut belegt
- Autismus ist nicht selten. Die ausgewerteten Studien fanden im Median etwa 1 von 100 Kindern. [1]
- Die gemessenen Zahlen hängen stark davon ab, wie und wo gezählt wird. [1]
Begrenzte oder widersprüchliche Evidenz
- Wie hoch die Häufigkeit in Ländern mit wenigen Studien ist – etwa in Osteuropa und Afrika –, ist unsicher; aus Osteuropa und Afrika lagen sehr wenige oder keine Studien vor. [1]
- Ob der Unterschied zwischen den Geschlechtern in den Studien die tatsächliche Verteilung vollständig widerspiegelt. [1]
Offene Fragen
- Warum die gemessenen Zahlen seit Jahren steigen: Die Übersicht nennt mehr Bewusstsein in der Bevölkerung, Reaktionen des Gesundheitswesens sowie Fortschritte bei Erkennung und Definition. [1] Ob es daneben einen tatsächlichen Anstieg gibt, ist nicht abschließend geklärt. Mehr dazu im Artikel Warum steigen die Diagnosezahlen?
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Quellen und Literatur
- Zeidan J, Fombonne E, Scorah J, et al. Global prevalence of autism: A systematic review update. Autism Research 2022;15(5):778–790. https://doi.org/10.1002/aur.2696 – Systematischer Review
- Talantseva OI, Romanova RS, Shurdova EM, et al. The global prevalence of autism spectrum disorder: A three-level meta-analysis. Frontiers in Psychiatry 2023;14:1071181. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1071181 – Metaanalyse (hier zitiert für den eigenen Wert der Metaanalyse: 0,72 %, Studien 1994–2019)
- Muthuka JK, Onyango C, Nzioki JM, et al. Global Autism Spectrum Disorder Prevalence Estimates and Associated Covariates: A Systematic Review and Meta-Regression Analysis. Cureus 2026;18(4):e106260. https://doi.org/10.7759/cureus.106260 – Metaanalyse
Begriffe aus diesem Beitrag
- Systematischer Review und Metaanalyse
- Ein systematischer Review wertet vorhandene Studien nach festgelegten Regeln aus; eine Metaanalyse fasst deren Zahlen statistisch zusammen. Im Artikel zur Häufigkeit zeigt eine solche Übersichtsarbeit, wie unterschiedlich einzelne Studien ausfallen.
- Prävalenz
- Häufigkeit eines Merkmals in einer Bevölkerungsgruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Zahlen zu Autismus hängen stark davon ab, wie und wo gezählt wird.
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