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Versorgung & Gesundheit

Autismus und weitere Diagnosen verändern die Therapie

ADHS, eine Angststörung oder Depression können die Behandlung bei Autismus deutlich verändern. Entscheidend ist, welche Beschwerden zusammenwirken und welche Hilfe im Alltag tatsächlich entlastet. Ein aktueller britischer Bericht fordert deshalb eine Versorgung, die psychisch, die psychische Gesundheit und neurologische Entwicklung gemeinsam betrachtet.

Ein Mensch mit Autismus kann zugleich ADHS, eine Depression oder eine körperliche Erkrankung haben. Fachleute sprechen von gleichzeitig bestehenden Erkrankungen oder Komorbiditäten. Eine zusätzliche Diagnose beschreibt jedoch noch nicht, welches Problem gerade am stärksten belastet und welcher Behandlungsschritt Vorrang haben sollte.

Der im Oktober 2026 veröffentlichte britische Bericht zu psychischer Gesundheit, ADHS und Autismus empfiehlt fachübergreifende Teams und eine besser verbundene Diagnostik und Unterstützung. Er betrifft die Versorgung in England und ist keine neue Therapiestudie. Seine Forderung macht dennoch eine zentrale Frage sichtbar. Wie lässt sich verhindern, dass bei mehreren Diagnosen jede Stelle nur einen Ausschnitt des Menschen sieht?

Neue Beschwerden verdienen eine eigene Abklärung

Wenn ein Mensch mit Autismus plötzlich gereizter wirkt, schlechter schläft oder sich anders verhält, sollte das Anlass für eine erneute Abklärung sein. Schmerzen, körperliche Erkrankungen und Nebenwirkungen von Medikamenten können das Verhalten verändern.

Darauf weist auch ein 2025 in BMC Medicine veröffentlichter Behandlungsvorschlag eines Teams am amerikanischen Lurie Center for Autism hin. Die Fachleute nennen unter anderem Zahnprobleme und Verstopfung als mögliche Ursachen von Beschwerden. Ihr Beitrag verbindet Forschungsliteratur und klinische Erfahrung. Er ist ein Expertenkonsens, keine kontrollierte Prüfung eines neuen Behandlungskonzepts.

Für die Vorbereitung eines Termins kann eine kurze Beobachtungsliste helfen. Seit wann besteht die Veränderung? Was war vorher anders? Gab es neue Medikamente, Schmerzen oder veränderte Alltagsbedingungen? Solche Informationen geben der ärztlichen Abklärung einen konkreten Ausgangspunkt.

Grundlagen erklärt unser Wissensartikel über Begleiterkrankungen bei Autismus.

Psychotherapie muss verständlich und zugänglich sein

Bei einer zusätzlichen psychischen Erkrankung empfiehlt die britische Leitlinienorganisation NICE für Erwachsene eine Behandlung nach den Empfehlungen zur jeweiligen Erkrankung. Zugleich soll die Durchführung an die Bedürfnisse von Menschen mit Autismus angepasst werden.

Dazu gehören klare Formulierungen, ein nachvollziehbarer Ablauf sowie schriftliche oder visuelle Hilfen. Abstrakte Erklärungen lassen sich durch konkrete Alltagssituationen ergänzen. Pausen und vereinbarte Strukturen können die Teilnahme erleichtern. Angehörige können mit Zustimmung der betroffenen Person einbezogen werden.

Für Kinder und Jugendliche mit Autismus und Angst empfiehlt NICE, eine angepasste kognitive Verhaltenstherapie zu erwägen, wenn die sprachlichen und kognitiven Voraussetzungen für dieses Verfahren vorhanden sind. Dabei werden unter anderem belastende Gedanken und Verhaltensmuster bearbeitet. Die Empfehlung lässt sich nicht unverändert auf jedes Kind übertragen. Auch Kinder mit höherem Unterstützungsbedarf brauchen Zugang zu einer Behandlung, die zu ihren Kommunikationsmöglichkeiten passt.

Weitere Informationen bietet unser Überblick zur Psychotherapie bei Autismus.

ADHS erfordert eine sorgfältig begleitete Behandlung

Bei gleichzeitig bestehendem ADHS schließt Autismus eine medikamentöse Behandlung nicht grundsätzlich aus. NICE sieht grundsätzlich dieselben Auswahlmöglichkeiten wie bei ADHS ohne Autismus vor. Die konkrete Entscheidung hängt jedoch von der individuellen Situation ab.

Bei Autismus oder zusätzlichen psychischen beziehungsweise bestimmten körperlichen Erkrankungen empfiehlt die Leitlinie eine langsamere Anpassung der Dosis und häufigere Kontrollen. Wirksamkeit, Belastungen im Alltag und unerwünschte Wirkungen sollen im Verlauf erfasst werden. Eine gute Wirkung auf die Aufmerksamkeit beantwortet beispielsweise noch nicht die Frage, ob Schlaf und Wohlbefinden ebenfalls stabil bleiben.

Die Empfehlungen stammen aus Großbritannien. Welche Behandlung in Deutschland infrage kommt, muss die behandelnde Fachperson unter Berücksichtigung von Alter, Zulassung und individueller Krankengeschichte entscheiden.

Bei mehreren Medikamenten zählt der gesamte Verlauf

Der Behandlungsvorschlag des Lurie Centers betont regelmäßige Kontrollen von Nutzen und Nebenwirkungen. Gerade Menschen, denen es schwerfällt, Beschwerden sprachlich mitzuteilen, können unerwünschte Wirkungen durch Veränderungen ihres Verhaltens zeigen.

Für ein Behandlungsgespräch ist deshalb eine vollständige Übersicht der eingenommenen Medikamente hilfreich. Dazu gehören der Anlass der Verordnung, Veränderungen im Verlauf und beobachtete Beschwerden. Die behandelnden Fachpersonen sollten gemeinsam klären, welche Wirkung angestrebt wird und wer die Kontrollen übernimmt. Änderungen der Medikation gehören in ärztliche Begleitung.

Unser Wissensartikel über Medikamente bei Autismus ordnet die grundsätzlichen Möglichkeiten ein.

Die Forschung lässt noch Fragen offen

Wie gut angepasste Angebote für die psychische Gesundheit wirken, ist noch nicht für alle Verfahren und Personengruppen ausreichend geklärt. Eine 2024 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit von Sofia Loizou und ihrem Team wertete 30 Fachartikel zur Versorgung von Erwachsenen mit Autismus aus.

Viele untersuchte Anpassungen erschienen praktikabel und wurden akzeptiert. Für eindeutige Aussagen zur Wirksamkeit reichte die Evidenz insgesamt jedoch nicht aus. Die Studien unterschieden sich deutlich in Aufbau und Qualität. Daraus folgt weder, dass Psychotherapie generell unwirksam wäre, noch dass eine bestimmte Kombination bei mehreren Diagnosen zuverlässig hilft. Entscheidend bleiben ein fachlich begründetes Vorgehen und die Überprüfung des individuellen Nutzens.

Was in einem abgestimmten Therapieplan stehen sollte

Aus den Empfehlungen lässt sich für die Praxis ein gemeinsamer Fragenkatalog ableiten. Welche Beschwerden haben aktuell Vorrang? Welches Ziel ist der betroffenen Person wichtig? Wer koordiniert die Behandlung? Wann wird geprüft, ob die gewählten Maßnahmen helfen?

NICE empfiehlt bei ADHS einen umfassenden, gemeinsam vereinbarten Behandlungsplan, der auch andere Diagnosen sowie Bedürfnisse in Schule, Beruf und Alltag berücksichtigt. Für Menschen mit Autismus sollten außerdem Kommunikation, Reizempfindlichkeit und die Zugänglichkeit der Termine in die Planung einfließen.

Ein Ziel kann sein, wieder an einer gewünschten Aktivität teilzunehmen oder einen belastenden Alltagsschritt besser zu bewältigen. Welche Veränderung zählt, sollte gemeinsam mit der betroffenen Person festgelegt werden. Der britische Bericht fordert entsprechend, Versorgung auch an Teilhabe und Lebensqualität zu messen.

Bei mehreren Diagnosen braucht jede Maßnahme einen nachvollziehbaren Zweck. Ein abgestimmter Therapieplan hält fest, was behandelt wird, wer zuständig ist und woran sich eine Verbesserung erkennen lässt.

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