Zum Inhalt springen

Versorgung & Gesundheit

Neue Studien zeigen, wie Pferde Kindern mit Autismus helfen können

Ein Kind sitzt auf einem Pferd, spürt dessen gleichmäßige Bewegungen und konzentriert sich auf die nächste Aufgabe. Was für Außenstehende wie eine Freizeitaktivität aussieht, kann Teil einer gezielten therapeutischen Unterstützung sein. Zwei neue amerikanische Studien liefern nun Hinweise darauf, dass pferdegestützte Angebote Kindern mit Autismus helfen können. Die Forschenden fanden sowohl Veränderungen bei der körperlichen Stressreaktion als auch Verbesserungen bei bestimmten Verhaltens- und emotionalen Schwierigkeiten.

Die Ergebnisse wurden im Oktober 2026 in den Fachzeitschriften Journal of Autism and Developmental Disorders und Pediatrics veröffentlicht. Besonders interessant ist, dass beide Untersuchungen unterschiedliche Fragen beantworten. Während eine Studie Stresshormone im Speichel maß, untersuchte die andere unter anderem Hyperaktivität, Reizbarkeit und die Regulation von Gefühlen.

Neue Studie untersucht Stress bei 72 Kindern mit Autismus

Ein Forschungsteam der Colorado State University untersuchte 72 Kinder mit Autismus im Alter zwischen sechs und elf Jahren. Die Kinder wurden nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen zugeteilt. Eine Gruppe erhielt Ergotherapie unter Einbeziehung von Pferden, die andere Ergotherapie in einem klassischen Behandlungsraum.

Die Angebote fanden über zehn Wochen statt, jeweils einmal wöchentlich für eine Stunde. Inhaltlich beschäftigten sich beide Gruppen mit der Wahrnehmung und Regulation von Gefühlen. In der Pferdegruppe wurden die Übungen während des Reitens durchgeführt, während die Vergleichsgruppe ähnliche Aufgaben in einer Praxis bearbeitete.

Die Forschenden untersuchten zu verschiedenen Zeitpunkten Speichelproben der Kinder. Dabei interessierten sie sich besonders für Cortisol und Alpha-Amylase. Beide Stoffe können Hinweise darauf liefern, wie der Körper auf Anforderungen und Belastungen reagiert.

Beim Kontakt mit Pferden sank das Stresshormon stärker

In beiden Therapiegruppen gingen die Cortisolwerte im Verlauf einzelner Sitzungen zurück. Bei den Kindern, die mit Pferden arbeiteten, war dieser Rückgang jedoch ausgeprägter. Noch 20 Minuten nach dem Ende der Übungen zeigte sich ein statistisch signifikanter Unterschied gegenüber der Gruppe mit Ergotherapie im Behandlungsraum.

Die Forschenden interpretieren dies als Hinweis auf eine günstigere körperliche Stressreaktion während der pferdegestützten Ergotherapie. Gleichzeitig stieg während der Übungen die Alpha-Amylase an. Das kann auf eine erhöhte körperliche Aktivierung hindeuten, etwa durch Aufmerksamkeit, Bewegung oder Aufregung.

Die Kombination aus niedrigerem Cortisol und vorübergehend erhöhter Alpha-Amylase könnte bedeuten, dass die Kinder aufmerksam und beteiligt waren, ohne gleichzeitig eine entsprechend starke Stressreaktion zu zeigen. Allerdings lassen sich Gefühle aus solchen Biomarkern nicht eindeutig ablesen.

Wichtig ist außerdem, dass die Cortisolwerte vor den Terminen über die zehn Wochen hinweg nicht dauerhaft sanken. Die Untersuchung belegt somit vor allem einen Unterschied während und unmittelbar nach den Sitzungen. Eine langfristige Verringerung des alltäglichen Stressniveaus wurde damit nicht nachgewiesen.

Zweite Studie findet Verbesserungen bei Hyperaktivität

Eine weitere Untersuchung der University of Colorado Anschutz wurde am 9. Oktober 2026 im Fachjournal Pediatrics veröffentlicht. Für die randomisierte Studie wurden 236 Kinder und Jugendliche mit Autismus zwischen sechs und 16 Jahren aufgenommen. Alle hatten zusätzlich mindestens eine psychische Diagnose.

Die Teilnehmenden wurden unterschiedlichen Angeboten zugeteilt. Eine Gruppe nahm an therapeutischem Reiten teil, eine andere beschäftigte sich in strukturierten Aktivitäten mit dem Thema Pferd, allerdings ohne direkten Pferdekontakt. Eine weitere Gruppe diente zunächst als Wartelistenvergleich.

In die berichtete Auswertung gingen 169 Teilnehmende ein, die mindestens eine entsprechende Einheit beziehungsweise den Vergleichszeitraum absolviert hatten. Gegenüber der Wartelistengruppe zeigten sowohl das therapeutische Reiten als auch die Aktivitäten ohne Pferdekontakt Verbesserungen bei Reizbarkeit und Hyperaktivität.

Auch bei der emotionalen Regulation und bestimmten sozialen Verhaltensweisen wurden positive Veränderungen festgestellt. Die Verbesserungen bei der Hyperaktivität fielen in der Reitgruppe stärker aus als in der Gruppe ohne direkten Kontakt zu Pferden.

Nicht alle positiven Ergebnisse waren auf das Reiten zurückzuführen

Ein besonders interessanter Befund betrifft die Gruppe, die sich mit Pferden beschäftigte, ohne tatsächlich zu reiten. Die Kinder arbeiteten dort mit pferdebezogenen Aktivitäten und Materialien. Auch in dieser Gruppe verbesserten sich mehrere untersuchte Verhaltensbereiche gegenüber der Wartelistenkontrolle.

Das legt nahe, dass nicht ausschließlich die Bewegung auf dem Pferd eine Rolle spielen könnte. Auch ein verlässlicher Ablauf, gemeinsame Aktivitäten, motivierende Aufgaben oder die Beschäftigung mit einem interessanten Thema könnten zu den Ergebnissen beigetragen haben.

Welche einzelnen Bestandteile für welche Kinder besonders hilfreich sind, bleibt allerdings offen. Die Ergebnisse erlauben nicht die Aussage, dass jede Beschäftigung mit Pferden automatisch eine therapeutische Wirkung hat.

Warum Pferde für manche Kinder mit Autismus interessant sein können

Pferde reagieren auf Bewegungen, Körpersprache und den Umgang mit ihnen. Bei entsprechend gestalteten Angeboten können Kinder lernen, auf Veränderungen zu achten, eigene Handlungen anzupassen und sich auf eine gemeinsame Tätigkeit zu konzentrieren. Die gleichmäßigen Bewegungen beim Reiten können außerdem besondere Sinneseindrücke vermitteln.

Für manche Menschen mit Autismus können solche Erfahrungen angenehm und motivierend sein. Andere erleben Gerüche, Geräusche, Berührungen oder unvorhersehbare Bewegungen dagegen als belastend. Eine positive Wirkung lässt sich deshalb nicht allein aus der Diagnose ableiten.

Gerade bei sensorischen Besonderheiten ist es wichtig, die Reaktionen des einzelnen Kindes zu berücksichtigen. Mehr darüber erklärt unser Wissensartikel zur Reizverarbeitung und Wahrnehmung bei Autismus.

Was die Ergebnisse für Eltern bedeuten

Die beiden Studien liefern Hinweise darauf, dass sorgfältig gestaltete pferdegestützte Angebote für bestimmte Kinder mit Autismus hilfreich sein könnten. Sie bedeuten jedoch nicht, dass Reittherapie grundsätzlich besser ist als andere Unterstützungsformen.

In der Untersuchung zur körperlichen Stressreaktion war die Teilnehmerzahl begrenzt. Von 72 zugeteilten Kindern schlossen 56 die jeweilige Intervention ab. Zudem unterschieden sich die Abbruchquoten der beiden Gruppen, was die Interpretation zusätzlich erschwert.

In der größeren Untersuchung wurden vor allem Angaben von Bezugspersonen zu Veränderungen im Verhalten ausgewertet. Solche Beobachtungen sind wichtig, können aber durch Erwartungen beeinflusst werden. Die Betreuungspersonen wussten, an welchem Angebot ihr Kind teilgenommen hatte.

Außerdem untersuchte die größere Studie ausdrücklich Kinder und Jugendliche mit Autismus und zusätzlichen psychischen Diagnosen. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf sämtliche Menschen mit Autismus übertragen.

Woran Eltern ein geeignetes Angebot erkennen können

Wer über therapeutisches Reiten oder pferdegestützte Förderung nachdenkt, sollte zunächst klären, welches konkrete Ziel erreicht werden soll. Das kann beispielsweise der Umgang mit Belastungen, die Teilnahme an Freizeitaktivitäten oder die Förderung bestimmter alltagspraktischer Fähigkeiten sein.

Wichtig sind qualifizierte Fachkräfte, geeignete Tiere und eine sichere Umgebung. Dazu gehören eine angemessene Begleitung, passende Schutzausrüstung und die Möglichkeit, das Angebot jederzeit zu unterbrechen. Auch das Wohlergehen der Pferde muss berücksichtigt werden.

Ein Kind sollte nicht zum Reiten gedrängt werden, wenn es Angst hat oder die Situation als belastend erlebt. Ein erstes Kennenlernen ohne Reiten kann helfen, die eigenen Interessen und Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Nicht jede Freizeitaktivität mit Pferden ist eine medizinische Therapie. Wenn ein therapeutischer Nutzen versprochen wird, sollten Eltern nach den Qualifikationen, der Zielsetzung und der Grundlage solcher Aussagen fragen. Weitere Orientierung bietet unser Wissensartikel über autismusspezifische Therapie und Förderung.

Übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Reittherapie?

Die amerikanischen Studien führen nicht automatisch dazu, dass pferdegestützte Angebote in Deutschland von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden. Die Finanzierung hängt unter anderem von der Art der Leistung, ihrer Zielsetzung und dem zuständigen Leistungsträger ab.

Der Gemeinsame Bundesausschuss hatte bereits 2006 entschieden, die krankengymnastische Behandlung auf dem Pferd, die sogenannte Hippotherapie, nicht in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen. Diese Entscheidung bezog sich ausdrücklich auf Hippotherapie und nicht auf sämtliche Formen therapeutischen Reitens.

Bei anderen pferdegestützten Angeboten muss deshalb gesondert geprüft werden, ob und auf welcher Grundlage eine Finanzierung möglich ist. Eltern sollten vor einer Anmeldung die Kosten erfragen und sich gegebenenfalls beim zuständigen Kostenträger oder einer unabhängigen Beratungsstelle informieren.

Freude und Selbstbestimmung sind ebenfalls wichtig

Die Frage nach dem Nutzen solcher Angebote sollte nicht nur auf Testergebnisse oder Veränderungen im Verhalten reduziert werden. Auch die Freude an einer Aktivität, das Erleben von Selbstwirksamkeit und die Möglichkeit, eigene Interessen zu verfolgen, können für Kinder mit Autismus bedeutsam sein.

Ein Kind muss nicht ständig therapeutisch gefördert werden. Freizeit darf auch einfach Freizeit sein. Ob Reiten, Schwimmen, Musik oder eine andere Beschäftigung, entscheidend ist, dass die Aktivität zu den Wünschen und Bedürfnissen des Kindes passt.

Wie sich passende Freizeitangebote auswählen lassen, erklären wir im Beitrag über Freizeit und Interessen bei Autismus.

Weitere Forschung soll zeigen, welchen Kindern Pferde besonders helfen

Die beiden neuen Veröffentlichungen stärken die wissenschaftliche Grundlage für pferdegestützte Angebote. Besonders die Messung körperlicher Stressreaktionen ergänzt frühere Untersuchungen, die sich vor allem auf Beobachtungen und Fragebögen stützten.

Trotzdem bleiben wichtige Fragen offen. Es ist noch nicht ausreichend geklärt, wie lange mögliche Verbesserungen anhalten, welche Kinder besonders profitieren und ob vergleichbare Ergebnisse auch mit anderen Bewegungs- oder Freizeitangeboten erreicht werden können.

Für Familien sind die Erkenntnisse deshalb eine interessante zusätzliche Orientierung, aber kein allgemeiner Therapieauftrag. Die Entscheidung für oder gegen ein Angebot sollte sich an den Bedürfnissen, Interessen und Belastungsgrenzen des Kindes orientieren.

Quellen

Rankins, E. M. et al. Effects of Incorporating Horses into Occupational Therapy on Adrenocortical and Sympathetic Nervous System Reactivity and Regulation in Autistic Children. Journal of Autism and Developmental Disorders, 10. Oktober 2026.

Gabriels, R. L. et al. Therapeutic Horseback Riding for Youth With Autism and Psychiatric Comorbidities. Pediatrics, 9. Oktober 2026.

Colorado State University. Horse-assisted therapy linked to lower stress in children with autism. Forschungsmitteilung vom 19. Oktober 2026.

University of Colorado Anschutz. Horse-Based Activities May Help Autistic Youth With Behavioral and Emotional Challenges. 9. Oktober 2026.

Gemeinsamer Bundesausschuss. Kein Beleg für einen zusätzlichen Nutzen der krankengymnastischen Reittherapie. Beschluss vom 20. Juni 2006.

Fehler gefunden?

Wenn etwas sachlich falsch, veraltet oder unklar ist, sag uns Bescheid. Du musst keine persönlichen Daten angeben.

Hinweis schreibenHinweis schließen

Was stimmt nicht? Eine Quelle hilft uns bei der Prüfung. Mindestens 10 Zeichen.

Nur für Rückfragen zu diesem Hinweis. Wird gelöscht, sobald er bearbeitet ist. Mehr in der Datenschutzerklärung.

Weitere Meldungen

Alle Meldungen

Newsletter

Kostenlos abonnieren. Neue und überarbeitete Beiträge direkt per E-Mail. Jederzeit abbestellbar.

Newsletter – Anmeldeformular von Brevo laden (öffnet in einem neuen Tab)

Beim Laden des Formulars erhält Brevo technische Daten wie deine IP-Adresse. Datenschutzerklärung

Unabhängig aufgebaut

Autismus Wissen wird unabhängig aufgebaut und weiterentwickelt. Wenn du das Projekt unterstützen möchtest, kannst du freiwillig einen Beitrag leisten. Die Unterstützung hat keinen Einfluss auf unsere redaktionellen Inhalte oder fachlichen Bewertungen.

Autismus Wissen unterstützen