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Versorgung & Gesundheit

Arztbesuch mit Autismus: 19 Verbände fordern weniger Barrieren

Schon die Vereinbarung eines Arzttermins kann für Menschen mit Autismus zur Herausforderung werden, besonders wenn eine Praxis nur telefonisch erreichbar ist. Hinzu kommen volle Wartezimmer, störende Geräusche und der Druck, Beschwerden innerhalb weniger Minuten erklären zu müssen.

19 Selbsthilfeverbände und Sozialverbände fordern deshalb einen besseren Zugang zur medizinischen Versorgung. Zu den Unterzeichnern gehört auch Autismus Deutschland. Die Organisationen verlangen Veränderungen, damit Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen ohne unnötige Hürden behandelt werden können.

Unter den Unterzeichnern ist ausdrücklich auch Autismus Deutschland. Die Organisationen verlangen, dass Arztpraxen und Kliniken nicht nur baulich, sondern auch bei Kommunikation, digitalen Angeboten und Behandlungsabläufen besser zugänglich werden.

Die gemeinsame Erklärung veröffentlichte der Paritätische am 20. Oktober 2026; der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) machte sie am 23. Oktober erneut öffentlich. Anlass ist das 40-jährige Bestehen des Forums chronisch kranker und behinderter Menschen im Paritätischen.

Die Forderungen beziehen sich auf Menschen mit unterschiedlichen chronischen Erkrankungen und Behinderungen. Ihre Bedeutung für Menschen mit Autismus lässt sich aber konkret benennen.

Autismus Deutschland gehört zu den Unterzeichnern

Neben Autismus Deutschland und dem DBSV haben unter anderem der Sozialverband VdK Deutschland, die Deutsche Rheuma-Liga, die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft und der Deutsche Schwerhörigenbund unterschrieben. Insgesamt sind es 19 Organisationen.

Sie kritisieren, dass Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen trotz eines leistungsfähigen Gesundheitssystems nicht überall gleichberechtigten Zugang zur Versorgung haben.

Die Erklärung ist ein gesundheitspolitischer Appell, kein neues Gesetz. Sie enthält auch weder die Zusage, dass bestimmte Arztpraxen umgebaut werden, noch einen verbindlichen Zeitplan für die Umsetzung.

Die Verbände richten ihre Forderungen an die politisch Verantwortlichen, die an künftigen Reformen arbeiten.

Barrierefreiheit endet nicht an der Praxistür

Die Verbände nennen ausdrücklich vier Bereiche: bauliche, kommunikative und digitale Zugänglichkeit sowie passende Behandlungskonzepte. Damit geht ihre Forderung weit über Rampen und Aufzüge hinaus.

Auch eine Praxis, die stufenlos erreichbar ist, kann für einen Menschen mit Autismus schwer nutzbar sein.

Das beginnt möglicherweise bei einer ausschließlich telefonischen Terminvergabe. Im Wartezimmer kommen unbekannte Abläufe, Hintergrundgespräche und grelles Licht hinzu.

Während der Untersuchung können mehrdeutige Fragen, rasche Themenwechsel oder unerwartete Berührungen zu Schwierigkeiten führen. Wie belastend einzelne Situationen sind, unterscheidet sich von Person zu Person; es sind mögliche Barrieren, keine Merkmale, die auf alle Menschen mit Autismus zutreffen.

Auf diese Unterschiede muss die Versorgung reagieren können. Eine schriftliche Terminvereinbarung, eine vorherige Erklärung von Untersuchungen oder die Möglichkeit, bei Bedarf ruhiger zu warten, sind Beispiele für individuelle Anpassungen.

Sie sind keine bereits beschlossenen Einzelmaßnahmen aus der Erklärung, sondern eine praktische Einordnung ihrer Forderung nach kommunikativer und organisatorischer Barrierefreiheit.

Auch Assistenz und Selbstbestimmung stehen auf der Liste

Die Organisationen fordern außerdem, dass Menschen über ihre Behandlung selbstbestimmt entscheiden können. Benötigte Assistenz soll verlässlich zur Verfügung stehen, und Versorgungslücken beim Wechsel zwischen ambulanter Behandlung, Klinik und Rehabilitation sollen abgebaut werden.

Für Menschen mit Autismus kann das etwa bedeuten, dass ihre eigenen Kommunikationswünsche ernst genommen werden und die Beteiligung einer vertrauten Person nicht automatisch dazu führt, dass nur noch mit dieser gesprochen wird.

Wer Unterstützung bei einem Gespräch benötigt, soll dennoch möglichst selbst in Entscheidungen einbezogen werden.

Ein weiterer Punkt betrifft das Personal. Die Verbände verlangen Fortbildungen zu unterschiedlichen Behinderungen und Beeinträchtigungen sowie mehr Sensibilität im Umgang mit den Menschen, die medizinische Versorgung benötigen.

Außerdem sollen die Erfahrungen der Betroffenen selbst verbindlicher in gesundheitspolitische Entscheidungen einfließen. Die gemeinsame Erklärung enthält auch eine Forderung nach solidarischer Finanzierung.

Die Probleme bei Autismus sind bereits dokumentiert

Dass es sich nicht nur um theoretische Hindernisse handelt, zeigt das vom Innovationsfonds beim Gemeinsamen Bundesausschuss geförderte Projekt „BarrierefreiASS“. Es untersuchte die Gesundheitsversorgung von Erwachsenen mit Autismus ohne Intelligenzminderung und entwickelte ein gestuftes Versorgungsmodell.

Zu den betrachteten Problemen gehörten unzureichend passende Angebote, Schwierigkeiten beim Zugang zu Behandlungen und fehlendes Wissen über Autismus.

Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss teilte am 31. Juli 2025 mit, die Erkenntnisse würden an medizinische Fachgesellschaften und weitere Institutionen weitergegeben.

Ein Nachfolgeprojekt zur Erprobung des Versorgungsmodells an drei Standorten wurde angekündigt. Daraus lässt sich nicht schließen, dass die Versorgung bereits flächendeckend verbessert worden wäre.

Auch eine im Oktober 2026 veröffentlichte qualitative Untersuchung aus Deutschland verweist auf ein anderes Hindernis: In Interviews mit 14 Menschen, die sich selbst als autistisch bezeichneten, zeigte sich, dass Erwartungen an vermeintlich „normales“ Verhalten den Kontakt zur Gesundheitsversorgung erschweren können.

Die kleine Studie beschreibt Erfahrungen, liefert aber keine repräsentative Häufigkeitsangabe für Deutschland.

Arztbesuche bei Autismus besser vorbereiten

Bereits kleine organisatorische Änderungen können einen Termin besser zugänglich machen. Praxen können nachfragen, ob Informationen lieber schriftlich oder mündlich übermittelt werden sollen, Untersuchungen vorher erklären und für Rückfragen ausreichend Zeit einplanen.

Wo es organisatorisch möglich ist, kommen ruhigere Wartebedingungen oder planbare Termine hinzu.

Auch Betroffene können Bedürfnisse vorab mitteilen, ohne ihre gesamte Krankengeschichte oder eine Autismusdiagnose gegenüber jedem Mitarbeitenden offenzulegen.

Eine kurze Nachricht wie „Bitte erklären Sie die einzelnen Untersuchungsschritte vorher“ macht einen konkreten Bedarf oft verständlicher als eine allgemeine Bitte um Rücksichtnahme. Dass eine Praxis alle Wünsche erfüllen kann, ist damit allerdings nicht garantiert.

Für die Vorbereitung eines Termins bietet Autismus Wissen den Beitrag Arztbesuch und Krankenhaus gut vorbereiten.

Ausführlicher zu bestehenden Problemen informiert Gesundheitsversorgung für Erwachsene: Hürden.

Für Fachkräfte beschreibt Arztpraxis und Klinik: Kommunikation anpassen mögliche Veränderungen im Gespräch und in der Behandlung.

Eine Erklärung ist noch keine Reform

Die gemeinsame Stellungnahme von 19 Organisationen zeigt, dass die Forderung nach einem inklusiveren Gesundheitswesen von sehr unterschiedlichen Selbsthilfeverbänden getragen wird.

Dass Autismus Deutschland zu den Unterzeichnern gehört, macht deutlich, dass auch die Bedürfnisse von Menschen mit Autismus in dieser politischen Debatte vertreten werden.

Offen bleibt, welche Vorschläge die Politik aufgreift, wie Änderungen finanziert würden und wann sie in Praxen und Kliniken ankommen könnten.

Für die Betroffenen entscheidet sich der Erfolg nicht an der Veröffentlichung einer Erklärung, sondern daran, ob medizinische Versorgung ohne vermeidbare Hürden tatsächlich erreichbar wird.

Quellen

Der Paritätische Gesamtverband (20. Oktober 2026): Gesundheit ist Menschenrecht – Forum chronisch kranker und behinderter Menschen legt Erklärung vor.

Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband (23. Oktober 2026): DBSV fordert Verbesserungen im Gesundheitswesen – vollständiger Wortlaut und Unterzeichner.

Gemeinsamer Bundesausschuss (31. Juli 2025): Ergebnisse des Projekts BarrierefreiASS.

Nowak, A. C. et al. (13. Oktober 2026): Die Bedeutung von „Normalitätsvorstellungen“ von Autist*innen und Gesundheitspersonal für die Gesundheitsversorgung: Eine qualitative Analyse. Psychiatrische Praxis. DOI: 10.1055/a-2955-5875.

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