Kurz erklärt
„Autistisches Burnout“ ist ein Begriff, über den Menschen im Autismus-Spektrum selbst viel sprechen und den die Forschung erst seit Kurzem untersucht. [1] Eine Studie definiert es als Zustand, der nach dieser Definition aus chronischem Stress und einem Missverhältnis zwischen Anforderungen und Fähigkeiten entsteht, wenn passende Unterstützung fehlt. [1] Kennzeichen sind:
- tiefe, lang anhaltende Erschöpfung, typischerweise über drei Monate oder länger,
- der Verlust von Fähigkeiten, die vorher vorhanden waren,
- eine geringere Toleranz für Reize.
Die Forschung ist noch jung. Die Autor:innen der Studie von 2020 schreiben, das Konzept habe in der wissenschaftlichen und klinischen Literatur bis dahin fast gefehlt; ihre Definition ist wie die ICD-11-Definition von beruflichem Burnout aufgebaut, hat aber einen anderen Inhalt. [1] Die Studien beschreiben autistisches Burnout als Zustand, nicht als offiziell festgelegte Diagnose.
Was mit autistischem Burnout gemeint ist
Die Definition stammt aus einer Studie, die Menschen im Autismus-Spektrum selbst mitgestaltet haben. [1] Nach dieser Definition ist autistisches Burnout ein Zustand, der entsteht
- aus chronischem Lebensstress,
- aus einem Missverhältnis zwischen dem, was von jemandem erwartet wird, und dem, was er oder sie leisten kann,
- wenn angemessene Unterstützung fehlt.
Kennzeichnend sind drei Merkmale: [1]
- Tiefe, anhaltende Erschöpfung – nicht nur müde sein, sondern über Monate kaum Energie haben (typischerweise drei Monate oder länger).
- Verlust von Fähigkeiten – Dinge, die vorher gingen, gehen plötzlich nicht mehr, zum Beispiel bei Alltagsaufgaben, beim Denken und Planen oder beim Sprechen. [1]
- Geringere Reiztoleranz – Geräusche, Licht oder soziale Kontakte werden schneller zu viel als sonst.
Ein Beispiel (erfunden, kein Einzelfall): Eine Studentin im Autismus-Spektrum kommt jahrelang mit großer Anstrengung durch Seminare, Nebenjob und Wohngemeinschaft. Nach einem Umzug und einer Prüfungsphase kann sie über Monate kaum die Wohnung verlassen. Einfache Gespräche erschöpfen sie, Geräusche sind kaum auszuhalten. Aufgaben, die vorher selbstverständlich waren, schafft sie nicht mehr.
Wie es entstehen kann
Nach der Definition entsteht autistisches Burnout, wenn Belastungen über lange Zeit größer sind als die verfügbaren Kräfte und die Unterstützung fehlt. [1] Die Autor:innen der Studie weisen außerdem auf mögliche Risiken hin, wenn Menschen mit Autismus beigebracht wird, Merkmale ihres Autismus zu verbergen. [1] Mehr dazu im Artikel Masking: Wenn Anpassung erschöpft.
Burnout, Depression, Erschöpfung – was ist der Unterschied?
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass autistisches Burnout sich offenbar von berufsbedingtem Burnout und von einer klinischen Depression unterscheidet. [1] Diese Einschätzung beruht auf qualitativen Daten, also auf Interviews und Berichten, nicht auf einem Vergleich mit klinischen Tests. Erste Fragebogenstudien fanden dagegen starke Zusammenhänge mit Depression, Angst und Erschöpfung; wie klar sich autistisches Burnout davon abgrenzen lässt, ist offen. [3; 4]
Wichtig für die Praxis: Die Beschwerden können sich überschneiden, und beides kann gleichzeitig vorliegen. Anhaltende Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit oder Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, sollten immer ärztlich oder psychotherapeutisch abgeklärt werden – unabhängig davon, wie man den Zustand nennt.
Wenn es dir gerade sehr schlecht geht: Die TelefonSeelsorge ist Tag und Nacht kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, außerdem per Chat und E-Mail. [6] In akuter Gefahr wähle den Notruf 112.
Was helfen kann
Wie sich autistisches Burnout messen, vorbeugen und behandeln lässt, braucht nach Angabe der Autor:innen der Studie von 2020 noch mehr Forschung. [1] Die folgenden Hinweise stammen aus einem Merkblatt einer australischen Autismus-Fachorganisation und sind als Orientierung gedacht, nicht als erprobte Therapie: [5]
- Anforderungen reduzieren: Aktivitäten und soziale sowie sensorische Belastungen auf ein bewältigbares Maß herunterfahren.
- Erholung Zeit geben: schrittweise zurückkehren und realistische Erwartungen an sich selbst haben, statt sich unter Druck zu setzen.
- Unterstützung aktivieren: Menschen und Gemeinschaften einbeziehen, die Verständnis haben.
- Fachliche Hilfe suchen, zum Beispiel bei Fachleuten mit Autismus-Erfahrung.
Eigene Überlegung der Redaktion, nicht durch eine Quelle belegt: Hilfreich kann auch sein, die eigenen Belastungsquellen zu erkennen, etwa Reize, soziale Anforderungen oder Masking, und im Umfeld Anpassungen zu erbitten. Beispiele finden sich in den Artikeln Reizüberflutung erkennen und vorbeugen und Arbeit und Beruf mit Autismus.
Was wissen wir – was ist noch offen?
In qualitativen Studien übereinstimmend berichtet
- Zwei qualitative Studien mit erwachsenen Menschen im Autismus-Spektrum beschreiben autistisches Burnout als belastenden Zustand: Die Studie von 2020 (19 Interviews, 19 Internetquellen) nennt tiefe Erschöpfung, Verlust von Fähigkeiten und geringere Reiztoleranz [1]. Die Auswertung von 1.127 Online-Beiträgen (2005 bis 2019) beschreibt es als wiederkehrenden oder chronischen Zustand mit Folgen für Alltag, psychische Gesundheit und Lebensqualität. [2] Die Stichproben waren klein bzw. selbst ausgewählt; Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf waren in der Studie von 2020 kaum vertreten. [1]
Wahrscheinlich bzw. plausibel
- Chronischer Stress und fehlende Unterstützung gehören zur Definition der Studie. Ursache und Wirkung wurden nicht getestet. [1]
Begrenzte Evidenz
- Die Abgrenzung zu Depression und berufsbedingtem Burnout beruht bisher vor allem auf qualitativen Studien. [1]
- Wie klar sich autistisches Burnout von Depression und Erschöpfung abgrenzen lässt: Erste Fragebogenstudien finden starke Zusammenhänge; das Messinstrument unterscheidet aktuelles und vergangenes Burnout bisher unzureichend. [3; 4]
- Fragebögen, mit denen sich autistisches Burnout erfassen lässt, werden gerade erst entwickelt und geprüft. [3; 4]
Offene Fragen
- Wie häufig autistisches Burnout auftritt.
- Welche Unterstützung wirksam vorbeugt oder die Erholung beschleunigt.
- Ob und wie autistisches Burnout künftig in Diagnostik und Versorgung berücksichtigt wird.
Häufige Fragen
Was ist autistisches Burnout? Nach einer Studie von 2020 ein Zustand aus chronischem Stress und einem Missverhältnis zwischen Anforderungen und Fähigkeiten bei fehlender Unterstützung, mit tiefer, anhaltender Erschöpfung (typischerweise drei Monate oder länger), Verlust von Fähigkeiten und geringerer Reiztoleranz. Es ist keine offiziell festgelegte Diagnose. [1]
Was sind Anzeichen von autistischem Burnout? Genannt werden anhaltende Erschöpfung, Fähigkeiten, die vorher da waren und nun fehlen, und schneller auftretende Überlastung durch Reize wie Geräusche, Licht oder soziale Kontakte. [1]
Ist autistisches Burnout eine Depression? Die Studie von 2020 kommt zu dem Schluss, dass es sich offenbar davon unterscheidet; Fragebogenstudien fanden starke Zusammenhänge, und wie klar sich beides abgrenzen lässt, ist offen. Anhaltende Niedergeschlagenheit sollte immer abgeklärt werden. [1; 3; 4]
Was hilft bei autistischem Burnout? Wirksame Behandlungen sind nicht belegt. Eine australische Fachorganisation nennt als Orientierung: Anforderungen reduzieren, Erholung Zeit geben, Unterstützung aktivieren und fachliche Hilfe suchen. [5]
Hängt autistisches Burnout mit Masking zusammen? Die Autor:innen der Studie von 2020 weisen auf mögliche Risiken hin, wenn Menschen beigebracht wird, Merkmale ihres Autismus zu verbergen. [1] Mehr: Masking: Wenn Anpassung erschöpft.
Das könnte dich auch interessieren
- Masking: Wenn Anpassung erschöpft
- Psychotherapie für Menschen mit Autismus
- Reizüberflutung erkennen und vorbeugen
Quellen und Literatur
- Raymaker DM, Teo AR, Steckler NA, et al. “Having all of your internal resources exhausted beyond measure and being left with no clean-up crew”: Defining autistic burnout. Autism in Adulthood 2020;2(2):132–143. https://doi.org/10.1089/aut.2019.0079 – Qualitative, partizipative Studie
- Mantzalas J, Richdale AL, Adikari A, Lowe J, Dissanayake C. What is autistic burnout? A thematic analysis of posts on two online platforms. Autism in Adulthood 2022;4(1):52–65. https://doi.org/10.1089/aut.2021.0021 – Qualitative Studie
- Arnold SRC, Higgins JM, Weise J, et al. Towards the measurement of autistic burnout. Autism 2023;27(7):1933–1948. https://doi.org/10.1177/13623613221147401 – Studie zur Messung
- Mantzalas J, Richdale AL, Li X, Dissanayake C. Measuring and validating autistic burnout. Autism Research 2024;17(7):1417–1449. https://doi.org/10.1002/aur.3129 – Validierungsstudie
- Autism Spectrum Australia (Aspect). Factsheet: Autistic Burnout. März 2024. https://www.aspect.org.au/uploads/documents/March2024_Aspect_Autistic_Burnout_Factsheet.pdf – Fachorganisation
- TelefonSeelsorge Deutschland. https://www.telefonseelsorge.de/ – Beratungsangebot (Rufnummern und Erreichbarkeit nach Angabe der Organisation)
Begriffe aus diesem Beitrag
- Autistisches Burnout
- Beschriebener Zustand tiefer, lang anhaltender Erschöpfung mit Verlust von Fähigkeiten und geringerer Reiztoleranz. Keine offizielle Diagnose; die Forschung ist jung.
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