Kurz erklärt
Missverständnisse in Gesprächen zwischen Menschen mit und ohne Autismus gehen nach experimentellen Studien auf beide Seiten zurück („doppeltes Empathieproblem“):
– Erwachsene ohne Autismus konnten Gefühle von Erzähler:innen im Autismus-Spektrum weniger genau einschätzen. [1]
– Sie bewerteten gemischte Gespräche als am wenigsten gelungen. [3]
– Informationen wurden in gemischten Gruppen schlechter weitergegeben als in Gruppen mit Menschen im Autismus-Spektrum. [2] In der Versorgung nennen Übersichtsarbeiten Verständigung, fehlendes Wissen und Reizbelastung als Hürden. [4] [6] Bildkarten und Piktogramme können nach einem Überblick Stress und Angst mindern. [5] Die Studien sind klein und überwiegend Laborexperimente; fertige Gesprächsregeln liefern sie nicht.
Verständigung ist keine Einbahnstraße
Die Idee des „doppelten Empathieproblems“ besagt, dass Verständigungsschwierigkeiten zwischen Menschen mit und ohne Autismus in der Wechselwirkung entstehen und nicht allein „im“ Menschen im Autismus-Spektrum liegen. [1] Drei Studien dazu:
Gefühle erkennen: 81 Erwachsene aus der Allgemeinbevölkerung sahen Berichte über emotionale Erlebnisse, erzählt von Personen mit und ohne Autismus.
Sie schätzten die Gefühle der Erzähler:innen im Autismus-Spektrum deutlich weniger genau ein, vor allem bei Freude und Trauer, und spürten bei Ärger und Furcht stärkere Körperreaktionen. Die Studie untersuchte nur eine Seite (Teilnehmende ohne Autismus), und die Erzähler:innen waren überwiegend weiß und hochgebildet. [1]
Wie Dritte Gespräche bewerten: 102 Erwachsene ohne Autismus bewerteten Aufnahmen von Gesprächen zwischen 42 Männern mit und 44 Männern ohne Autismus.
Gemischte Gespräche galten als die am wenigsten gelungenen. Teilnehmende wurden günstiger bewertet, wenn sie mit Partner:innen ohne Autismus sprachen, und als weniger intelligent und ungeschickt, wenn sie mit Partner:innen im Autismus-Spektrum sprachen. Außerdem unterschätzten die Beobachtenden, wie viel Vertrauen und Intelligenz die Teilnehmenden im Autismus-Spektrum ihren Gesprächspartner:innen zuschrieben. Die Stichprobe war nur männlich, überwiegend weiß und hochgebildet. [3]
Informationen weitergeben: In einem Experiment mit 72 Erwachsenen (Ketten aus je acht Personen) gaben Gruppen mit Menschen im Autismus-Spektrum Informationen so gut weiter wie Gruppen ohne Autismus, gemischte Gruppen deutlich weniger; in gemischten Gruppen war der Rapport (Gefühl der Verbundenheit) geringer. Die Autor:innen nennen die Stichprobe klein und Wiederholung nötig. [2]
Was Betroffene in der Versorgung berichten
Übersichtsarbeiten zur Gesundheitsversorgung von Erwachsenen zeigen ähnliche Muster: Verständigung zwischen Patient:in und Fachkraft ist eine zentrale Hürde; Betroffene erleben Stigma und Annahmen über ihre Fähigkeiten, Fachkräfte fühlen sich teils nicht ausreichend vorbereitet. [4] Eine Meta-Ethnografie mit 15 britischen Studien nennt als Wirkung fehlenden Wissens Fehldiagnosen, ungeeignete Behandlung und Überforderung; empfohlen werden Schulungen, gemeinsam mit Betroffenen entwickelt, verschiedene Kommunikationswege und ruhige Wartebereiche. [6] Mehr dazu: Gesundheitsversorgung für Erwachsene: Hürden.
Bilder, Piktogramme und Kommunikationshilfen
Ein narrativer Review (9 Studien, acht davon im zahnmedizinischen Bereich) fand, dass Hilfen der Unterstützten Kommunikation (zum Beispiel Bildtafeln) bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus Stress und Angst verringern und die Mitarbeit bei Untersuchungen verbessern können. Für Forschungsverfahren gab es keine Studien; die Autor:innen schlagen vor, Piktogramme gemeinsam mit der Autismus-Gemeinschaft zu entwickeln und zu erproben. [5] Zur Unterstützten Kommunikation allgemein: Unterstützte Kommunikation.
Was sich daraus für Gespräche ableiten lässt
Aus den Studien folgt, dass sich Verständigung nicht dadurch verbessert, dass nur eine Seite sich anpasst. Hilfreich sind: Wissen über Autismus bei Fachkräften, mehrere Kommunikationswege, ruhige Umgebung und Piktogramme oder andere Hilfen, wo sie passen. [6] [5] Als Redaktionsanregungen (kein Studienbefund): konkrete, kurze Fragen stellen; Antwortzeit lassen; wörtlich gemeinte Aussagen bevorzugen und Metaphern erklären; vorab Ablauf und Ziel des Gesprächs nennen; Wichtiges schriftlich zusammenfassen; nachfragen, wie die Person am besten kommuniziert, und das ernst nehmen. Praktische Hinweise für Praxis und Klinik: Arztpraxis und Klinik: Kommunikation anpassen; für Therapie: Autismus in Therapie und Beratung: Setting anpassen; für den Alltag: Kommunikation im Alltag: Missverständnisse vermeiden.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Was wir wissen: Missverständnisse zwischen Menschen mit und ohne Autismus sind in Experimenten beidseitig; in der Versorgung nennen Betroffene Verständigung, fehlendes Wissen und Reizbelastung als Hürden. [1] [3] [4] [6]
Offen:
- Welche konkreten Gesprächsstrategien nachweislich wirken: Es gibt kaum Studien, die Techniken prüfen. [6]
- Die Laborstudien beruhen auf kleinen, überwiegend gut ausgebildeten und häufig männlichen Stichproben und zeigen nur einen Ausschnitt. [3] [1] [2]
- Für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung oder ohne Lautsprache sind die Befunde kaum aussagekräftig. [6]
- Bildhilfen: Belege gibt es hauptsächlich aus der Zahnmedizin. [5]
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Quellen und Literatur
- Cheang RT, Skjevling M, Blakemore AI, Kumari V, Puzzo I: Do you feel me? Autism, empathic accuracy and the double empathy problem. Autism 2025;29(9):2315–2327 (online 17.05.2024). https://doi.org/10.1177/13623613241252320 (PMC12332230) – Experimentelle Studie (81 Erwachsene aus der Allgemeinbevölkerung)
- Crompton CJ, Ropar D, Evans-Williams CV, Flynn EG, Fletcher-Watson S: Autistic peer-to-peer information transfer is highly effective. Autism 2020;24(7):1704–1712. https://doi.org/10.1177/1362361320919286 (PMID 32431157) – Experimentelle Studie (9 Gruppen à 8 Personen)
- Jones DR, Botha M, Ackerman RA, King K, Sasson NJ: Non-autistic observers both detect and demonstrate the double empathy problem when evaluating interactions between autistic and non-autistic adults. Autism 2024;28(8):2053–2065 (online 2023). https://doi.org/10.1177/13623613231219743 (PMC11308351) – Experimentelle Studie (102 Beobachtende, 86 Interaktionsteilnehmende)
- Mason D, Ingham B, Urbanowicz A, Michael C, Birtles H, Woodbury-Smith M, Brown T, James I, Scarlett C, Nicolaidis C, Parr JR: A Systematic Review of What Barriers and Facilitators Prevent and Enable Physical Healthcare Services Access for Autistic Adults. Journal of Autism and Developmental Disorders 2019;49(8):3387-3400. https://doi.org/10.1007/s10803-019-04049-2 (frei lesbar, CC BY) – Systematischer Review (6 Studien)
- Passarini S, Quarin F, Lazzaro G, Costanzo F, Battisti A, Valeri G, Guerrera S, Casula L, Menghini D, Pirchio S, Vicari S, Fucà E: Fostering inclusion in clinical and research procedures in autistic youth through augmentative and alternative communication: a narrative review and a proposal for visual aids application in brain stimulation. Frontiers in Psychiatry 2026;17:1764016. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2026.1764016 (frei lesbar, CC BY; online 09.07.2026) – Narrativer Review (9 Studien)
- Radev S, Freeth M, Thompson AR: How healthcare systems are experienced by autistic adults in the United Kingdom: A meta-ethnography. Autism 2024;28(9):2166-2178. https://doi.org/10.1177/13623613241235531 (frei lesbar, CC BY; online 11.03.2024) – Meta-Ethnografie (15 Studien, Großbritannien)
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