Kurz erklärt
Empathie hat mehrere Teile: andere Menschen verstehen, ihre Gefühle mitempfinden, Mitgefühl zeigen. Eine Meta-Analyse von 2019 (51 Studien, 2.095 Personen mit Autismus, 2.869 Vergleichspersonen) fand, dass Unterschiede nur in einigen Teilbereichen vorliegen, in anderen nicht, und dass die Ergebnisse stark zwischen den Studien schwanken. [4] Neuere Arbeiten legen nahe, dass Missverständnisse zwischen Menschen mit und ohne Autismus in beide Richtungen laufen („doppelte Empathie“): Gruppen aus Menschen mit Autismus gaben Informationen so gut weiter wie Gruppen ohne Autismus, gemischte Gruppen weniger gut. [2] Der Satz „keine Empathie“ ist deshalb zu pauschal. Wie sich Empathie im Alltag äußert und wie man sie misst, bleibt Gegenstand der Forschung.
Was „Empathie“ umfasst
Die Meta-Analyse unterschied mehrere Teile der Empathie: das Verstehen der Gedanken und Gefühle anderer (kognitive Empathie), das gefühlsmäßige Mitschwingen und Mitgefühl (affektive Empathie, einschließlich „empathic concern“, dem Mitgefühl mit anderen), und die Genauigkeit, mit der man Gefühle anderer erkennt. Außerdem trennte sie eine eher stabile Neigung (meist über Fragebögen erfasst) von dem Verhalten in einer konkreten Situation (meist über Aufgaben erfasst). [4]
Was die Meta-Analyse von 2019 zeigte
In 51 Studien aus östlichen und westlichen Ländern fanden sich nach Angaben der Autor:innen Unterschiede bei vier Teilbereichen (stabile kognitive Empathie, stabiles Mitgefühl, kognitive Empathie in der Situation, Mitgefühl in der Situation). Die situationsbezogene Genauigkeit beim Erkennen von Gefühlen war dagegen nicht unterschiedlich, und eine Form der „stabilen Genauigkeit“ fiel bei Menschen mit Autismus sogar höher aus. [4]
Die Autor:innen betonten: Die Schwierigkeiten sind bereichsspezifisch, nicht pauschal. Alter und Geschlecht beeinflussten einzelne Teilbereiche. [4] Als Einschränkungen nannten sie, dass es zu Frauen und zu östlichen Kulturen wenige Studien gab; die Ergebnisse waren zwischen den Studien sehr unterschiedlich (hohe Heterogenität). [4] Zu bedenken ist auch, dass Fragebögen zur „stabilen“ Empathie auf Selbst- oder Fremdauskünften beruhen. Hinweis: Das ist eine Einordnung der Redaktion.
„Doppelte Empathie“: Missverständnisse in beide Richtungen
Das Konzept der doppelten Empathie besagt, dass Verständnisschwierigkeiten zwischen Menschen mit und ohne Autismus wechselseitig sind. Dafür gibt es Studien: In einem Experiment mit 72 Erwachsenen gaben Gruppen aus Menschen mit Autismus Informationen so wirksam weiter wie Gruppen ohne Autismus; in gemischten Gruppen ging mehr verloren, und das gegenseitige Verständnis (Rapport) war geringer. [2] Die Autor:innen nannten die Stichprobe eher klein und forderten Wiederholungen. [2]
In einer Studie bewerteten 102 Erwachsene ohne Autismus Gespräche zwischen Paaren (42 Teilnehmende mit Autismus, 44 ohne, alle männlich): Gespräche zwischen Personen ohne Autismus wurden am besten bewertet, gemischte am schlechtesten. Die Beobachtenden bewerteten Teilnehmende mit Autismus negativer als deren Gesprächspartner:innen es taten und unterschätzten deren Vertrauens- und Intelligenzurteile. [3] In einer weiteren Studie schätzten 81 Erwachsene aus der Allgemeinbevölkerung die Gefühle von Erzähler:innen mit Autismus weniger genau ein als die von Erzähler:innen ohne Autismus. [1]
Was daraus folgt
Aus den Studien lässt sich nicht schließen, dass Menschen mit Autismus nicht fühlen oder kein Mitgefühl haben. Das sind Hinweise der Redaktion, die sich an den Studien orientieren:
- Nachfragen statt annehmen: Wenn jemand anders reagiert, sag, was du meinst, und frag, wie es bei der Person ankommt. Mehr: Kommunikation im Alltag: Missverständnisse vermeiden, Soziale Kommunikation und Interaktion bei Autismus.
- Kein Urteil nach dem Gesichtsausdruck: Beobachtende beurteilten Menschen mit Autismus in der Studie negativer als diese selbst in der Interaktion. [3]
- Begegnung auf Augenhöhe: Beide Seiten können Missverständnisse verringern. [2]
Was wissen wir – was ist noch offen?
Studienbasiert (Meta-Analyse, Experimente, jeweils mit Einschränkungen): Unterschiede in einzelnen Teilbereichen der Empathie bei großer Streuung; Missverständnisse in gemischten Gruppen. [4, Q-CROMPTON-2020, Q-JONES-2023, Q-CHEANG-2024]
Offen:
- Unterschiede in Fragebögen müssen nicht dasselbe messen wie das Verhalten im Alltag. [4]
- Die Studien zur doppelten Empathie hatten kleine, teils nicht repräsentative Stichproben (zum Beispiel nur männliche Interaktionspartner, überwiegend weiße, hochgebildete Teilnehmende). [3]
- Wie sich doppelte Empathie bei Kindern, bei Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf oder in anderen Kulturen zeigt, ist kaum untersucht.
- Neuere Studien nach den genannten hat die Redaktion nicht systematisch ausgewertet.
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Quellen und Literatur
- Cheang RT, Skjevling M, Blakemore AI, Kumari V, Puzzo I. Do you feel me? Autism, empathic accuracy and the double empathy problem. Autism 2025;29(9):2315–2327 (online 2024). https://doi.org/10.1177/13623613241252320 – Experimentelle Studie (81 Erwachsene)
- Crompton CJ, Ropar D, Evans-Williams CV, Flynn EG, Fletcher-Watson S. Autistic peer-to-peer information transfer is highly effective. Autism 2020;24(7):1704–1712. https://doi.org/10.1177/1362361320919286 – Experimentelle Studie
- Jones DR, Botha M, Ackerman RA, King K, Sasson NJ. Non-autistic observers both detect and demonstrate the double empathy problem when evaluating interactions between autistic and non-autistic adults. Autism 2024;28(8):2053–2065 (online 2023). https://doi.org/10.1177/13623613231219743 – Experimentelle Studie (102 Beobachtende)
- Song Y, Nie T, Shi W, Zhao X, Yang Y. Empathy Impairment in Individuals With Autism Spectrum Conditions From a Multidimensional Perspective: A Meta-Analysis. Frontiers in Psychology 2019;10:1902. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2019.01902 – Meta-Analyse (51 Studien)
Begriffe aus diesem Beitrag
- Doppelte Empathie
- Vorstellung, dass Verständnisschwierigkeiten zwischen Menschen mit und ohne Autismus in beide Richtungen bestehen. Mehrere kleine Studien stützen das; es bleibt Gegenstand der Forschung.
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