Zum Inhalt springen

Wissenschaft & Forschung

Warum steigen die Diagnosezahlen bei Autismus?

Für wen? Für alle, die sich fragen, ob Autismus „häufiger wird“ und wie sich steigende Zahlen erklären lassen.

Kurz erklärt

Weltweit steigt die gemessene Häufigkeit von Autismus. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2022 sieht darin das Zusammenspiel mehrerer Faktoren: mehr Aufmerksamkeit in der Bevölkerung und im Gesundheitssystem, Fortschritte bei Erkennung und Definition von Autismus und mehr Kapazitäten. [1] Zu den bekannten Gründen für den Anstieg zählen laut der Arbeit Veränderungen der Falldefinition, die die diagnostischen Grenzen erweitert haben, häufigere Diagnosen milderer Formen und die bessere Erkennung bei früher übersehenen Gruppen. [1] Für die Annahme, dass der Anstieg auf Umweltgifte oder Migration zurückgeht, sah die Arbeit nur schwache oder widersprüchliche Belege. [1]

Was die Übersichtsarbeit zeigt

Die Arbeit von Zeidan und Kolleg:innen (2022) aktualisiert eine frühere Übersicht. Sie fand einen Median von 65 Fällen je 10.000 (also etwa 1 von 100 Kindern) gegenüber 62 je 10.000 in der früheren Übersicht. Die Schätzungen stiegen über die Zeit und unterschieden sich stark innerhalb und zwischen soziodemografischen Gruppen. [1] Zur Einordnung der Zahlen: Wie häufig ist Autismus?

Gründe für den Anstieg

Nach der Übersichtsarbeit spiegeln die Zeittrends mehrere Faktoren wider, nicht einen einzelnen ursächlichen Weg. Sie nennt [1]:

  • die gestiegene Aufmerksamkeit der Bevölkerung und die öffentliche Gesundheitsantwort weltweit,
  • veränderte Falldefinitionen, die die diagnostischen Grenzen im Lauf der Zeit erweitert haben,
  • die häufigere Diagnose milderer Formen,
  • die bessere Erkennung in Gruppen, die früher häufiger übersehen wurden (nach Geschlecht, Region, Herkunft oder sozialem Status),
  • mehr Kapazitäten in Gesundheits- und Bildungssystemen.

Dazu passt, dass die Messmethoden der Studien sehr unterschiedlich sind: Wie Fälle gesucht, bewertet und bestätigt werden und wie gut Gesundheits- und Bildungssysteme Autismus erkennen können, beeinflusst die gemessene Häufigkeit. [1] Auch die sich entwickelnde klinische Definition und die Abgrenzung von ähnlichen Bedingungen wirkten sich aus. [1]

Beispiele aus einzelnen Ländern

Die Arbeit berichtet über Zeittrends in mehreren Ländern: In den USA zeigte ein Bericht der CDC für 2010, 2012 und 2014 einen Anstieg in New Jersey, während die Schätzungen in Arizona und Missouri stabil blieben; der Anteil der Kinder mit Autismus und Intelligenzminderung blieb über die Zeit stabil. Anstiege wurden auch für Südkorea (2008 bis 2015) und Taiwan (2004 bis 2010) berichtet. In Frankreich war die Häufigkeit bei 2003 geborenen Kindern höher als bei 1997 geborenen, in Australien bei 2003/2004 geborenen höher als bei 1999/2000 geborenen. [1]

Was die Zahlen nicht sagen

  • Gemessene Häufigkeit ist nicht gleich tatsächliche Häufigkeit. Wer mehr sucht und besser erkennt, findet mehr. Ob sich die tatsächliche Zahl verändert hat, lässt sich aus diesen Daten nicht ablesen. [1]
  • Keine einfache Ursache. Für Zusammenhänge zwischen sozialen Merkmalen (Region, Herkunft, sozioökonomischer Status) und der Häufigkeit fand die Arbeit keine überzeugenden Belege für direkte ursächliche Beziehungen; diese Merkmale wirken vermutlich über Hilfesuche und Zugang zur Versorgung. [1]
  • Geschlechterverhältnis: Die berichteten Verhältnisse reichten von 0,8 bis 6,1; die Autor:innen verweisen auf mögliche Unterschiede in der Erkennung, etwa dass Untersuchungsverfahren für Mädchen nicht optimal seien. [1]

Grenzen und offene Fragen

  • Keine Qualitätsbewertung der Einzelstudien: Die Autor:innen nennen als Einschränkung, dass die Methodenqualität der eingeschlossenen Studien nicht bewertet wurde und das Vorgehen nicht vorab registriert war. [1]
  • Wenig Daten aus Deutschland: Die Arbeit liefert keine Zahl für Deutschland; dazu steht in Wie häufig ist Autismus? mehr.
  • Umwelt und Migration: Die Belege für eine Rolle sind laut Arbeit schwach oder widersprüchlich; dafür wären Studien mit vorab festgelegten Hypothesen nötig. [1]
  • Stand: Die Übersicht erschien 2022 und wertet Studien bis dahin aus.

Was du sonst noch wissen solltest

Das könnte dich auch interessieren

Quellen und Literatur

  1. Zeidan J, Fombonne E, Scorah J, Ibrahim A, Durkin MS, Saxena S, Yusuf A, Shih A, Elsabbagh M. Global prevalence of autism: A systematic review update. Autism Research 2022;15(5):778–790. https://doi.org/10.1002/aur.2696 – Systematischer Review

Das könnte dich auch interessieren

Fehler gefunden?

Wenn etwas sachlich falsch, veraltet oder unklar ist, sag uns Bescheid. Du musst keine persönlichen Daten angeben.

Hinweis schreibenHinweis schließen

Was stimmt nicht? Eine Quelle hilft uns bei der Prüfung. Mindestens 10 Zeichen.

Nur für Rückfragen zu diesem Hinweis. Wird gelöscht, sobald er bearbeitet ist. Mehr in der Datenschutzerklärung.

Unabhängig aufgebaut

Autismus Wissen wird unabhängig aufgebaut und weiterentwickelt. Wenn du das Projekt unterstützen möchtest, kannst du freiwillig einen Beitrag leisten. Die Unterstützung hat keinen Einfluss auf unsere redaktionellen Inhalte oder fachlichen Bewertungen.

Autismus Wissen unterstützen