Hitzewallungen, Schlafprobleme, innere Unruhe und plötzlich nachlassende Belastbarkeit. Die Wechseljahre können den Alltag erheblich verändern. Für Menschen mit Autismus scheint diese Lebensphase jedoch besonders herausfordernd zu sein. Eine neue britische Studie mit 901 Teilnehmenden zeigt, dass autistische Menschen deutlich stärkere Wechseljahresbeschwerden berichten als Menschen ohne Autismus. Auch Angst, depressive Symptome und eine geringere Lebensqualität traten in der untersuchten Gruppe häufiger auf.
Die Untersuchung wurde am 27. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Autism in Adulthood veröffentlicht. Forschende der Bournemouth University wollten herausfinden, warum die Wechseljahre für manche Menschen mit Autismus besonders belastend sein können. Ihre Ergebnisse lenken den Blick auf eine Lebensphase, die in der Autismusforschung lange wenig Aufmerksamkeit erhalten hat.
Neue Studie untersucht 901 Menschen in den Wechseljahren
Für die Untersuchung wurden 901 Personen zwischen 40 und 60 Jahren befragt. Davon gehörten 476 zur Autismusgruppe und 425 zur Vergleichsgruppe ohne Autismus. Die meisten Teilnehmenden waren Frauen.
Die Forschenden erfassten über fünf aufeinanderfolgende Wochen die selbst berichteten Wechseljahresbeschwerden, depressive Symptome, Ängste und die Lebensqualität. Zusätzlich untersuchten sie, wie gut die Teilnehmenden die körperlichen Veränderungen verstanden und wie viel Kontrolle sie über ihre Beschwerden zu haben glaubten.
Die Autismusgruppe bestand nicht ausschließlich aus Menschen mit einer bestätigten Diagnose. 161 Personen gaben an, eine formale Autismusdiagnose erhalten zu haben. Weitere 315 Personen identifizierten sich als möglicherweise autistisch, warteten auf eine Abklärung oder waren sich hinsichtlich einer Diagnose unsicher.
Diese Unterscheidung ist für die Bewertung wichtig. Die Untersuchung liefert Hinweise auf Unterschiede zwischen den befragten Gruppen, erlaubt aber keine allgemeingültige Aussage über sämtliche Frauen mit Autismus.
Menschen mit Autismus berichteten deutlich stärkere Beschwerden
Das wichtigste Ergebnis zeigte sich über den gesamten Untersuchungszeitraum. Die Teilnehmenden der Autismusgruppe berichteten in allen fünf Erhebungswochen über stärkere Wechseljahresbeschwerden als die Vergleichsgruppe.
Zugleich beschrieben sie ausgeprägtere Angst- und Depressionssymptome sowie eine geringere Lebensqualität. Die Unterschiede waren nicht auf einen einzelnen Befragungszeitpunkt beschränkt.
Die Forschenden fanden außerdem Zusammenhänge zwischen der Stärke der Wechseljahresbeschwerden und dem psychischen Wohlbefinden. Je stärker die Beschwerden erlebt wurden, desto häufiger berichteten die Teilnehmenden auch über psychische Belastungen.
Daraus lässt sich allerdings nicht schließen, dass die Wechseljahre die psychischen Beschwerden verursacht haben. Auch bereits bestehende Erkrankungen, körperliche Belastungen und andere Lebensumstände können eine Rolle spielen.
Warum die Wechseljahre bei Autismus besonders belastend sein könnten
Die Wechseljahre gehen mit Veränderungen des Hormonhaushalts einher. Typische Beschwerden sind Hitzewallungen, nächtliche Schweißausbrüche, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen. Manche Menschen erleben außerdem Veränderungen ihrer Konzentrationsfähigkeit oder ihrer körperlichen Belastbarkeit.
Bei Menschen mit Autismus können solche Veränderungen auf bereits bestehende Schwierigkeiten treffen. Dazu gehören beispielsweise eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Sinneseindrücken, Schwierigkeiten bei unerwarteten Veränderungen oder ein hoher Bedarf an verlässlichen Routinen.
Wenn jemand nachts regelmäßig aufwacht, tagsüber erschöpft ist und gleichzeitig neue körperliche Empfindungen wahrnimmt, kann sich der gewohnte Alltag deutlich schwieriger gestalten.
Die neue Untersuchung beweist jedoch nicht, dass sensorische Besonderheiten die stärkeren Wechseljahresbeschwerden verursachen. Dieser mögliche Zusammenhang muss noch genauer erforscht werden.
Wie unterschiedlich Menschen mit Autismus körperliche und äußere Reize wahrnehmen, erklären wir in unserem Wissensartikel über Reizverarbeitung und Wahrnehmung bei Autismus.
Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, spielte eine wichtige Rolle
Besonders interessant ist eine zweite Erkenntnis der Untersuchung. Die Forschenden stellten fest, dass die Art und Weise, wie Menschen ihre Wechseljahre verstehen und erleben, mit der Stärke ihrer Beschwerden zusammenhing.
Teilnehmende, die das Gefühl hatten, wenig Kontrolle über ihre körperlichen Veränderungen zu besitzen, berichteten häufiger über ausgeprägte Beschwerden und eine schlechtere Lebensqualität.
Auch ein mangelndes Verständnis der eigenen Veränderungen war mit stärkeren Belastungen verbunden. Die Forschenden untersuchten dies anhand standardisierter Fragebögen und statistischer Modelle.
Die Ergebnisse legen nahe, dass verständliche Informationen und ein besseres Gefühl von Orientierung für Menschen mit Autismus besonders wichtig sein könnten.
Die Untersuchung zeigt allerdings nicht, dass Aufklärung allein die Beschwerden verringert. Dafür wären Studien erforderlich, in denen konkrete Unterstützungsmaßnahmen erprobt und ihre Wirkungen überprüft werden.
Schlafprobleme können den Alltag zusätzlich erschweren
Schlechter Schlaf gehört zu den häufigen Beschwerden während der Wechseljahre. Nächtliche Hitzewallungen und Schweißausbrüche können dazu führen, dass Betroffene mehrfach aufwachen und sich am nächsten Morgen nicht ausreichend erholt fühlen.
Auch unabhängig von den Wechseljahren berichten viele Menschen mit Autismus über Schwierigkeiten beim Ein- und Durchschlafen. Treffen mehrere Belastungen zusammen, kann es schwerer werden, die Anforderungen von Beruf, Haushalt und sozialen Kontakten zu bewältigen.
Wichtig ist, anhaltende Schlafprobleme nicht vorschnell ausschließlich dem Autismus oder der hormonellen Umstellung zuzuschreiben. Andere körperliche und psychische Ursachen sollten bei Bedarf ebenfalls untersucht werden.
Weitere Informationen zu möglichen Ursachen und Unterstützungsmöglichkeiten finden sich in unserem Wissensartikel über Schlafprobleme bei Autismus.
Auch körperliche Begleiterkrankungen waren häufiger
Die Forschenden untersuchten zusätzlich, welche körperlichen Erkrankungen die Teilnehmenden angaben. Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen.
Menschen aus der Autismusgruppe berichteten fast doppelt so häufig über mindestens eine Herz-Kreislauf-Erkrankung wie die Vergleichsgruppe. Erkrankungen oder Beschwerden des Bewegungsapparates, beispielsweise Hypermobilität, wurden sogar mehr als viermal so häufig angegeben.
Diese Ergebnisse müssen vorsichtig interpretiert werden. Die Angaben beruhen auf Selbstauskünften, und die untersuchten Gruppen waren nicht in allen gesundheitlichen Merkmalen vergleichbar.
Aus den Zahlen lässt sich deshalb weder ableiten, dass Autismus solche Erkrankungen verursacht, noch dass die Wechseljahre für diese Unterschiede verantwortlich sind.
Die Forschenden sehen darin vielmehr einen Hinweis darauf, dass gesundheitliche Begleiterkrankungen bei der Versorgung von Menschen mit Autismus in den Wechseljahren stärker berücksichtigt werden sollten.
Warum Beschwerden bei Frauen mit Autismus möglicherweise übersehen werden
Eine weitere Schwierigkeit kann bereits beim Arztbesuch entstehen. Manche Menschen mit Autismus beschreiben Beschwerden sehr sachlich oder zeigen ihre Belastung nach außen weniger deutlich, als andere Menschen erwarten.
Dadurch kann es passieren, dass die Intensität der Beschwerden unterschätzt wird. Eine Person kann ruhig und strukturiert über erhebliche Schlafprobleme, Ängste oder körperliche Veränderungen berichten, obwohl sie im Alltag stark darunter leidet.
Die beteiligte Forscherin Rachel Moseley weist darauf hin, dass Menschen mit Autismus Schwierigkeiten beim Zugang zur medizinischen Versorgung schildern. Ihre Beschwerden würden teilweise nicht ausreichend ernst genommen.
Gerade in den Wechseljahren ist es deshalb wichtig, nicht allein auf den äußeren Eindruck zu achten. Entscheidend sind die geschilderten Beschwerden und ihre tatsächlichen Auswirkungen auf den Alltag.
Wie medizinische Termine besser vorbereitet werden können, erläutern wir in unserem Beitrag über Arztbesuche bei Autismus.
Die Wechseljahre können auch die Arbeit beeinflussen
Viele Menschen erleben die Wechseljahre in einer Lebensphase, in der sie beruflich und familiär stark eingebunden sind. Schlafmangel, Hitzewallungen oder Konzentrationsschwierigkeiten können dann zusätzliche Anforderungen mit sich bringen.
Für Menschen mit Autismus kann dies besonders belastend werden, wenn bereits die Arbeitsumgebung viel Energie kostet. Ein lautes Großraumbüro, häufige Unterbrechungen oder unvorhersehbare Aufgaben können vorhandene Schwierigkeiten verstärken.
Mögliche Anpassungen sind beispielsweise verlässlich planbare Pausen, ein ruhiger Arbeitsplatz, flexible Arbeitszeiten oder die Möglichkeit, die Raumtemperatur zu regulieren.
Die aktuelle Studie hat solche Maßnahmen allerdings nicht auf ihre Wirksamkeit untersucht. Welche Veränderungen sinnvoll sind, sollte deshalb individuell mit den betroffenen Beschäftigten besprochen werden.
Weitere Hinweise zu geeigneten Arbeitsbedingungen bietet unser Wissensartikel über Arbeit und Beruf mit Autismus.
Welche Behandlungsmöglichkeiten es bei Wechseljahresbeschwerden gibt
Für Menschen mit Autismus gelten bei Wechseljahresbeschwerden zunächst dieselben medizinischen Möglichkeiten wie für andere Betroffene. Welche Behandlung geeignet ist, hängt von den individuellen Beschwerden, bestehenden Erkrankungen und möglichen Risiken ab.
Bei ausgeprägten Hitzewallungen und nächtlichen Schweißausbrüchen kann eine menopausale Hormontherapie infrage kommen. Ihre möglichen Vorteile und Risiken sollten gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt besprochen werden.
Auch nicht hormonelle Behandlungsmöglichkeiten können relevant sein. Die britische NICE-Leitlinie nennt beispielsweise eine speziell auf Wechseljahresbeschwerden ausgerichtete kognitive Verhaltenstherapie als mögliche Unterstützung bei Hitzewallungen, Schlafproblemen oder bestimmten depressiven Symptomen.
Eine besondere, wissenschaftlich etablierte medikamentöse Behandlung ausschließlich für autistische Menschen in den Wechseljahren lässt sich aus der neuen Studie nicht ableiten.
Für Deutschland haben medizinische Fachgesellschaften im Oktober 2026 zudem ein neues Konsensuspapier zu Diagnostik und Behandlung in der Perimenopause und Postmenopause veröffentlicht. Es behandelt hormonelle und nicht hormonelle Ansätze für die allgemeine Versorgung.
Was Betroffene vor einem Arzttermin vorbereiten können
Wenn körperliche oder psychische Beschwerden zunehmen, kann eine strukturierte Vorbereitung des Arzttermins hilfreich sein. Betroffene können beispielsweise notieren, wann Hitzewallungen auftreten, wie häufig sie nachts aufwachen und welche Veränderungen im Alltag besonders belastend sind.
Auch Angaben zu bisherigen Erkrankungen, Medikamenten und Veränderungen der Monatsblutung können für die medizinische Einschätzung wichtig sein.
Wer Schwierigkeiten hat, Beschwerden spontan zu beschreiben, kann die wichtigsten Informationen schriftlich mitnehmen oder vorab übermitteln. Bei Bedarf kann eine vertraute Person begleiten.
Es ist sinnvoll, konkrete Fragen zu möglichen Ursachen und Behandlungsangeboten vorzubereiten. So lässt sich gemeinsam klären, ob die Beschwerden mit den Wechseljahren zusammenhängen oder ob weitere Untersuchungen notwendig sind.
Eine gute Vorbereitung ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Sie kann aber dazu beitragen, dass wichtige Informationen nicht verloren gehen und individuelle Bedürfnisse besser berücksichtigt werden.
Warum die neue Untersuchung keine allgemeingültige Aussage erlaubt
Obwohl die Studie mit 901 Teilnehmenden vergleichsweise groß ist, weist sie wichtige methodische Grenzen auf.
Die Daten wurden über lediglich fünf Wochen erhoben. Der Verlauf der Wechseljahre erstreckt sich jedoch häufig über mehrere Jahre. Die Untersuchung kann deshalb nicht zeigen, wie sich Beschwerden während des gesamten Übergangs entwickeln.
Außerdem wurden die Angaben zu Autismus und zum Wechseljahresstatus nicht bei allen Teilnehmenden unabhängig medizinisch bestätigt. Ein großer Teil der Autismusgruppe verfügte über keine formal gesicherte Diagnose.
Die Teilnehmenden wurden unter anderem über soziale Medien und Netzwerke zu Autismus und den Wechseljahren gewonnen. Menschen mit besonders starken Beschwerden könnten sich eher für eine solche Untersuchung interessieren.
Auch bereits bestehende körperliche und psychische Erkrankungen wurden nicht so umfassend berücksichtigt, dass sich sämtliche Unterschiede dadurch erklären oder ausschließen ließen.
Die Forschenden betonen deshalb selbst, dass weitere Untersuchungen unter kontrollierteren Bedingungen notwendig sind.
Warum mehr Wissen über Autismus in den Wechseljahren nötig ist
Die neuen Ergebnisse zeigen, dass die Wechseljahre bei Menschen mit Autismus stärker in den Blick der medizinischen Versorgung rücken sollten.
Besonders wichtig sind verständliche Informationen, eine sorgfältige Abklärung körperlicher und psychischer Beschwerden sowie eine Kommunikation, die individuelle Bedürfnisse berücksichtigt.
Eine Autismusdiagnose bedeutet nicht, dass die Wechseljahre zwangsläufig schwer verlaufen. Die Studie zeigt Unterschiede zwischen untersuchten Gruppen, nicht das Schicksal einzelner Menschen.
Gerade deshalb sollte nicht pauschal über die Bedürfnisse autistischer Frauen entschieden werden. Manche benötigen lediglich Informationen und kleinere Anpassungen im Alltag. Andere können aufgrund ausgeprägter Beschwerden und zusätzlicher Erkrankungen auf umfassendere medizinische Unterstützung angewiesen sein.
Die Untersuchung der Bournemouth University liefert dafür eine wichtige neue Grundlage. Sie zeigt, dass die Wechseljahre in der Autismusforschung und in der gesundheitlichen Versorgung Erwachsener stärker berücksichtigt werden sollten.
Quellen
Kim, E. et al. Menopause Representations as Predictors of Health and Well-being During Menopause. Autism in Adulthood, veröffentlicht am 27. Oktober 2026.
Bournemouth University. Autistic women experience more severe menopausal symptoms, study confirms. Forschungsmitteilung vom 28. Oktober 2026.
Moseley, R. L. et al. Autism, ADHD and the menopause. Post Reproductive Health, 2026.
Toth, B. et al. Peri- und Postmenopause, aktuelle diagnostische und therapeutische Aspekte für die DACH-Region. Wiener klinische Wochenschrift, 12. Oktober 2026.
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Wechseljahrsbeschwerden. Gesundheitsinformation.de.
National Institute for Health and Care Excellence. Menopause, identification and management. Leitlinie NG23, aktualisiert 2026.
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