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Versorgung & Gesundheit

Autismus-Diagnose per Video? Neue Studie mit 100 Erwachsenen zeigt Chancen

Jahrelang auf einen Termin warten, weite Wege zu spezialisierten Ambulanzen und mehrere Untersuchungen vor Ort. Für viele Erwachsene, die eine Autismus-Diagnose suchen, ist bereits der Zugang zur Diagnostik eine große Hürde. Eine neue amerikanische Studie untersucht nun, ob ausführliche Videogespräche eine Alternative sein könnten. Bei 100 Erwachsenen kamen die ursprünglichen Fachkräfte und eine nachträglich hinzugezogene Expertin in 86 Prozent der Fälle zur gleichen Einschätzung.

Die Untersuchung wurde am 12. Oktober 2026 im Fachjournal Journal of Autism and Developmental Disorders veröffentlicht. Die Ergebnisse liefern erste Hinweise darauf, dass eine strukturierte Autismusdiagnostik per Video möglich sein könnte. Allerdings gibt es eine entscheidende Einschränkung. Die Studie belegt noch nicht, dass das Verfahren ebenso zuverlässig ist wie eine unabhängig durchgeführte persönliche Untersuchung.

Autismus-Diagnose per Video bei 100 Erwachsenen untersucht

Für die Studie wertete das Forschungsteam die Diagnostikunterlagen von 100 Erwachsenen aus, die überwiegend über gesprochene Sprache kommunizierten. Die Untersuchungen waren zuvor im Rahmen eines amerikanischen telemedizinischen Angebots durchgeführt worden. Das Team nutzte ein festgelegtes Verfahren, das sich an den diagnostischen Kriterien des DSM-5-TR orientierte.

In der Regel fanden zwei ausführliche Videogespräche statt, die jeweils etwa 90 Minuten dauerten. Dabei wurden unter anderem Kommunikation, soziale Erfahrungen, Verhaltensweisen und die persönliche Entwicklung besprochen. Ergänzend flossen Verhaltensbeobachtungen, Fragebögen und, soweit vorhanden, Informationen von Bezugspersonen ein.

Eine unabhängige Expertin erhielt anschließend anonymisierte Unterlagen und beurteilte die Fälle erneut. Sie wusste nicht, welche Diagnose die ursprünglich behandelnden Fachkräfte gestellt hatten. Untersucht wurde, wie häufig beide Seiten anhand dieser Informationen zur gleichen Entscheidung gelangten.

In 86 Prozent der Fälle gab es dieselbe Einschätzung

Das zentrale Ergebnis der Studie ist eine Übereinstimmung von 86 Prozent. In 86 der 100 untersuchten Fälle entschieden die ursprünglichen Fachkräfte und die nachträglich beurteilende Expertin gleich darüber, ob die diagnostischen Kriterien für Autismus erfüllt waren.

Die ursprünglichen Fachkräfte kamen bei 68 Prozent der Teilnehmenden zu einer Autismusdiagnose. Die zusätzliche Expertin ordnete 66 Prozent der Fälle entsprechend ein. Bei 14 Personen unterschieden sich die Einschätzungen.

Damit zeigt die Studie, dass eine strukturierte Beurteilung anhand digital erhobener Informationen in vielen Fällen zu vergleichbaren Ergebnissen führen kann. Die Zahl darf jedoch nicht als diagnostische Trefferquote verstanden werden. Eine Übereinstimmung von 86 Prozent bedeutet nicht, dass das Verfahren Autismus mit einer Genauigkeit von 86 Prozent erkennt.

Warum die Studie noch keine sichere Online-Diagnose beweist

Der wichtigste Unterschied liegt im Aufbau der Untersuchung. Die zweite Expertin führte keine eigenständige Diagnostik mit den Teilnehmenden durch. Sie bewertete im Wesentlichen dieselben Informationen, die bereits beim ursprünglichen Videotermin gesammelt worden waren.

Wenn beide Beurteilungen auf einer gemeinsamen Datengrundlage beruhen, können sie auch ähnliche Fehler enthalten. Die Forschenden weisen deshalb ausdrücklich darauf hin, dass ihre Ergebnisse noch keinen Nachweis der diagnostischen Genauigkeit liefern. Dafür wären neue Untersuchungen erforderlich, bei denen unterschiedliche Fachkräfte unabhängig voneinander diagnostizieren.

Hinzu kommt, dass ausschließlich Erwachsene untersucht wurden, die überwiegend über gesprochene Sprache kommunizierten. Ob das Verfahren auch für nichtsprechende Menschen mit Autismus oder Menschen mit anderen Kommunikationsbedürfnissen geeignet ist, lässt sich daraus nicht ableiten.

Warum digitale Diagnostik trotzdem interessant ist

Eine Untersuchung von zu Hause könnte für manche Menschen den Zugang zur Diagnostik erleichtern. Lange Anfahrten, ungewohnte Räume und belastende Wartebereiche würden teilweise entfallen. Auch Menschen, die in ihrer Region keine spezialisierte Ambulanz finden, könnten perspektivisch von zusätzlichen digitalen Angeboten profitieren.

Für andere wäre eine Untersuchung per Video möglicherweise weniger geeignet. Schwierigkeiten mit der Technik, eine instabile Internetverbindung oder besondere Kommunikationsbedürfnisse können den Ablauf erschweren. Zudem können bestimmte Beobachtungen und Untersuchungen eine persönliche Vorstellung erforderlich machen.

Entscheidend wäre deshalb nicht, möglichst viele Untersuchungen durch Videogespräche zu ersetzen. Vielmehr müsste für jede Person geprüft werden, welche Form der Diagnostik geeignet ist und wann ergänzende Termine vor Ort notwendig sind.

Auch in Deutschland fehlen vielerorts Diagnostiktermine

Der Bundesverband autismus Deutschland beschreibt die Versorgungslage im August 2026 als äußerst angespannt. Nach Angaben des Verbandes sind Wartelisten an spezialisierten Einrichtungen vielerorts geschlossen oder auf bestimmte Einzugsgebiete begrenzt. Die Geschäftsstelle könne deshalb derzeit kaum konkrete Stellen für eine Diagnostik empfehlen.

Gerade Erwachsene stehen häufig vor der Schwierigkeit, überhaupt eine Einrichtung zu finden, die auf Autismus im Erwachsenenalter spezialisiert ist. Die neue amerikanische Studie könnte deshalb auch für die Diskussion über zusätzliche Versorgungsangebote in Deutschland interessant werden.

Eine neue Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung entsteht durch die Untersuchung allerdings nicht. Ob und unter welchen Voraussetzungen eine telemedizinische Autismusdiagnostik in Deutschland angeboten und anerkannt wird, richtet sich weiterhin nach den geltenden fachlichen und rechtlichen Anforderungen. Weitere Informationen enthält unser Beitrag über Kosten und Wartezeiten bei der Autismusdiagnostik.

Was eine fachliche Autismusdiagnostik leisten muss

Eine Autismusdiagnose wird nicht anhand eines einzelnen Fragebogens gestellt. Entscheidend ist eine fachliche Gesamtbeurteilung, bei der auch die Entwicklung seit der Kindheit berücksichtigt wird. Zusätzlich muss geprüft werden, ob andere Erkrankungen oder Besonderheiten die beobachteten Merkmale erklären können.

Das gilt unabhängig davon, ob Gespräche persönlich oder per Video stattfinden. Ein frei zugänglicher Online-Test, ein kurzer Videoanruf oder eine automatische Auswertung von Antworten ersetzen keine umfassende fachliche Diagnostik.

Wie die Untersuchung bei Erwachsenen grundsätzlich aufgebaut ist, erklären wir im Wissensartikel über die Autismusdiagnostik im Erwachsenenalter. Auch die Grenzen von Online-Tests und Screening-Fragebögen haben wir ausführlich beschrieben.

Forschende haben auch Menschen mit Autismus beteiligt

Bei der Entwicklung des untersuchten Verfahrens wurden Erwachsene mit Autismus einbezogen. Sie gaben Rückmeldungen zur Formulierung der Fragen, zur Gestaltung der Gespräche und zu möglichen sensorischen Belastungen. Ziel war es, die Untersuchung sowohl fachlich strukturiert als auch möglichst respektvoll gegenüber unterschiedlichen Bedürfnissen zu gestalten.

Die Studie wurde allerdings von einem Team durchgeführt, das eng mit dem untersuchten Angebot verbunden ist. Vier der fünf Autorinnen arbeiten für das amerikanische Telemedizinunternehmen Prosper Health, dessen Verfahren ausgewertet wurde. Die externe Expertin war nicht dort angestellt, ihre Mitarbeit wurde jedoch über eine Vereinbarung zwischen dem Unternehmen und der Universität unterstützt.

Die Forschenden legten diese Verbindungen offen und nutzten unter anderem anonymisierte Unterlagen sowie eine verblindete Bewertung. Dennoch ist eine unabhängige Überprüfung durch andere Forschungsteams besonders wichtig, bevor weitreichende Schlussfolgerungen gezogen werden.

Was Erwachsene mit Autismusverdacht jetzt wissen sollten

Wer bei sich Autismus vermutet, sollte die Ergebnisse der neuen Studie nicht als Hinweis verstehen, dass eine verlässliche Diagnose inzwischen einfach über einen beliebigen Onlineanbieter möglich wäre. Wichtig bleiben die Qualifikation der Fachkräfte, ein nachvollziehbares diagnostisches Vorgehen und ein aussagekräftiger schriftlicher Befund.

Bei der Suche nach einer Diagnostikstelle lohnt es sich, nach dem genauen Ablauf, möglichen Videoterminen und den Kosten zu fragen. Auch sollte vorab geklärt werden, ob ein Befund für die jeweils benötigten Zwecke verwendet werden kann und ob gegebenenfalls weitere Untersuchungen erforderlich sind.

Hilfreich ist es außerdem, Beobachtungen aus dem eigenen Leben aufzuschreiben und vorhandene Unterlagen aus der Kindheit zusammenzustellen. Welche Informationen dabei nützlich sein können, erläutert unsere Vorbereitung auf die Autismusdiagnostik.

Weitere Studien müssen zeigen, ob Videodiagnostik die Versorgung verbessern kann

Die neue Untersuchung eröffnet eine interessante Perspektive für die Autismusdiagnostik im Erwachsenenalter. Sie zeigt, dass strukturierte Videogespräche eine fachliche Beurteilung ermöglichen können, bei der verschiedene Untersuchende häufig zu übereinstimmenden Ergebnissen gelangen.

Ob sich damit Wartezeiten verkürzen, mehr Menschen zuverlässig diagnostizieren und bisherige Versorgungslücken schließen lassen, ist noch nicht belegt. Dafür braucht es größere Studien mit unabhängigen Vergleichsuntersuchungen und Menschen mit unterschiedlichen Kommunikations- und Unterstützungsbedürfnissen. Erst dann wird sich zeigen, welchen Platz die Diagnostik per Video künftig in der Versorgung einnehmen kann.

Quellen

Crehan, E., Whaling, K., Jones, H. et al. Diagnostic Agreement of a Structured Telehealth Adult Autism Assessment. Journal of Autism and Developmental Disorders. Veröffentlicht am 12. Oktober 2026.

US National Library of Medicine. Studienzusammenfassung und bibliografische Angaben. PubMed, 2026.

Bundesverband autismus Deutschland e. V. Autismusdiagnostik und aktuelle Versorgungssituation in Deutschland. Stand August 2026.

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. S3-Leitlinie zur Autismusdiagnostik. Fassung von 2016, inzwischen abgelaufen und in Überarbeitung.

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