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Alltag gestalten

Selbstständigkeit im Alltag stärken

Für wen? Für Menschen im Autismus-Spektrum, Eltern, Angehörige und Fachkräfte, die Selbstständigkeit im Alltag (zum Beispiel Anziehen, Körperpflege, Essen, Haushalt) gezielt stärken möchten.

Kurz erklärt

Alltagspraktische Fertigkeiten (in der Fachsprache „adaptives Verhalten“) sind die Fähigkeiten, die im Alltag nötig sind, zum Beispiel sich anziehen, sich pflegen, essen, einkaufen, Termine organisieren. Die Leitlinie von 2021 stellte fest, dass etwa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen mit Autismus ohne Intelligenzminderung im Alltagspraktischen deutliche Schwierigkeiten hat, die zu ihrem Intelligenzniveau im Kontrast stehen. [2, Empf. 49] Sie empfahl, diesen Bereich immer in den Gesamtplan aufzunehmen, die Schwierigkeiten zunächst systematisch zu erfassen und daraus gezielte Übungsschritte abzuleiten. [2, Empf. 49, 52] Als „selbstständig“ gilt dabei, was für die Person im Alltag machbar ist; maximale Selbstständigkeit sollte bei jeder Unterstützung im Blick bleiben. [2, Empf. 1]

Stand der Leitlinie: Dieser Beitrag nutzt die S3-Leitlinie Therapie (2021). Sie ist seit dem 23.03.2026 abgelaufen. [1] Die Aussagen sind nicht automatisch falsch, aber nicht durch eine gültige Leitlinie gedeckt.

Warum Alltagsfertigkeiten ein eigenes Thema sind

Intelligenz und Alltagsfertigkeiten gehen bei Menschen mit Autismus nicht automatisch Hand in Hand. Die Leitlinie hielt fest, dass Fertigkeiten in diesem Bereich hoch mit einem positiven Entwicklungsverlauf zusammenhängen und im Erwachsenenalter wegen der Eigenversorgung besondere Bedeutung haben. [2, Empf. 49, 52] Zu den Gründen nannte sie unter anderem, dass viele Betroffene erst einen längeren Beziehungsaufbau zu Therapeut:innen brauchen und Gelerntes schwerer in andere Situationen übertragen können (verminderte Generalisierung und Flexibilität). [2, Empf. 47] Mehr zu Struktur im Alltag: Routinen, Struktur und Vorhersehbarkeit im Alltag.

Fertigkeiten fördern: Empfehlungen der Leitlinie von 2021

  • Kleinkinder und Vorschulkinder: Alltagsfertigkeiten sollten innerhalb der umfassenden Frühförderprogramme mit den Eltern als Ziele vereinbart und mit übenden, verhaltenstherapeutisch begründeten Verfahren trainiert werden; Eltern und Erzieher:innen sollten angeleitet werden. Das Üben soll so lange fortgesetzt werden, bis das Kind die Fertigkeit in verschiedenen Situationen beherrscht. [2, Empf. 44] Erschwert aggressives, hyperaktives oder oppositionelles Verhalten das Üben, empfahl sie zuerst oder parallel ein gezieltes Elterntraining. [2, Empf. 45]
  • Grundschulkinder ohne Intelligenzminderung: eine auf etwa zehn Sitzungen begrenzte, manualisierte Einzeltherapie zur Emotionsregulation mit alltagspraktischen Übungen und Hausaufgaben unter Einbezug von Eltern und Lehrkräften (Empfehlungsgrad B, mehrheitliche Zustimmung). [2, Empf. 46]
  • Erwachsene ohne Intelligenzminderung: eine auf etwa 20 Sitzungen begrenzte Gruppentherapie (wöchentlich 90 Minuten) zu Stress und Angst, Selbstorganisation sowie adaptiven und sozialen Fertigkeiten, mit Hausaufgaben (Empfehlungsgrad B). [2, Empf. 50] Weitere Ansätze seien selten in randomisierten Studien untersucht. [2, Empf. 51]
  • Mit Intelligenzminderung (Grundschulalter bis Erwachsene): individualisierte, hochstrukturierte, praktische Übungen im Alltag durch Eltern, Betreuende, Integrationshelfende, Sonderpädagog:innen oder Mitarbeitende von Wohngruppen und Werkstätten, aufbauend auf vorhandenen Fertigkeiten und mit natürlicher Verstärkung, möglichst in Kleingruppen; genannte Ziele waren selbstständiges Anziehen, Körperpflege, Essen, Haushaltsarbeiten, Arbeiten in einer Werkstatt, Hobbys und sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Visuelle Pläne und verhaltenstherapeutische Verfahren sollten kombiniert werden; bei Umsetzungsproblemen sollte eine Verhaltensanalyse nach dem SORKC-Modell erfolgen. [2, Empf. 53]

Was nicht empfohlen wurde

Die Leitlinie riet für Schulkinder ohne Intelligenzminderung von einem computergestützten Training des Arbeitsgedächtnisses oder der kognitiven Flexibilität zur Verbesserung der Alltagsfertigkeiten ab (Empfehlungsgrad A), ebenso von Reittherapie zu diesem Zweck. [2, Empf. 48, 56] Zu Medikamenten hielt sie fest, dass keine psychotropen Medikamente und keine Substanzen zum „Neuroenhancement“ zur Förderung alltagspraktischer Fertigkeiten eingesetzt werden sollen (Empfehlungsgrad A). [2, Empf. 54] Mehr zu Medikamenten: Medikamente bei Autismus: Möglichkeiten und Grenzen.

Was dir im Alltag helfen kann

Die folgenden Punkte sind Anregungen der Redaktion, die sich an der Leitlinie orientieren; sie ersetzen keine individuelle Einschätzung:

  • Eine Fertigkeit nach der anderen: Zuerst erfassen, was schon gut gelingt und wo es hakt, dann einen kleinen Schritt wählen. [2, Empf. 49, 52]
  • Im echten Alltag üben, nicht nur in der Therapie, weil die Übertragung oft schwerfällt. [2, Empf. 47]
  • Sichtbare Hilfen wie Bildkarten oder Handlungsabläufe als Plan: Strukturierung und Visualisierung in der Praxis.
  • Passende Anforderungen: Über- und Unterforderung vermeiden. [2, Empf. 3]
  • Selbst mitbestimmen: Ziele sollten gemeinsam mit der Person festgelegt werden. [2, Empf. 1]

Was wissen wir – was ist noch offen?

Studienbasiert (einzelne randomisierte Studien, begrenzt): Kurze, manualisierte Programme zu Emotionsregulation (Grundschulalter) und zu Stress, Selbstorganisation und sozialen Fertigkeiten (Erwachsene) hatten in je einer Studie Hinweise auf Nutzen (Evidenzlevel 2 bis 3). [2, Empf. 46, 50]

Konsensbasiert (Expertenmeinung): Alltagsfertigkeiten systematisch erfassen, im Alltag üben, natürlich verstärken, visuell unterstützen. [2, Empf. 47, 49, 52, 53]

Offen:

  • Welche Übungsformen langfristig die Selbstständigkeit am besten stärken, ist in den ausgewerteten Studien kaum untersucht.
  • Wie sich Fortschritte im Alltag zuverlässig messen lassen, bleibt unklar.

Häufige Fragen

Wie kann ich die Selbstständigkeit meines Kindes mit Autismus fördern? Die Leitlinie von 2021 empfahl, Alltagsfertigkeiten zunächst systematisch zu erfassen, immer in den Gesamtplan aufzunehmen und daraus gezielte Übungsschritte abzuleiten. [2, Empf. 49, 52] Ziele sollten gemeinsam mit der Person festgelegt werden. [2, Empf. 1]

Warum fallen Alltagsfertigkeiten oft schwer? Die Leitlinie nannte, dass etwa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen ohne Intelligenzminderung im Alltagspraktischen deutliche Schwierigkeiten hat und Gelerntes schwerer in andere Situationen übertragen wird. [2, Empf. 47, 49]

Wo sollte geübt werden? Möglichst im echten Alltag, weil die Übertragung oft schwerfällt (Anregung der Redaktion nach der Leitlinie). [2, Empf. 47]

Was wurde nicht empfohlen? Computergestütztes Training des Arbeitsgedächtnisses und Reittherapie zur Verbesserung der Alltagsfertigkeiten; ebenso keine psychotropen Medikamente zu diesem Zweck. [2, Empf. 48, 54, 56] Die Leitlinie ist abgelaufen. [1]

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Quellen und Literatur

  1. DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Einträge 028-018 „Gültig bis 04.04.2021“ und 028-047 „Gültig bis 23.03.2026“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
  2. DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 2: Therapie. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-047, Stand Text 02.05.2021. – Leitlinie; abgelaufen am 23.03.2026

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