Kurz erklärt
Autismus ist eine Besonderheit der Entwicklung, die nach der Darstellung einer Fachübersicht ein Leben lang besteht. [2] Sie zeigt sich vor allem in zwei Bereichen: in der sozialen Kommunikation und Interaktion und in wiederkehrenden, wenig flexiblen Verhaltensweisen, Interessen oder Aktivitäten. [1] Bei manchen Menschen mit Autismus kommt hinzu, dass sie Reize wie Geräusche, Licht oder Berührungen anders erleben; in den DSM-5-Kriterien ist das eines von mehreren möglichen Merkmalen. [3] Wie sich Autismus zeigt, ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden. [1] In den medizinischen Klassifikationen heißt die Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung“. [2]
Die zwei Kernbereiche
Die internationale Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (ICD-11) beschreibt Autismus über zwei Bereiche: [1]
1. Soziale Kommunikation und Interaktion. Menschen mit Autismus haben anhaltend Schwierigkeiten, wechselseitige soziale Kontakte und Gespräche anzubahnen und aufrechtzuerhalten. [1] Als Beispiele nennt die Wiedergabe der DSM-5-Kriterien (nicht der ICD-11-Wortlaut): [2]
- Blickkontakt, Mimik und Gestik werden anders eingesetzt oder gelesen.
- Es fällt schwerer, Freundschaften aufzubauen und aufrechtzuerhalten.
2. Wiederkehrende, eingeschränkte und unflexible Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten, die für das Alter und das soziale Umfeld deutlich ungewöhnlich oder ausgeprägt sind. [1] Als Beispiele nennt die Wiedergabe der DSM-5-Kriterien: [2]
- Festhalten an Routinen und Schwierigkeiten mit Veränderungen.
- Sehr intensive oder fixierte Interessen.
- Wiederholte Bewegungen oder Handlungen (Stereotypien).
- Über- oder Unterreaktion auf Sinnesreize.
Nicht jeder Mensch mit Autismus zeigt alle diese Beispiele. Ähnliche Merkmale kommen laut Fachübersicht auch bei anderen Störungen vor. [2] Für eine Diagnose kommt es darauf an, dass sie zusammen, dauerhaft und in verschiedenen Lebensbereichen auftreten. [2]
Warum man von einem Spektrum spricht
Die früher getrennten Formen, etwa „frühkindlicher Autismus“, „Asperger-Syndrom“ oder „atypischer Autismus“, sind in der ICD-11 und im amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-5 unter der gemeinsamen Diagnose Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst. [2] In Deutschland ist für Diagnosen in der ambulanten und stationären Versorgung bisher die ICD-10-GM die amtliche Klassifikation. Bis zur Einführung der ICD-11 bleibt sie nach Angabe des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gültig; die Einführung der ICD-11 für die Diagnosekodierung wird noch mehrere Jahre dauern. [7] In Befunden und Unterlagen können deshalb ältere Diagnosebezeichnungen stehen.
Die ICD-11 beschreibt die Unterschiede zwischen Menschen im Autismus-Spektrum stattdessen über zwei Zusatzangaben: [1]
- ob zusätzlich eine intellektuelle Beeinträchtigung vorliegt oder nicht,
- wie gut jemand Sprache funktional nutzen kann, also um Bedürfnisse auszudrücken und sich zu verständigen.
Das zeigt, wie groß die Bandbreite ist: Sie reicht in der ICD-11 bei der funktionalen Sprache bis zum Fehlen funktionaler Sprache. [1] Mehr dazu im Artikel Das Autismus-Spektrum.
Wann Autismus sich zeigt
Autismus beginnt in der Entwicklungszeit, typischerweise in der frühen Kindheit. Die ICD-11 betont aber: Die Merkmale werden manchmal erst später deutlich, wenn die sozialen Anforderungen die Fähigkeiten eines Menschen übersteigen. [1] Das ist ein möglicher Grund, warum manche Menschen erst im Jugend- oder Erwachsenenalter eine Diagnose erhalten. Weitere Gründe behandelt dieser Artikel nicht.
Wie Autismus festgestellt wird
Autismus wird durch Fachleute klinisch festgestellt, das heißt anhand von Gesprächen, der Entwicklungsgeschichte und Beobachtung. Spezifische biologische Marker, etwa ein Labortest, stehen dafür bisher nicht zur Verfügung. [3] Ein typischer Weg sieht so aus: [3]
- Zuerst gibt es eine Einschätzung in einer spezialisierten Praxis oder Ambulanz, zum Beispiel über Anamnese, Beobachtung und Fragebögen.
- Bei Kindern gehört eine Entwicklungs-, Sprach- und Intelligenzdiagnostik dazu.
- Außerdem erfolgt eine körperliche Untersuchung.
- Erhärtet sich der Verdacht, folgt eine umfassende Abklärung mit standardisierten Verfahren.
Wichtig ist dabei immer auch die Abgrenzung zu anderen Erklärungen für die beobachteten Schwierigkeiten. [3]
Wie das konkret abläuft, erklärt der Artikel Ablauf einer Autismusdiagnostik.
Wie häufig Autismus ist
Eine systematische Übersichtsarbeit fasste 99 Schätzungen aus 71 Studien zusammen, die seit 2012 veröffentlicht wurden. Der Median der Schätzungen lag bei 100 pro 10.000 (also etwa 1 %), die Einzelschätzungen reichten von 1,09 bis 436 pro 10.000, die regionalen Mediane von 23 bis 205 pro 10.000. Die Studien stammen überwiegend aus wohlhabenden Ländern. [6] Einzelheiten und Grenzen dieser Zahlen erklärt der Artikel Wie häufig ist Autismus?
Was die S3-Leitlinie von 2021 zu Unterstützung festhielt
Stand der Leitlinie: Die S3-Leitlinie zur Therapie (AWMF 028-047) ist seit dem 23.03.2026 abgelaufen. [5] Die folgenden Aussagen geben deshalb nur den Stand von 2021 wieder.
Die deutsche S3-Leitlinie zur Therapie von 2021 hielt fest: Eine Autismusdiagnose bedeutet nicht automatisch, dass fortlaufend Therapie nötig ist. Wenn Unterstützung sinnvoll ist, soll sie sich an konkreten, gemeinsam vereinbarten Zielen orientieren. Übergeordnetes Ziel ist eine bessere Lebensqualität und Teilhabe, also die Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Das war eine konsensbasierte Empfehlung, also keine Aussage aus Wirksamkeitsstudien. [4, Empfehlung 1]
Außerdem nannte die Leitlinie für den alltäglichen Umgang mit Menschen mit Autismus Punkte, die hilfreich sein können, jeweils abgestimmt auf die einzelne Person (ebenfalls eine konsensbasierte Empfehlung): [4, Empfehlung 3]
- konkrete, direkte Sprache,
- klare Strukturen und Vorhersehbarkeit, zum Beispiel durch visuelle Hilfen,
- möglichst gleichbleibende Bezugspersonen,
- Rücksicht auf körperliche Distanz,
- das Vermeiden starker Sinnesreize wie Lärm, Gerüche oder grelles Licht.
Häufige Fragen
Was ist Autismus einfach erklärt? Autismus ist eine Besonderheit der Entwicklung, die nach einer Fachübersicht ein Leben lang besteht. Sie zeigt sich vor allem in der sozialen Kommunikation und Interaktion und in wiederkehrenden, wenig flexiblen Verhaltensweisen, Interessen oder Aktivitäten. [2; 1] Wie sich Autismus zeigt, ist von Mensch zu Mensch sehr verschieden. [1]
Wie wird Autismus festgestellt? Durch Fachleute klinisch, anhand von Gesprächen, der Entwicklungsgeschichte und Beobachtung. Spezifische biologische Marker, etwa einen Labortest, gibt es dafür bisher nicht. [3] Ablauf: Ablauf einer Autismusdiagnostik.
Wie häufig ist Autismus? Eine systematische Übersichtsarbeit fand einen Median von 100 pro 10.000 (etwa 1 Prozent); die Einzelschätzungen reichten von 1,09 bis 436 pro 10.000. [6] Einordnung: Wie häufig ist Autismus?
Kann Autismus erst im Erwachsenenalter auffallen? Die ICD-11 betont, dass die Merkmale manchmal erst später deutlich werden, wenn die sozialen Anforderungen die Fähigkeiten eines Menschen übersteigen. [1]
Was ist der Unterschied zwischen Autismus und Asperger? Die früher getrennten Formen sind in der ICD-11 und im DSM-5 unter der gemeinsamen Diagnose Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst. [2] Mehr: Asperger-Syndrom und frühkindlicher Autismus heute.
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Quellen und Literatur
- World Health Organization. ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, 6A02 Autism spectrum disorder, Version 2025-01. – Klassifikationssystem. Release-Seite: https://icd.who.int/browse/2025-01/mms/en
- Höhne E, Kamp-Becker I. Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störung bei Kindern und Erwachsenen. Psychiatrie + Neurologie 2024;(1). – Fachübersicht
- Höhne E, Kamp-Becker I. Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störung. Pädiatrie 2024;(4+5):27–32. – Fachübersicht
- DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 2: Therapie. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-047, 2021. – Leitlinie; abgelaufen am 23.03.2026 (siehe Nr. 5)
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Eintrag 028-047: „Gültig bis 23.03.2026“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
- Zeidan J, et al. Global prevalence of autism: A systematic review update. Autism Research 2022;15(5):778–790. https://doi.org/10.1002/aur.2696 – Systematischer Review
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). ICD-11 (Informationsseite zur Einführung in Deutschland). https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/_node.html – Behörde
Begriffe aus diesem Beitrag
- Autismus-Spektrum-Störung
- Name der Diagnose in den medizinischen Klassifikationen für Autismus: eine Besonderheit der Entwicklung mit Besonderheiten in sozialer Kommunikation und Interaktion sowie wiederkehrenden, wenig flexiblen Verhaltensweisen, Interessen oder Aktivitäten.
- Person-first und Identity-first
- Zwei Arten, über Autismus zu sprechen: „Mensch mit Autismus“ nennt den Menschen zuerst (person-first), „autistischer Mensch“ nennt Autismus als Teil der Identität (identity-first). Es gibt keine einheitliche Präferenz.
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