Kurz erklärt
Über Autismus kursieren viele Behauptungen. Manche sind widerlegt, bei anderen ist die Lage komplizierter, als sie klingt. Große Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus. [6, Q-HVIID-2019] Dass Autismus fast nur Jungen betrifft, stimmt so nicht: In Studien wurden mehr Jungen erfasst, doch die Diagnosen bei Mädchen und Frauen kommen häufig später. [7, Q-FYFE-2026-BMJ] Auch die Aussage, Menschen mit Autismus wollten keine Freundschaften, gibt die Studienlage nicht wieder. [4] Dieser Beitrag nennt je Aussage, was belegt ist und wo Fragen offen bleiben, und verweist auf die ausführlichen Artikel.
„Impfungen verursachen Autismus“
Fakt: Dafür gibt es keinen Beleg. Eine Metaanalyse von 2014 mit fünf Kohortenstudien (1.256.407 Kinder) und fünf Fall-Kontroll-Studien (9.920 Kinder) fand keinen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus. [6] Eine dänische Kohortenstudie mit 657.461 Kindern fand für MMR-geimpfte Kinder kein erhöhtes Autismus-Risiko. [3] Mehr: Verursachen Impfungen Autismus? Was die Studien zeigen.
„Autismus betrifft fast nur Jungen“
Fakt: Es werden mehr Jungen diagnostiziert, aber nicht unbedingt mehr betroffen. Im Mittel der ausgewerteten Studien wurden etwa 4,2-mal so viele Jungen wie Mädchen erfasst (Spannweite 0,8 bis 6,1). [7] Eine große schwedische Registerstudie fand, dass sich das Verhältnis mit steigendem Alter bei der Diagnose angleicht (bis zum Alter von 20 Jahren etwa 1,2 im Jahr 2022); das spricht dafür, dass viele Mädchen und Frauen später diagnostiziert werden. [2] Warum das so ist, hat die Studie nicht geprüft. Mehr: Frauen und Autismus: Warum die Diagnose oft später kommt, Autismus und Geschlecht in der Forschung.
„Menschen mit Autismus wollen keine Freunde“
Fakt: Viele wünschen sich Freundschaften und Beziehungen. Ein systematischer Review (8 qualitative Studien) fand, dass Schwierigkeiten dabei nicht automatisch durch fehlendes Interesse erklärt werden; viele nutzten Tarnen (Camouflaging), um Freundschaften zu knüpfen, was die meisten erschöpfend und oft wenig wirksam fanden. [4] Das heißt nicht, dass alle gleich empfinden. Mehr: Beziehungen, Freundschaft und Partnerschaft.
„Autismus kann man heilen“
Einordnung: Autismus ist nach der Leitlinie in der Regel eine dauerhafte Besonderheit mit wechselndem Verlauf, kein Zustand, den man „weg“-therapiert. Die Leitlinie von 2021 hielt fest, dass Menschen mit Autismus in der Regel mit einer chronischen Störung beziehungsweise Behinderung leben, die einen variablen Verlauf hat, und dass die Diagnose nicht per se bedeutet, dass fortlaufend Therapie nötig ist. [5, Empf. 1] Unterstützung kann Teilhabe und Lebensqualität verbessern, ein „Heilversprechen“ ist aber ein Warnsignal: Umstrittene und unseriöse Angebote erkennen. Die Leitlinie ist seit dem 23.03.2026 abgelaufen. [1]
„Es gibt immer mehr Autismus, das ist eine Modediagnose“
Fakt: Gemessen werden mehr Fälle, die Gründe sind aber vielschichtig. Eine Übersichtsarbeit von 2022 sah das Zusammenspiel mehrerer Faktoren: mehr Aufmerksamkeit, Fortschritte bei Erkennung und Definition und mehr Kapazitäten; für Umweltgifte oder Migration als Ursache sah sie nur schwache oder widersprüchliche Belege. [7] Der mittlere Wert lag bei etwa 1 von 100 Kindern, die Studien kamen aber zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. [7] Mehr: Wie häufig ist Autismus?, Warum steigen die Diagnosezahlen bei Autismus?.
„Autismus bedeutet immer geistige Behinderung“
Fakt: Autismus kommt mit und ohne Intelligenzminderung vor. Die Leitlinie unterschied deshalb in vielen Empfehlungen zwischen beiden Gruppen. [5, Kap. C.1] Mehr: Autismus und intellektuelle Beeinträchtigung.
„Menschen mit Autismus haben keine Empathie“
Fakt: Die Lage ist differenzierter. Studien zeigen je nach Art der Empathie unterschiedliche Ergebnisse, und Missverständnisse zwischen Menschen mit und ohne Autismus laufen in beide Richtungen. Mehr: Empathie und Autismus: ein verbreitetes Missverständnis.
Was du sonst noch wissen solltest
- Prüfe Behauptungen an der Quelle: Wer sagt es, wie viele Personen wurden untersucht, wer hat die Studie bezahlt? Hilfe beim Einordnen: Wie gut ist eine Studie? Evidenz verständlich erklärt.
- Sprache zählt: Welche Begriffe verwendet werden, ist eine eigene Frage: Sprache und Begriffe rund um Autismus.
Das könnte dich auch interessieren
- Verursachen Impfungen Autismus? Was die Studien zeigen
- Empathie und Autismus: ein verbreitetes Missverständnis
- Ursachen von Autismus: Was die Forschung weiß
Quellen und Literatur
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Einträge 028-018 „Gültig bis 04.04.2021“ und 028-047 „Gültig bis 23.03.2026“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
- Fyfe C, Winell H, Dougherty J, Gutmann DH, Kolevzon A, Marrus N, Tedroff K, Turner TN, Weiss LA, Yip BHK, Yin W, Sandin S. Time trends in the male to female ratio for autism incidence: population based, prospectively collected, birth cohort study. BMJ 2026;392. https://doi.org/10.1136/bmj-2025-084164 – Beobachtungsstudie (Register)
- Hviid A, Hansen JV, Frisch M, Melbye M. Measles, mumps, rubella vaccination and autism: a nationwide cohort study. Annals of Internal Medicine 2019;170(8):513–520. https://doi.org/10.7326/M18-2101 – Kohortenstudie
- Ridgway K, Cooke K, Demmer DH, Hooley M, Westrupp E, Stokes MA. Camouflaging Autism in Pursuit of Friendship and Intimate Relationships: A Systematic Review. Autism in Adulthood 2025;7(5):543–557. https://doi.org/10.1089/aut.2023.0160 – Systematischer Review
- DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 2: Therapie. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-047, Stand Text 02.05.2021. – Leitlinie; abgelaufen am 23.03.2026
- Taylor LE, Swerdfeger AL, Eslick GD. Vaccines are not associated with autism: an evidence-based meta-analysis of case-control and cohort studies. Vaccine 2014;32(29):3623–3629. https://doi.org/10.1016/j.vaccine.2014.04.085 – Metaanalyse
- Zeidan J, Fombonne E, Scorah J, Ibrahim A, Durkin MS, Saxena S, Yusuf A, Shih A, Elsabbagh M. Global prevalence of autism: A systematic review update. Autism Research 2022;15(5):778–790. https://doi.org/10.1002/aur.2696 – Systematischer Review
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