Kurz erklärt
Einsamkeit ist bei Erwachsenen im Autismus-Spektrum ein ernstes Thema, und sie ist nicht dasselbe wie gern allein sein. Eine Übersichtsarbeit mit 34 Artikeln nennt viele Faktoren, die mit mehr Einsamkeit verbunden sind (zum Beispiel Angst, Depression, Anpassungsdruck, fehlendes Verständnis, Arbeitslosigkeit) und solche, die mit weniger verbunden sind (zum Beispiel Beziehungen, Selbstakzeptanz, gemeinsame Aktivitäten). [3] Viele Menschen im Autismus-Spektrum möchten Zeit allein verbringen und fühlen sich zugleich einsam; ein neuer Überblick nennt das das „SOLO-Paradox“. [1] Kontakt zu anderen Menschen im Spektrum wird häufig als sehr positiv beschrieben. [4] Wenn Einsamkeit sehr belastet oder Suizidgedanken auftreten, gibt es Hilfe (siehe unten).
Einsamkeit und Alleinsein: nicht dasselbe
Einsamkeit meint das belastende Gefühl, dass Kontakt oder Zugehörigkeit fehlt. Alleinsein kann dagegen gewollt und erholsam sein. Muris und Kolleg:innen beschreiben in einem erzählenden Überblick, dass Menschen im Autismus-Spektrum im Schnitt häufiger Einsamkeit angeben und zugleich eine stärkere Vorliebe für Alleinsein als Gleichaltrige. Sie nennen dieses Muster das „SOLO-Paradox“. Einsamkeit entsteht nach ihrem Modell aus dem Zusammenspiel von Unterschieden in sozialer Kommunikation, Sinnesempfindlichkeit, Bewältigungsstrategien und dauerhaft unerfüllten sozialen Bedürfnissen. In manchen Fällen könne das zu starkem Rückzug und problematischer Internetnutzung beitragen. [1]
Was mit mehr oder weniger Einsamkeit zusammenhängt
Umagami und Kolleg:innen werteten 34 Studien zu Einsamkeit bei Erwachsenen im Autismus-Spektrum aus. Mit mehr Einsamkeit hingen zusammen: Merkmale von Autismus, Angst, Depression und Suizidgedanken, negative Erfahrungen und erlernte Hilflosigkeit, fehlendes Verständnis und fehlende Akzeptanz, Reizvermeidung, Anpassung (Camouflaging) und Arbeitslosigkeit. Mit weniger Einsamkeit hingen zusammen: Beziehungen, Teilnahme an Trainings sozialer Fähigkeiten oder geringere Schwierigkeiten damit, ein positives Bild von sich selbst und Selbstakzeptanz, weibliches Geschlecht und Zeit in Aktivitäten (zum Beispiel Online-Spiele).
Das sind Zusammenhänge, keine Ursachen. [3]
Die Autor:innen betonen Lücken: Es gibt wenige Beschreibungen aus erster Hand, kaum für Menschen im Autismus-Spektrum entwickelte Messverfahren, wenig zum Gefühl, zur Gesellschaft zu gehören („kollektive“ Einsamkeit), und die meisten Studien betreffen jüngere und mittlere Erwachsene mit durchschnittlichen oder höheren intellektuellen und sprachlichen Fähigkeiten. [3]
Freundschaften und Kontakt zu anderen im Spektrum
Wu und Wang sichteten 22 Studien zu Freundschaften bei Erwachsenen im Autismus-Spektrum (Stand der Freundschaft, Praxis, Bedeutung, Zusammenhänge mit anderen Faktoren). Sie fordern, die Stimme der Betroffenen und den Kontext von Freundschaften stärker einzubeziehen. [5]
Watts und Kolleg:innen werteten 52 qualitative Arbeiten aus: Viele Erwachsene beschrieben ihre Erfahrungen mit anderen Menschen im Autismus-Spektrum als positiv, und diese Erfahrungen gingen mit besserer Lebensqualität einher. Die Autor:innen betonen, dass solcher Kontakt kein Allheilmittel ist, die Erfahrungen unterschiedlich sind, und dass über Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung zu wenig bekannt ist. [4]
Was helfen kann
Die Übersichtsarbeiten nennen als Ansatzpunkte: Möglichkeiten für gelungenen sozialen Kontakt, auch über Trainings sozialer Fähigkeiten, Angebote, in denen man auf Menschen mit ähnlichen Erfahrungen trifft, und Verständnis und Akzeptanz im Umfeld. [1] [3] [4] Der Überblick von Muris weist darauf hin, dass solche Trainings gelernte Fähigkeiten nicht immer in den Alltag übertragen. [1] Als Redaktionshinweis (kein Studienbefund): Kontakt kann in kleinen Schritten und über gemeinsame Interessen wachsen; Alleinsein darf ein Bedürfnis bleiben. Mehr zu Beziehungen: Beziehungen, Freundschaft und Partnerschaft; zu sozialer Kommunikation: Soziale Kommunikation und Interaktion bei Autismus.
Wenn es sehr belastend wird
Einsamkeit hängt in den Studien mit Depression und Suizidgedanken zusammen. [3] Wenn du dich sehr belastet fühlst oder an Suizid denkst, hol dir Hilfe. Die TelefonSeelsorge ist kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar (0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, auch per E-Mail und Chat). [2] In akuter Gefahr wähle den Notruf 112. Mehr: Psychische Belastung und Suizidgedanken bei Erwachsenen.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Was wir wissen: Einsamkeit ist bei Erwachsenen im Autismus-Spektrum häufig und mit seelischer Belastung verbunden, hat aber viele beeinflussbare Faktoren. [3] Kontakt zu Menschen mit ähnlichen Erfahrungen wird oft als hilfreich beschrieben. [4]
Offen:
Das könnte dich auch interessieren
- Beziehungen, Freundschaft und Partnerschaft
- Psychische Belastung und Suizidgedanken bei Erwachsenen
- Soziale Kommunikation und Interaktion bei Autismus
- Bildschirmzeit, Gaming und Internet
Quellen und Literatur
- Muris P, Deckers A, Donkers F, Ollendick TH, Begeer S: The Joy and the Pain of Being Alone: Managing the Solitude-Loneliness (SOLO) Paradox in People High on the Autism Spectrum. Clinical Child and Family Psychology Review 2026;29(3):607-623. https://doi.org/10.1007/s10567-026-00576-4 (frei lesbar, CC BY; online 16.06.2026) – Narrativer Review
- TelefonSeelsorge Deutschland: Startseite mit Rufnummern. https://www.telefonseelsorge.de/ – Beratungsangebot
- Umagami K, Remington A, Lloyd-Evans B, Davies J, Crane L: Loneliness in autistic adults: A systematic review. Autism 2022;26(8):2117-2135. https://doi.org/10.1177/13623613221077721 (frei lesbar, CC BY) – Systematischer Review (34 Artikel)
- Watts G, Crompton C, Grainger C, Long J, Botha M, Somerville M, Cage E: ‘A certain magic’ – autistic adults’ experiences of interacting with other autistic people and its relation to Quality of Life: A systematic review and thematic meta-synthesis. Autism 2025;29(9):2239-2253. https://doi.org/10.1177/13623613241255811 (frei lesbar, CC BY) – Systematischer Review und Meta-Synthese (52 qualitative Arbeiten)
- Wu T, Wang Dc: Experiences of friendship among autistic adults: a scoping review. Frontiers in Psychiatry 2025;16:1523506. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2025.1523506 (frei lesbar, CC BY) – Scoping Review (22 Studien)
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