Kurz erklärt
Es gibt keine einheitliche, von allen bevorzugte Sprache. Befragungen in Großbritannien (2016) und den USA (2022 erhoben) fanden, dass Menschen im Autismus-Spektrum, Eltern und Fachleute unterschiedliche Begriffe bevorzugen. [5; 6] Medizinisch heißt die Diagnose in der ICD-11 „Autismus-Spektrum-Störung“ (Code 6A02). [1] Autismus Wissen schreibt in eigenen Texten „Menschen mit Autismus“ und „Menschen im Autismus-Spektrum“. Das ist eine redaktionelle Hausentscheidung, keine objektiv richtige Form. Wo wir andere Formen nennen, wie hier, ist das Gegenstand der Darstellung.
Medizinische Begriffe
- Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist der Name der Diagnose in den aktuellen Klassifikationssystemen. Die ICD-11 führt sie als „Autism spectrum disorder“ (6A02). [1] In Deutschland bleibt nach dem BfArM bis zur Einführung der ICD-11 die ICD-10 (für Diagnosen in der Versorgung: ICD-10-GM) die gültige amtliche Klassifikation. [7]
- Früher getrennte Diagnosen: Die Leitlinie von 2016 beschrieb nach der damaligen ICD-10 die Untergruppen „frühkindlicher Autismus“ (F84.0), „atypischer Autismus“ (F84.1) und „Asperger-Syndrom“ (F84.5). [3, Kap. A.2.2] Heute werden sie unter der Kategorie „Autismus-Spektrum-Störung“ zusammengefasst. [2] Näheres: Diagnosekriterien: ICD-11 und DSM-5-TR.
- Die Leitlinie von 2016 ist abgelaufen („Gültig bis 04.04.2021“). [4]
Alltagssprache: person-first und identity-first
Im Deutschen wie im Englischen gibt es zwei Grundformen:
- Person-first („Menschen mit Autismus“, „Kind mit Autismus“): nennt zuerst die Person und dann das Merkmal.
- Identity-first („autistische Menschen“, „Autist:innen“): nennt das Merkmal als Teil der Identität.
Beide Formen kommen in der Community vor. Welche jemand wählt, hängt von der Person ab.
Was Befragungen zeigen
- Großbritannien (Kenny et al. 2016, 3.470 Befragte): Am häufigsten befürwortet wurden „autism“ und „on the autism spectrum“, dazu in geringerem Maß „autism spectrum disorder“. „Autistic“ befürworteten viele Erwachsene mit Autismus, Angehörige und Eltern, aber deutlich weniger Fachleute; „person with autism“ fast die Hälfte der Fachleute, aber weniger Erwachsene mit Autismus und Eltern. Die Autor:innen schlossen, dass keine Form von allen akzeptiert wird und manche Meinungsverschiedenheiten tief sitzen. [5]
- USA (Dwyer et al. 2026, 5.279 Befragte, 2022 erhoben): Der Begriff „autism“ selbst wurde breit akzeptiert. Eine Clusteranalyse fand eine „offene“ Gruppe (47 %), eine identity-first-Gruppe und eine person-first-Gruppe. Am stärksten abgelehnt wurde „person suffering from autism“. Die Autor:innen raten, im persönlichen Kontakt nach Vorlieben zu fragen. [6] Mehr: „Autism“-Sprache: US-Umfrage findet keine einheitliche Präferenz.
Beide Studien betrafen englische Begriffe in Großbritannien und den USA. Wie sich deutschsprachige Menschen im Spektrum äußern, haben wir in keiner Studie gelesen; die Ergebnisse lassen sich nicht einfach auf deutsche Begriffe übertragen.
Neurodiversität, Neurodivergenz und verwandte Wörter
Eine Übersichtsarbeit definiert: Neurodiversität ist die natürliche Vielfalt der menschlichen neurologischen Entwicklung; neurotypisch beschreibt Menschen, deren Entwicklung im üblicherweise als typisch geltenden Bereich liegt; neurodivergent Menschen, deren Entwicklung davon abweicht (zum Beispiel Menschen im Autismus-Spektrum); neurodivers ist ein Sammelbegriff für gemischte Gruppen. [8] Das Wort „Neurodiversität“ wurde 1998 von der Soziologin Judy Singer und dem Journalisten Harvey Blume geprägt. [8] „Neurodivergenz“ umfasst auch andere Entwicklungen als Autismus (zum Beispiel ADHS); die Autor:innen dieser Arbeit vertreten das Konzept als Alternative zum medizinischen Modell. Mehr: Neurodiversität: Was hinter dem Konzept steckt.
So gehen wir damit um
- Eigene Texte: „Menschen mit Autismus“, „Menschen im Autismus-Spektrum“, „Menschen im Spektrum“ (wenn eindeutig). Das ist eine Entscheidung der Redaktion; andere Formen sind nicht „falsch“.
- Zitate, Titel und Eigennamen geben wir unverändert wieder.
- Fachbegriffe ohne Personenbezug, zum Beispiel „autistisches Burnout“, nutzen wir, wenn sie in der Fachliteratur so heißen.
- Keine Wertung der Begriffe, und keine Herabsetzung: Formulierungen wie „leidet an Autismus“ vermeiden wir.
Was du sonst noch wissen solltest
- Frag nach. Im persönlichen Kontakt ist die beste Regel, die Person nach ihrer bevorzugten Bezeichnung zu fragen. [6]
- Functioning-Labels (zum Beispiel „hochfunktional“) und Begriffe für Untergruppen wurden in der US-Studie als umstritten beschrieben. [6] Wir verwenden sie nur als Zitat.
- Nicht dargestellt: Die Sprache in der Selbsthilfe im deutschsprachigen Raum und die Geschichte einzelner Begriffe jenseits der genannten Quellen.
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- Neurodiversität: Was hinter dem Konzept steckt
- Diagnosekriterien: ICD-11 und DSM-5-TR verständlich
Quellen und Literatur
- World Health Organization. ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics, Code 6A02 „Autism spectrum disorder“, Version 2025-01. – Klassifikation
- Höhne E, Kamp-Becker I. Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störung. Pädiatrie 2024;(4+5):27–32. – Fachübersicht
- DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 1: Diagnostik. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-018, Textstand 23.02.2016 (Kap. A.2.2). – Leitlinie (abgelaufen, laut Dokumentvermerk in Überarbeitung)
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Eintrag 028-018: „Gültig bis 04.04.2021“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
- Kenny L, Hattersley C, Molins B, Buckley C, Povey C, Pellicano E. Which terms should be used to describe autism? Perspectives from the UK autism community. Autism 2016;20(4):442–462. https://doi.org/10.1177/1362361315588200 – Befragung
- Dwyer P, Williams ZJ, Magnuson JE, Woynaroski TG. English-Language Autism Terminology Preferences of Autistic People and their Parents in the United States: Clustering Illuminates Diverse Views. Autism 2026 (online 25.08.2026). https://doi.org/10.1177/13623613261475023 – Befragung
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Informationsseiten „ICD-11“ und „ICD“. https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/_node.html – Behördenseite
- Pellicano E, den Houting J. Annual Research Review: Shifting from ’normal science‘ to neurodiversity in autism science. J Child Psychol Psychiatry 2022;63(4):381–396. https://doi.org/10.1111/jcpp.13534 – Übersichtsarbeit (Positionspapier)
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