Kurz erklärt
Wiederkehrende Bewegungen, feste Abläufe und sehr intensive Interessen sind nicht automatisch ein Problem. Die S3-Leitlinie von 2021 behandelte wiederkehrendes Verhalten, Sonderinteressen und besondere Reaktionen auf Sinnesreize als eigenes Zielsymptom. [1, Kap. C.1] Ihre Empfehlungen galten aber nicht jedem wiederkehrenden Verhalten, sondern nur dem störenden repetitiven Verhalten, störenden Sonderinteressen und sensorischer Hyper- oder Hyporeaktivität, also Situationen, in denen sie den Alltag belasten. [1, Empf. 23] Verfahren mit direkter Bestrafung oder Zwangsmaßnahmen sollen in keinem Fall eingesetzt werden. [1, Empf. 30] Die Leitlinie ist seit dem 23.03.2026 abgelaufen. [2]
Stand der Leitlinie: Dieser Beitrag nutzt die S3-Leitlinie Therapie (2021). Sie ist seit dem 23.03.2026 abgelaufen. [2] Die Aussagen sind nicht automatisch falsch, aber nicht durch eine gültige Leitlinie gedeckt.
Was Spezialinteressen sind
Spezialinteressen sind Themen oder Tätigkeiten, denen Menschen im Autismus-Spektrum mit großer Leidenschaft nachgehen. Sie sind nach einer Befragung ein sehr häufiges Merkmal von Autismus und wurden lange vor allem als Defizit beschrieben. [3] In einer Online-Befragung von 182 Erwachsenen (60 mit, 122 ohne Autismus) berichteten Erwachsene mit Autismus, dass Spezialinteressen für sie eine größere Rolle bei der Gefühlsregulation spielen und eine Quelle für Lernen und Wissen sind. Sie erlebten aber auch mehr Stigma und negative Folgen als die Vergleichsgruppe und griffen in belastenden, erschöpfenden Situationen eher auf ihre Interessen als Bewältigungsstrategie zurück. [3] Das ist eine einzelne Querschnittsbefragung mit Selbstberichten; sie zeigt Zusammenhänge, keine Ursachen. Mehr zu Stärken: Stärken und Ressourcen – ohne Klischee. Nicht jedes intensive Interesse ist ein Problem; die Leitlinie von 2021 bezog ihre Empfehlungen nur auf störende Sonderinteressen (siehe unten).
Worum es in der Leitlinie ging
Die Leitlinie behandelte unter einem gemeinsamen Zielsymptom „repetitives Verhalten, störende Sonderinteressen und sensorische Hyper- oder Hyporeaktivität“. [1, Empf. 23] Das Wort „störend“ ist wichtig: Die Leitlinie sagte nicht, dass wiederkehrendes Verhalten oder Spezialinteressen an sich behandelt werden müssten. Was „störend“ im Einzelfall heißt, hängt von der Situation und der Person ab. Warum Menschen mit Autismus bestimmte Handlungen wiederholen, erklärt dieser Beitrag nicht, weil die gelesenen Quellen dazu keine Aussagen enthalten.
Empfehlungen bei kleinen Kindern
Bei Klein- und Vorschulkindern sollen nach der Leitlinie (Empfehlungsgrad A) dieselben Therapieverfahren eingesetzt werden, die zur Förderung der sozialen Interaktion und Kommunikation dienen. Sie sollen auch das störende wiederkehrende Verhalten und die sensorischen Besonderheiten verbessern. Empfohlen werden insbesondere Verfahren, die die elterliche Synchronizität und Responsivität fördern. Dazu gehören das kindgeleitete Spiel einschließlich des Symbolspiels und das gezielte Üben, die Interessen des Kindes zu erweitern. [1, Empf. 23] Mehr dazu: Autismusspezifische Therapie und Förderung.
Außerdem sollten Eltern individuell und systematisch von ausgebildeten Verhaltenstherapeut:innen angeleitet werden. Grundlage sind Verhaltensanalysen konkreter Situationen, in denen störendes Verhalten wiederholt auftritt; die Techniken umfassen Alltagsstrukturierung zur Vermeidung störender Reize, das Löschen durch Ignorieren, den Aufbau alternativer Verhaltensweisen und kind- und entwicklungsgerechte Expositionsverfahren (Empfehlungsgrad B). [1, Empf. 23] Bei starker Ausprägung sensorischer Besonderheiten kann zusätzlich eine angeleitete Exposition mit unterschiedlichen sensorischen Reizen erfolgen (Empfehlungsgrad 0). [1, Empf. 23]
Schulkinder, Jugendliche und Erwachsene
- Schulkinder und Jugendliche: Die Therapieverfahren zur Förderung der sozialen Interaktion können auch hier eingesetzt werden; Eltern sowie Integrationshelfer:innen oder Sonderpädagog:innen in Schulen sollten zusätzlich nach Verhaltensanalysen angeleitet werden (konsensbasiert). [1, Empf. 24]
- Erwachsene mit Intelligenzminderung: Eltern, Betreuer:innen, Ausbilder:innen und andere Bezugspersonen sollen nach Verhaltensanalysen angeleitet werden, um in Alltag, Arbeit oder Wohngruppe gezielt Techniken einzusetzen. [1, Empf. 25]
- Erwachsene ohne Intelligenzminderung: Gruppenbasierte Verfahren zur Förderung der sozialen Interaktion können auch zur Verbesserung eingesetzt werden. [1, Empf. 26]
- Medikamente: Bei stark ausgeprägtem wiederkehrendem Verhalten kann bei Kindern und Jugendlichen ergänzend zu psychosozialen Maßnahmen befristet eine Gabe bestimmter Antipsychotika erwogen werden; darüber entscheiden Ärztinnen und Ärzte in Abwägung von erwünschten und unerwünschten Wirkungen. [1, Empf. 28] Mehr: Medikamente bei Autismus.
Was nicht eingesetzt werden soll
Aktuell können nach der Leitlinie keine Therapien über die genannten psychosozialen und medikamentösen Ansätze hinaus empfohlen werden. Verfahren, die direkte Bestrafung oder Zwangsmaßnahmen beinhalten, sollen in keinem Fall zur Behandlung von stereotypen Verhaltensweisen, Sonderinteressen oder sensorischer Hypo- oder Hyperreaktivität eingesetzt werden (starker Konsens). [1, Empf. 30]
Kritische Anmerkungen aus der Leitlinie
- Unerwünschte Wirkungen: Bei den psychosozialen Interventionen sind bei korrekter Durchführung bislang keine unerwünschten Wirkungen bekannt, sie wurden aber selten systematisch untersucht. Aus der Perspektive einer Selbstvertretungsorganisation (Aspies e. V.), die die Leitlinie wiedergab, gibt es Situationen, in denen die Exposition nicht zu einer Desensibilisierung führt, sondern zu einer reinen Gewöhnung an das Aushalten, die Kraft und Ressourcen kostet. [1, Empf. 27]
- Sondervoten: Zur Empfehlung für Erwachsene ohne Intelligenzminderung gab es Sondervoten von Fachverbänden der Verhaltenstherapie und von Autismus Deutschland: Individualisierte Methoden sollen eingesetzt werden, und neben der Einzeltherapie kann auch Gruppentherapie ein Baustein sein. [1, Empf. 26]
Was du sonst noch wissen solltest
- Nicht alles Wiederkehrende ist ein Problem. Die Leitlinie bezog sich auf störendes Verhalten. Wann Unterstützung sinnvoll ist, solltest du mit Fachleuten besprechen, die deine Sicht ernst nehmen.
- Reize und Struktur im Alltag: Reizverarbeitung und Wahrnehmung und Routinen und Struktur im Alltag.
- Freizeit und Interessen: Freizeit bei Autismus.
- Stimming (Selbststimulation) behandelt ein eigener Beitrag: Stimming: Selbststimulation verstehen.
Häufige Fragen
Was sind Spezialinteressen bei Autismus? Themen oder Tätigkeiten, denen Menschen im Autismus-Spektrum mit großer Leidenschaft nachgehen. Eine Online-Befragung beschreibt sie als sehr häufiges Merkmal von Autismus, das Erwachsene mit Autismus oft zur Gefühlsregulation und als Quelle von Wissen nutzen, wobei sie auch mehr Stigma erleben. [3] Die Leitlinie von 2021 behandelte wiederkehrendes Verhalten, Sonderinteressen und besondere Reizreaktionen als gemeinsames Zielsymptom. [1, Kap. C.1]
Müssen Spezialinteressen behandelt werden? Nein, nicht an sich. Die Leitlinie bezog ihre Empfehlungen nur auf störendes wiederkehrendes Verhalten und störende Sonderinteressen, also Situationen, in denen sie den Alltag belasten. [1, Empf. 23]
Was sollte bei wiederkehrendem Verhalten nicht eingesetzt werden? Verfahren mit direkter Bestrafung oder Zwangsmaßnahmen sollen in keinem Fall eingesetzt werden. [1, Empf. 30]
Wie ist das Verhältnis zu Stimming? Stimming ist eine Form wiederholter Bewegungen oder Laute: Stimming: Selbststimulation verstehen.
Das könnte dich auch interessieren
- Reizverarbeitung und Wahrnehmung
- Routinen und Struktur im Alltag
- Autismusspezifische Therapie und Förderung
- Stärken und Ressourcen – ohne Klischee
Quellen und Literatur
- DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 2: Therapie. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-047, Stand Text 02.05.2021 (Kap. C.1; Empf. 23–28, 30). – Leitlinie; abgelaufen am 23.03.2026 (siehe Nr. 2)
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Eintrag 028-047: „Gültig bis 23.03.2026“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
- Bayer M, Dziobek I: Special Interests in Autism: Functions, Benefits, and Challenges. Autism 2026. https://doi.org/10.1177/13623613261471572 – Befragungsstudie
Begriffe aus diesem Beitrag
- Spezialinteresse
- Sehr intensives, oft lang anhaltendes Interesse an einem bestimmten Thema. Die S3-Leitlinie von 2021 sprach von „Sonderinteressen“ und bezog ihre Empfehlungen nur auf störende Sonderinteressen.
Das könnte dich auch interessieren
WissensartikelAutismus verstehen
Das Autismus-Spektrum: Warum es so verschieden ist
WissensartikelAutismus verstehen
Autismus und intellektuelle Beeinträchtigung
WissensartikelAutismus verstehen
Anforderungsvermeidung (PDA): Was die Forschung sagt
WissensartikelAutismus verstehen
Was ist Autismus?
Fehler gefunden?
Wenn etwas sachlich falsch, veraltet oder unklar ist, sag uns Bescheid. Du musst keine persönlichen Daten angeben.