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Diagnostik & Diagnose

Autismusdiagnostik per Video: Was ist möglich?

Für wen? Für Eltern, Erwachsene mit Verdacht auf Autismus und Fachkräfte, die wissen möchten, was Diagnostik per Video heute leisten kann und wo die Grenzen liegen.

Kurz erklärt

Autismusdiagnostik oder -screening per Video kann nach ersten Übersichtsarbeiten gute Treffsicherheit erreichen, vor allem als Ergänzung zur Untersuchung vor Ort. Eine Metaanalyse von 41 Studien fand eine gepoolte Sensitivität von 0,88 und eine Spezifität von 0,76. [3] Eine kleinere Übersichtsarbeit berichtet hohe Übereinstimmung zwischen Video- und Vor-Ort-Diagnostik und hohe Zufriedenheit bei Familien und Fachleuten, nennt das Feld aber „sehr früh“. [1] Die Belege sind vorläufig, die Studien stammen überwiegend aus den USA, und die meisten untersuchten Kinder, die ohnehin schon auffielen. Ob und wie Video-Diagnostik in Deutschland angeboten und anerkannt wird, ist nicht Gegenstand dieser Studien.

Warum Video-Diagnostik ein Thema ist

Zwischen den ersten Sorgen und einer Diagnose vergeht oft viel Zeit. Übersichtsarbeiten nennen als Hoffnung, dass Telemedizin Wartezeiten verkürzen und Familien in entlegenen Regionen erreichen kann. Eine Arbeit nennt Wartezeiten von bis zu 18 Monaten, die durch Anwendungen auf wenige Tage oder Wochen sinken könnten; diese Angabe bezieht sich auf die Anwendungen, die in den Studien untersucht wurden. [2]

Wie Video-Diagnostik aussehen kann

Die Übersichtsarbeiten unterscheiden vor allem zwei Wege: Bei der Videokonferenz in Echtzeit untersuchen und befragen Fachleute das Kind oder den Erwachsenen live über Bildschirm; bei der Aufzeichnung laden Eltern Videos des Verhaltens hoch, die Fachleute später beurteilen („Store-and-Forward“). [1] Hinzu kommen Programme, die Kurzvideos mit Algorithmen auswerten („maschinelles Lernen“). [3] Bei manchen Verfahren leiten Eltern das Kind nach Anweisung an; Eltern und Fachleute fühlten sich damit nach den Studien ausreichend wohl. [2]

Was Studien zur Genauigkeit sagen

Die Metaanalyse von Wang und Kolleg:innen (41 Studien, Kinder) berechnete eine gepoolte Sensitivität von 0,88 (Konfidenzbereich 0,84–0,91) und eine Spezifität von 0,76 (0,72–0,80). Das bedeutet: Viele Kinder mit Autismus werden erkannt, aber ein Teil der Kinder ohne Autismus wird fälschlich als auffällig eingestuft. Verfahren, die der Diagnose dienten, schnitten besser ab als reine Screenings; Verfahren mit maschinellem Lernen erreichten die höchsten Werte. [3]

Liu und Ma werteten 26 Studien mit 17 Anwendungen aus. Bei den Verfahren, die dazu Zahlen berichteten, lag die Sensitivität zwischen 0,70 und 1, die Spezifität zwischen 0,38 und 1; fast die Hälfte der Studien (42 %) berichtete keine solchen Kennwerte. [2] Eine Übersicht über zehn Studien fand hohe Übereinstimmung zwischen Video- und Vor-Ort-Diagnose bei guter Akzeptanz, aber nur kleine Stichproben. [1]

Grenzen und offene Fragen

Die meisten Studien untersuchten Kinder, die ohnehin zur Abklärung überwiesen worden waren. Das erhöht die Zahl der Treffer, verzerrt aber das Bild; für Kinder aus der Allgemeinbevölkerung mit geringerer Häufigkeit ist die Genauigkeit nicht belegt. Die meisten Studien stammen aus den USA. [3] Viele Studien waren klein und berichteten unvollständig. [2] [1] Eine kleine Übersicht nennt außerdem mögliche Vorteile: natürliches Verhalten zu Hause, geringere Kosten und die Möglichkeit, beide Elternteile zu beteiligen. [1] Nicht untersucht in den gelesenen Quellen: Wie sich Video-Diagnostik bei Jugendlichen mit komplexen Merkmalen oder bei Mädchen und Frauen bewährt, und wie sie von Krankenkassen und Leistungserbringern in Deutschland behandelt wird.

Was du daraus mitnehmen kannst

Wenn dir Video-Diagnostik angeboten wird, kannst du fragen: Welche Verfahren werden genutzt? Wird sie als vollständige Diagnose oder als erster Schritt verstanden? Werden Kind und Eltern zusätzlich vor Ort gesehen, wenn das Bild unklar bleibt? Diese Fragen sind eine Anregung der Redaktion, kein Standard aus den Studien. Wie Diagnostik in Deutschland üblicherweise abläuft, beschreibt Ablauf einer Autismusdiagnostik; zu Wartezeiten und Kosten: Überweisung, Kosten und Wartezeiten.

Was wissen wir – was ist noch offen?

Was wir wissen: Video-Verfahren erreichen in den bisherigen Studien gute Empfindlichkeit und mittlere Spezifität; Akzeptanz ist hoch. [3] [1]

Offen:

  • Wie gut die Verfahren in der Allgemeinbevölkerung funktionieren: Die Studien nutzten meist Kinder mit Verdacht. [3]
  • Ob die Ergebnisse auf Deutschland und auf Erwachsene übertragbar sind; es überwiegen US-Studien an Kindern. [3]
  • Wie vollständig die Studien berichten: Viele nennen keine Kennwerte oder sind klein. [2]
  • Ob Video-Diagnostik zu besseren Verläufen führt: nicht untersucht.

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Quellen und Literatur

  1. Alfuraydan M, Croxall J, Hurt L, Kerr M, Brophy S: Use of telehealth for facilitating the diagnostic assessment of Autism Spectrum Disorder (ASD): A scoping review. PLOS ONE 2020;15(7):e0236415. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0236415 (frei lesbar, CC BY) – Scoping Review (10 Studien)
  2. Liu M, Ma Z: A systematic review of telehealth screening, assessment, and diagnosis of autism spectrum disorder. Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health 2022;16(1):79. https://doi.org/10.1186/s13034-022-00514-6 (frei lesbar, CC BY) – Systematischer Review (26 Studien)
  3. Wang L, Meng H, Meng Z, Wang Y, Wong PCM: A systematic review and meta-analysis of autism screening and diagnosis in children using video-assisted telehealth technology. DIGITAL HEALTH 2025;11:20552076251386705. https://doi.org/10.1177/20552076251386705 (frei lesbar, CC BY-NC-ND) – Systematischer Review mit Metaanalyse (41 Studien)

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