Kurz erklärt
Eine Autismusdiagnostik ist kein einzelner Test, sondern ein Prozess über mehrere Termine. Fachleute tragen Informationen aus verschiedenen Quellen zusammen:
– Gespräche über die Entwicklungsgeschichte,
– Berichte aus Kita, Schule oder früheren Behandlungen,
– Verhaltensbeobachtung,
– körperliche Untersuchung,
– standardisierte, autismusspezifische Verfahren.
Ein zentraler Teil ist die Prüfung, ob andere Ursachen die Beobachtungen besser erklären. Am Ende sollte nicht nur eine Diagnose stehen, sondern auch konkrete Empfehlungen.
Stand der Leitlinie: Das beschriebene Vorgehen folgt der Darstellung in einer Fachübersicht von 2024, die sich nach eigener Angabe auf die S3-Leitlinie zur Diagnostik stützt. [1] Die Leitlinie (Textstand 23.02.2016) ist abgelaufen: Die Übersicht der federführenden Fachgesellschaft DGKJP nennt als Gültigkeit „bis 04.04.2021“ [3], und das Dokument selbst trägt den Vermerk, es sei seit mehr als fünf Jahren nicht aktualisiert und werde zurzeit überarbeitet. [2] Wir aktualisieren diesen Beitrag, sobald eine Neufassung vorliegt.
Schritt für Schritt: vom Verdacht zum Befund
Den Anstoß kann jemand aus der Familie geben, eine Fachkraft in Kita oder Schule oder die Person selbst. Die Fachübersicht beschreibt dann diesen Weg: [1]
- Erste Vorstellung. Sie erfolgt in einer Praxis oder Ambulanz für (Kinder- und Jugend-)Psychiatrie oder in einem Sozialpädiatrischen Zentrum. Dort wird eine erste Einschätzung vorgenommen: durch ein ausführliches Gespräch (Anamnese), Beobachtung und gegebenenfalls Fragebögen.
- Grundlagendiagnostik bei Kindern. Dazu gehört eine Untersuchung von Entwicklung, Sprache und Intelligenz.
- Körperliche Untersuchung – bei Kindern und Erwachsenen.
- Autismusspezifische Abklärung. Erhärtet sich der Verdacht, folgt eine umfassende Untersuchung mit standardisierten Verfahren in einer auf Autismus spezialisierten Stelle.
- Abklärung von Begleiterkrankungen und Abgrenzung zu anderen Diagnosen.
- Diagnose und Empfehlungen. Die Befunde werden zusammengeführt, und es werden individuelle, klar formulierte Behandlungs- und Unterstützungsempfehlungen erarbeitet.
Die Autor:innen betonen, dass der Prozess partizipativ und transparent gestaltet sein soll. [1]
Welche Methoden eingesetzt werden
Die Diagnostik stützt sich immer auf mehrere Methoden und Informationsquellen: [1]
- Anamnese: Gefragt wird nach Schwangerschaft und Geburt, nach der frühen Entwicklung von Motorik, Sprache und Sauberkeit, nach Kita und Schule, nach der aktuellen Lebenssituation und nach Stärken, Bedürfnissen und Erwartungen.
- Fremdanamnese: Berichte aus Kita, Schule oder früheren Behandlungen.
- Screening-Fragebögen: Sie zeigen nur an, ob eine weitere Abklärung sinnvoll ist, und sind nicht für eine Diagnose geeignet. Ihre Spezifität ist im klinischen Kontext gering, das heißt, sie fallen auch bei Menschen ohne Autismus auffällig aus. [1] Mehr dazu im Artikel Screening-Fragebögen.
- Klinische Beobachtung: Wie spielt, kommuniziert und interagiert eine Person in verschiedenen Situationen?
- Körperliche Untersuchung: Sie kann zum Beispiel Hörstörungen, Sehstörungen, Epilepsie oder genetische Syndrome erkennen.
- Standardisierte autismusspezifische Verfahren: Die Fachübersicht bezeichnet die Kombination aus zwei Verfahren als international anerkannten Goldstandard und schränkt zugleich ein, dass die Spezifität im klinischen Kontext nicht uneingeschränkt gegeben ist. [1]
- Ein strukturiertes Interview mit Bezugspersonen (ADI-R) zur frühen Entwicklung und zu aktuellen Fähigkeiten.
- Eine standardisierte Verhaltensbeobachtung (ADOS-2) mit Aktivitäten, die je nach Alter und Sprachstand ausgewählt werden. Bei Kindern ohne Sprache geschieht das eher spielerisch, bei Jugendlichen und Erwachsenen eher im Gespräch.
Wie die einzelnen Verfahren funktionieren, erklärt der Artikel Diagnostische Verfahren.
Warum die Abgrenzung so wichtig ist
Viele Merkmale, die mit Autismus in Verbindung gebracht werden, kommen auch bei anderen Diagnosen vor oder können Varianten der kindlichen Entwicklung sein. [1]
Häufig zu unterscheiden sind: [1]
- bei Kindern und Jugendlichen: intellektuelle Beeinträchtigung ohne Autismus, Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Bindungsstörungen, soziale Ängste und Störungen des Sozialverhaltens.
- bei Erwachsenen: unter anderem Persönlichkeitsstörungen, Zwangsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, affektive Störungen, soziale Phobie und Schizophrenie.
Gleichzeitig können Autismus und eine andere Diagnose auch gemeinsam bestehen. Das macht die Unterscheidung schwierig. [1] Diese Unterscheidung – was ist Autismus, was ist etwas anderes, was ist beides – ist anspruchsvoll. Deshalb gehört die Diagnostik in die Hände spezifisch ausgebildeter Fachleute. [1]
Was am Ende herauskommt
Am Ende stehen eine Diagnose – oder die Feststellung, dass keine Autismusdiagnose vorliegt – und konkrete, überprüfbare Empfehlungen. [1] Frag nach, wenn etwas unklar bleibt. Wie es danach weitergeht, steht in Nach der Diagnose: erste Schritte und in Keine Autismusdiagnose – und nun?.
Grenzen der Diagnostik
Die Diagnose beruht auf beobachtbarem Verhalten, auf Angaben von Bezugspersonen und auf der fachlichen Bewertung von Testergebnissen. Spezifische biologische Marker gibt es bisher nicht. [1] Auch die standardisierten Verfahren sind nicht fehlerfrei: Menschen mit anderen psychischen Diagnosen können dort ebenfalls auffällige Werte zeigen. [1] Die Autor:innen der Fachübersicht bewerten die Güte der diagnostischen Einschätzung in der klinischen Praxis als noch ungenügend. [1]
Häufige Fragen
Wie läuft eine Autismus-Diagnostik ab? Als Prozess über mehrere Termine: erste Vorstellung in einer Praxis oder Ambulanz, bei Kindern Grundlagendiagnostik zu Entwicklung, Sprache und Intelligenz, körperliche Untersuchung, autismusspezifische Abklärung in einer spezialisierten Stelle, Abklärung von Begleiterkrankungen und Abgrenzung, dann Diagnose und Empfehlungen. [1]
Wie lange dauert eine Autismus-Diagnostik? Die gelesenen Quellen nennen dafür keine feste Dauer; beschrieben wird ein Prozess über mehrere Termine. Wie lange es bis zu einem Termin dauern kann, steht in Überweisung, Kosten und Wartezeiten.
Welche Tests werden bei der Diagnostik eingesetzt? Gespräche und Berichte, klinische Beobachtung, körperliche Untersuchung und standardisierte Verfahren: ein Interview mit Bezugspersonen (ADI-R) und eine Verhaltensbeobachtung (ADOS-2). Die Fachübersicht nennt diese Kombination den international anerkannten Goldstandard und schränkt zugleich ein, dass die Spezifität im klinischen Kontext nicht uneingeschränkt gegeben ist. [1] Mehr: ADOS-2, ADI-R und Screening.
Warum wird auf andere Diagnosen geprüft? Viele Merkmale kommen auch bei anderen Diagnosen vor, und Autismus und eine andere Diagnose können auch gemeinsam bestehen. [1]
Was ist das Ergebnis der Diagnostik? Eine Diagnose oder die Feststellung, dass keine Autismusdiagnose vorliegt, mit konkreten Empfehlungen. [1] Mehr: Diagnosegespräch und Befundbericht: Was du fragen kannst.
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- Vorbereitung auf die Diagnostik
- Überweisung, Kosten und Wartezeiten
- Diagnosegespräch und Befundbericht: Was du fragen kannst
Quellen und Literatur
- Höhne E, Kamp-Becker I. Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störung. Pädiatrie 2024;(4+5):27–32. – Fachübersicht
- DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 1: Diagnostik. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-018, Textstand 23.02.2016. – Leitlinie (abgelaufen, laut Dokumentvermerk in Überarbeitung)
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Eintrag 028-018: „Gültig bis 04.04.2021“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
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