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Diagnostik & Diagnose

ADOS-2, ADI-R und Screening: Verfahren erklärt

Für wen? Für Eltern, Menschen im Autismus-Spektrum und Interessierte, die verstehen möchten, welche Instrumente in der Diagnostik eingesetzt werden und was sie leisten.

Kurz erklärt

Eine Autismusdiagnostik stützt sich nicht auf einen einzelnen Test. Es gibt keine spezifischen Biomarker; die Diagnostik beruht auf beobachtbarem Verhalten, auf Angaben der Bezugspersonen (unter anderem zur frühen Entwicklung) und auf der Interpretation von Testergebnissen. [1] Als international anerkannter Standard gilt die Kombination aus dem Diagnostischen Interview für Autismus (ADI-R) und der Diagnostischen Beobachtungsskala für Autismus (ADOS-2). [1] Auch diese Verfahren sind nicht uneingeschränkt spezifisch: Menschen mit anderen psychischen Störungen können auffällige Werte haben. [1] Die Leitlinie zur Diagnostik (Textstand 2016) ist abgelaufen und wird überarbeitet. [2; 3]

Bausteine der Diagnostik

Nach der Fachübersicht gehören zu einer Diagnostik unter anderem [1]:

  • Berichte aus Kindergarten, Schule oder früheren Behandlungen (Fremdanamnese),
  • Screening-Instrumente als Hinweis auf eine weiterführende Abklärung,
  • die klinische Beobachtung von Spiel, Kommunikation und Interaktion in verschiedenen Situationen,
  • eine körperliche und neurologische Untersuchung, die mögliche organische Ursachen oder Begleiterkrankungen ausschließen oder erkennen kann (zum Beispiel genetische Syndrome, Epilepsie, Schwerhörigkeit oder Sehstörungen),
  • die standardisierten autismusspezifischen Untersuchungen (ADI-R und ADOS-2),
  • die Abklärung von Begleiterkrankungen und Differenzialdiagnosen.

Wie der Ablauf insgesamt aussieht: Ablauf einer Autismusdiagnostik.

ADI-R: das Interview mit Bezugspersonen

Das ADI-R ist ein strukturiertes Elterninterview mit 93 Items. Es erhebt anamnestische Informationen zur frühkindlichen Entwicklung, zum Spracherwerb, zu den aktuellen sozial-kommunikativen Fähigkeiten sowie zu speziellen Interessen und Aktivitäten. Die Bezugspersonen geben dabei viele konkrete Verhaltensbeispiele aus dem Alltag, damit die interviewende Person einschätzen kann, ob die Beispiele Auffälligkeiten im Sinne von Autismus bedeuten. [1]

ADOS-2: die Verhaltensbeobachtung

Das ADOS-2 ist eine strukturierte Beobachtungsskala, die Kommunikation, Interaktion und Spielverhalten in einer standardisierten Situation erfasst. Es besteht aus fünf Modulen, die je nach Alter und Sprachniveau gewählt werden. Die Module enthalten Aktivitäten, die gezielt Situationen schaffen, in denen autismusspezifische Merkmale auftreten können. Je nach Modul umfasst die Beobachtung 29 bis 42 Items, die direkt nach der Untersuchung anhand einer Vorlage kodiert werden. Die Durchführung erfordert eine spezifische Schulung, Erfassungen zwischen verschiedenen Auswertenden (Inter-Rater) und vielfältige Erfahrung mit Autismus und mit Differenzialdiagnosen. [1]

Beide Verfahren beruhen laut Fachübersicht auf den diagnostischen Kriterien von ICD-10 und DSM-4-TR/DSM-5. Die Auswertung erfolgt über einen diagnostischen Algorithmus, der eine Auswahl von Items verrechnet. [1]

Screening-Fragebögen

Screening-Instrumente dienen der schnellen und einfachen Erkennung von Personen mit erhöhtem Risiko für Autismus. Sie sind nicht für eine Diagnosestellung geeignet, sondern Hinweis auf eine weiterführende Abklärung. Ihre Spezifität im klinischen Kontext ist gering, ihr Nutzen deshalb begrenzt. [1] Ein Beispiel im deutschsprachigen Raum ist der Fragebogen zur sozialen Kommunikation (FSK): Er wurde für Kinder und Jugendliche von 4 bis 18 Jahren entwickelt, umfasst 40 Ja/Nein-Fragen (Dauer etwa 10 Minuten) und wird von Eltern oder Bezugspersonen ausgefüllt. [1] Was das für Online-Tests heißt: Ein Ergebnis eines Fragebogens ersetzt keine Diagnostik.

Grenzen der Verfahren

  • Keine Biomarker. Die Diagnostik beruht auf Verhalten, Berichten und der Interpretation von Testergebnissen. [1]
  • Begrenzte Spezifität. Auch Personen mit anderen psychischen Störungen, die mit „autism like traits“ verbunden sind, können in ADI-R und ADOS-2 auffällige Werte haben. [1]
  • Vielfalt. Autismus zeigt eine erhebliche Heterogenität (Ausprägung, sprachliche und kognitive Fähigkeiten, Begleiterkrankungen) und überlappt mit vielen anderen Störungsbildern. [1] Deshalb braucht die Diagnostik hohe fachliche Kompetenz und Erfahrung.

Was du sonst noch wissen solltest

  • Die Verfahren sind Werkzeuge, keine Urteile. Entscheidend ist die Gesamtbeurteilung durch erfahrene Fachleute.
  • Vorbereitung: Notiere konkrete Beispiele aus dem Alltag und sammle Berichte aus Kita, Schule oder früheren Behandlungen. Das ist ein Praxistipp der Redaktion, die Fachübersicht nennt Fremdberichte als Baustein. [1]
  • Begleiterkrankungen werden mit abgeklärt: Häufige Begleiterkrankungen.
  • Erwachsene: Autismusdiagnostik bei Erwachsenen.
  • Termin und Warteliste: Überweisung, Kosten und Wartezeiten.

Stand der Leitlinie: Das beschriebene Vorgehen folgt der Darstellung in einer Fachübersicht von 2024, die sich nach eigener Angabe auf die S3-Leitlinie zur Diagnostik stützt. [1] Die Leitlinie (Textstand 23.02.2016) ist abgelaufen: Die Übersicht der federführenden Fachgesellschaft DGKJP nennt als Gültigkeit „bis 04.04.2021“ [3], und das Dokument selbst trägt den Vermerk, es sei seit mehr als fünf Jahren nicht aktualisiert und werde zurzeit überarbeitet. [2] Wir aktualisieren diesen Beitrag, sobald eine Neufassung vorliegt.

Häufige Fragen

Was ist der ADOS-2? Eine strukturierte Beobachtungsskala, die Kommunikation, Interaktion und Spielverhalten in einer standardisierten Situation erfasst. Sie besteht aus fünf Modulen, die je nach Alter und Sprachniveau gewählt werden. [1]

Was ist der ADI-R? Ein strukturiertes Elterninterview mit 93 Items zur frühkindlichen Entwicklung, zum Spracherwerb, zu den aktuellen sozial-kommunikativen Fähigkeiten sowie zu speziellen Interessen und Aktivitäten. [1]

Wie zuverlässig sind ADOS-2 und ADI-R? Die Fachübersicht nennt die Kombination den international anerkannten Standard; die Verfahren sind aber nicht uneingeschränkt spezifisch, auch Menschen mit anderen psychischen Störungen können auffällige Werte haben. [1]

Kann man den ADOS-2 selbst machen oder üben? Die Durchführung erfordert nach der Fachübersicht eine spezifische Schulung und vielfältige Erfahrung mit Autismus und Differenzialdiagnosen. [1] Er gehört in die Hände von Fachleuten.

Was können Screening-Fragebögen? Sie sind nicht für eine Diagnose geeignet, sondern ein Hinweis auf eine weiterführende Abklärung; ihre Spezifität im klinischen Kontext ist gering. [1] Mehr: Screening-Fragebögen und Online-Tests.

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Quellen und Literatur

  1. Höhne E, Kamp-Becker I. Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störung. Pädiatrie (Rosenfluh) 2024;(4+5):27–32. https://rosenfluh.ch/media/paediatrie/2024/04-05/Diagnostik-der-Autismus-Spektrum-Stoerung.pdf – Fachübersicht
  2. DGKJP/DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-018, Stand Text 23.02.2016. – Leitlinie; abgelaufen, in Überarbeitung
  3. DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Eintrag 028-018: „Gültig bis 04.04.2021“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft

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Begriffe aus diesem Beitrag

ADOS-2
Diagnostische Beobachtungsskala für Autismus: ein standardisiertes Verfahren zur Beobachtung, das gemeinsam mit dem ADI-R als internationaler Standard der Autismusdiagnostik gilt. Kein einzelner „Test“ für die Diagnose.
ADI-R
Diagnostisches Interview für Autismus: ein standardisiertes Interview mit Bezugspersonen, das gemeinsam mit dem ADOS-2 als internationaler Standard der Autismusdiagnostik gilt.
Screening
Schnelles, einfaches Verfahren, das auf ein erhöhtes Risiko für Autismus hinweist. Ein Screening ist nicht für eine Diagnose geeignet, sondern ein Hinweis auf eine weiterführende Abklärung.
CARS
Verhaltensbeobachtungsskala, mit der Merkmale von Autismus eingeschätzt werden. Sie ist laut Leitlinie von 2016 das älteste Instrument dieser Art und ab dem Alter von etwa zwei Jahren einsetzbar.

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