Kurz erklärt
Ein Cochrane-Review von 2022 mit 26 Studien (1.165 Teilnehmende) fand, dass Musiktherapie wahrscheinlich die Chance auf eine allgemeine Besserung erhöht, die Gesamtausprägung der Merkmale von Autismus senkt und die Lebensqualität leicht verbessert. Die Sicherheit der Belege wurde dafür als „mäßig“ eingestuft. [1] Für soziale Interaktion und Kommunikation fand er keinen klaren Unterschied bei geringer bis sehr geringer Sicherheit. [1] Andere Übersichtsarbeiten berichten größere Effekte, aber bei sehr uneinheitlichen Studien. [3] Musiktherapie ersetzt keine Diagnostik und keine Gesamtplanung der Förderung.
Was Musiktherapie ist
Musiktherapie nutzt Musikerfahrungen und die Beziehung, die dabei entsteht, um Verständigung und Ausdruck zu ermöglichen. Sie wird seit den 1950er-Jahren bei Autismus eingesetzt. Ihre Verfügbarkeit unterscheidet sich je nach Land und Einrichtung, und sie erfordert besondere akademische und klinische Ausbildung, damit Therapeut:innen sie auf die Person zuschneiden können. [1] Zwei Hauptformen kommen vor: erziehungsorientierte Musiktherapie und improvisierende Musiktherapie. [2]
Der Cochrane-Review von 2022
Geretsegger und Kolleg:innen werteten 26 Studien mit 1.165 Teilnehmenden aus (Dauer drei Tage bis acht Monate; Einzel- und Gruppensetting; 21 Studien mit Kindern von 2 bis 12 Jahren). Die Hälfte der Studien stammte aus Nordamerika oder Asien.
Unmittelbar nach der Behandlung zeigte sich im Vergleich zu einer Scheinbehandlung oder üblicher Versorgung häufiger eine allgemeine Besserung (Risikoverhältnis 1,22; 8 Studien, 583 Teilnehmende; mäßige Sicherheit der Belege). Rechnerisch muss man etwa 11 Personen behandeln, damit eine zusätzlich profitiert, in einer Gruppe mit höherem Ausgangsrisiko etwa 6. Die Lebensqualität war leicht besser (SMD 0,28; 3 Studien, 340 Teilnehmende), und es gab eine wahrscheinlich große Verringerung der Gesamtausprägung der Merkmale von Autismus (SMD −0,83; 9 Studien, 575 Teilnehmende).
Für soziale Interaktion, nonverbale und verbale Kommunikation fand er keinen klaren Unterschied; dort ist die Sicherheit der Belege gering oder sehr gering, die wahren Effekte können deutlich anders ausfallen. Zu unerwünschten Wirkungen gab es zwei Studien ohne auffällige Unterschiede. [1]
Die Autor:innen schlussfolgern, dass Musiktherapie wahrscheinlich die Chance auf Gesamtverbesserung erhöht, wahrscheinlich Gesamtausprägung und Lebensqualität verbessert und wahrscheinlich keine unerwünschten Wirkungen unmittelbar nach der Behandlung erhöht. Die Ergebnisse gelten für die untersuchten Altersgruppen; zu Erwachsenen lassen sich keine direkten Schlüsse ziehen. [1]
Andere Übersichtsarbeiten
Eine Metaanalyse mit 18 Studien und 1.457 Kindern (Shi und Kolleg:innen, 2024) fand deutlich bessere Werte bei Sprache und Verständigung (SMD −1,20) und sozialen Fähigkeiten (SMD −1,13) sowie bei Verhalten, Sinneswahrnehmung und Selbstversorgung. Die Unterschiede zwischen den Studien sind sehr groß (Heterogenität 80 bis 97 %), und die Studien unterscheiden sich in Musikauswahl, Dauer und Therapeutenkriterien. Die Autor:innen fordern sorgfältigere Studien. [3]
Mayer-Benarous und Kolleg:innen (2021) überprüften 39 Studien bei Kindern mit Entwicklungsstörungen.
Erziehungsorientierte Musiktherapie wirkte in den meisten kontrollierten Studien (6 von 7) positiv, vor allem auf die Lautsprache; improvisierende Musiktherapie in den meisten (6 von 8), vor allem auf soziales Funktionieren. Kinder mit Autismus und intellektueller Beeinträchtigung sprachen besser an. Die meisten Studien waren klein und oft ohne Zufallszuteilung. [2]
Warum die Ergebnisse auseinandergehen
Die Auswertungen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen: Der Cochrane-Review findet für soziale Interaktion und Kommunikation keinen klaren Effekt, die Metaanalyse von 2024 findet große Effekte. [1] [3] Mögliche Gründe sind die Auswahl der Studien, die Messgrößen und die Bewertung der Sicherheit der Belege; das ist eine Einordnung der Redaktion, die gelesenen Zusammenfassungen erklären die Abweichung nicht. Für Familien heißt es: Vorsicht bei Versprechen, Musiktherapie „verbessere Sprache oder soziales Verhalten“.
Was du daraus mitnehmen kannst
Musiktherapie kann ein ergänzendes Angebot sein, besonders wenn ein Kind Musik mag und über Musik leichter in Kontakt kommt; sie ersetzt aber keine Diagnostik und keine Gesamtplanung. Wichtig sind eine qualifizierte Ausbildung der Therapeut:innen und klare Ziele, an denen sich der Nutzen messen lässt. Einordnung der Angebote: Welche Unterstützung hilft? Überblick und Einordnung und Evidenzlage zu Therapien im Überblick.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Was wir wissen: Für Kinder von 2 bis 12 Jahren gibt es mäßig sichere Hinweise auf eine allgemeine Besserung, geringere Ausprägung und leicht bessere Lebensqualität; unerwünschte Wirkungen wurden kaum beobachtet. [1]
Offen:
- Für soziale Interaktion und Kommunikation ist die Belegslage unsicher und widersprüchlich. [1] [3]
- Langzeitwirkung und Erwachsene: kaum untersucht. [1]
- Welche Form (erziehungsorientiert oder improvisierend) für wen passt, ist offen; die Studien sind uneinheitlich. [2] [3]
- Unerwünschte Wirkungen wurden nur in zwei Studien erfasst. [1]
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Quellen und Literatur
- Geretsegger M, Fusar-Poli L, Elefant C, Mössler KA, Vitale G, Gold C: Music therapy for autistic people. Cochrane Database of Systematic Reviews 2022;(5):CD004381. https://doi.org/10.1002/14651858.CD004381.pub4 (online 09.05.2022) – Cochrane-Review (26 Studien, 1.165 Personen)
- Mayer-Benarous H, Benarous X, Vonthron F, Cohen D: Music Therapy for Children With Autistic Spectrum Disorder and/or Other Neurodevelopmental Disorders: A Systematic Review. Frontiers in Psychiatry 2021;12:643234. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2021.643234 (frei lesbar, CC BY; online 09.04.2021) – Systematischer Review (39 Studien)
- Shi Z, Wang S, Chen M, Hu A, Long Q, Lee Y: The effect of music therapy on language communication and social skills in children with autism spectrum disorder: a systematic review and meta-analysis. Frontiers in Psychology 2024;15:1336421. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2024.1336421 (frei lesbar, CC BY; online 07.05.2024) – Systematischer Review mit Metaanalyse (18 Studien, 1.457 Kinder)
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