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Wissenschaft & Forschung

Evidenzlage zu Therapien im Überblick

Für wen? Für Fachkräfte, Eltern und Menschen im Autismus-Spektrum, die verstehen möchten, wie gut Therapien untersucht sind.

Kurz erklärt

„Die“ Autismus-Therapie gibt es nicht. Die Leitlinie von 2021 bewertete Verfahren getrennt nach Ziel (zum Beispiel soziale Interaktion, Sprache, repetitives Verhalten) und nach Alter. Für die Förderung sozialer Interaktion und Kommunikation war die Evidenz am besten für verhaltenstherapeutisch basierte, manualisierte Verfahren: bei Vorschulkindern früh beginnend, mit Elternanleitung; bei Schulkindern, Jugendlichen und Erwachsenen ohne Intelligenzminderung als befristete Gruppentherapie. [1, Empf. 10, 14, 17] Viele andere Angebote waren für diese Ziele nicht oder nicht ausreichend wirksam, oder die Studienlage reichte nicht aus. [1, Empf. 12, 22] Nicht ausreichend belegt heißt nicht „nachweislich wirkungslos“ und umgekehrt.

Stand der Leitlinie: Dieser Beitrag stützt sich wesentlich auf die S3-Leitlinie Therapie (2021). Ihre Gültigkeit ist laut Übersicht der DGKJP am 23.03.2026 abgelaufen. [2] Neuere Studien sind darin nicht berücksichtigt. Die wiedergegebenen Befunde sind nicht automatisch falsch, aber nicht durch eine gültige Leitlinie gedeckt.

Wie die Leitlinie Evidenz einordnete

Die Leitlinie unterschied evidenzbasierte Empfehlungen (Studienlage; Grade A „soll“, B „sollte“, 0 „kann“) und konsensbasierte Empfehlungen (Expertenkonsens, „KKP“), wenn keine ausreichende Studienlage vorlag. [1, Kap. C.1] Mehr zum Lesen von Studien: Wie gut ist eine Studie? und zur Leitlinie selbst: Die S3-Leitlinien zu Autismus.

Was für soziale Interaktion und Kommunikation untersucht war

Alter / GruppeBefund laut Leitlinie von 2021Grundlage
VorschulkinderFrüh beginnende, individualisierte, verhaltenstherapeutisch basierte Therapie nach Manual mit Elternanleitung; Dauer mindestens ein Jahr, mindestens 2 Std./Woche (Grad A, Evidenzlevel 2 bis 3)[1, Empf. 10]
Schulkinder und Jugendliche ohne IntelligenzminderungBefristete (3–6 Monate), manualisierte Gruppentherapie (Grad A, Evidenzlevel 1 bis 2); kleine bis mittlere Verbesserungen sozialer Kompetenzen, nach 3 Monaten stabil[1, Empf. 14, Kap. C.4.2.2]
Erwachsene ohne IntelligenzminderungBefristete Gruppentherapie (Grad A, Evidenzlevel 2); drei kleine Studien[1, Empf. 17]
Menschen mit IntelligenzminderungKaum geprüfte Verfahren; konsensbasierte Empfehlungen[1, Empf. 13, 16, Kap. C.4.2.3]

Zu frühen, sehr intensiven Programmen berichtete die Leitlinie: Die intensive Frühintervention EIBI (Cochrane-Übersicht, alle Studien mit hohem Verzerrungsrisiko) zeigte keinen Effekt auf soziale Interaktion und Kommunikation, wohl aber auf Sprache und (unverblindet erhobenes) adaptives Verhalten; die Verbesserung des Intelligenzquotienten war in Nachuntersuchungen nicht stabil. Beim Early Start Denver Model verbesserten sich in einer Studie IQ und Sprache nach zwei Jahren, nicht aber die Autismus-Symptomatik. [1, Kap. C.4.2.2] Die Empfehlung 10 benennt kein bestimmtes Programm, sondern Merkmale wie Setting, Dauer und Inhalte. [1, Empf. 10]

Was ausdrücklich nicht eingesetzt werden sollte

Für das Ziel „soziale Interaktion und Kommunikation“ sollten nach Empfehlung 12 (Grad A, Evidenzlevel 2 bis 3; Altersgruppe Kleinkind bis Grundschule) unter anderem nicht eingesetzt werden: ein bestimmtes Elterntraining-Gruppenprogramm (Hanen), reine Elterntrainings ohne Einbezug des Kindes, reine Strukturierungsmaßnahmen ohne gezieltes Training, Musiktherapie, isoliertes Computertraining, auditorische und sensorische Integrationstherapie nach Ayres, tiergestützte Therapien, gestützte Kommunikation und eklektische Ansätze. [1, Empf. 12] Das gilt für dieses Ziel und diese Altersgruppe, nicht pauschal. Sondervotum: Die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft sprach sich dafür aus, die Negativempfehlung zur Musiktherapie zu streichen. [1, Empf. 12] Weitere Verfahren (Nahrungsergänzung, Diäten, Ausleitungs- und Immuntherapien) sollen für dieses Ziel nicht eingesetzt werden. [1, Empf. 22] Mehr: Umstrittene und unseriöse Angebote erkennen.

Medikamente

Für soziale Interaktion und Kommunikation gab es laut Leitlinie keine Medikamente mit belastbarer Wirkung; sie sollten für dieses Ziel nicht eingesetzt werden. [1, Empf. 20] Medikamente können aber bei begleitenden Störungen (etwa ADHS, Angst, Depression) eine Rolle spielen. [1, Empf. 21] Mehr: Medikamente bei Autismus.

Was wissen wir – was ist noch offen?

Evidenzbasierte Befunde (Leitlinie von 2021, abgelaufen)

  • Befristete, manualisierte Gruppentherapie für Schulkinder, Jugendliche und Erwachsene ohne Intelligenzminderung: kleine bis mittlere Effekte auf soziale Kompetenzen. [1, Empf. 14, 17]
  • Früh beginnende, verhaltenstherapeutisch basierte Therapie mit Elternanleitung im Vorschulalter (Evidenzlevel 2). [1, Empf. 10]

Konsensbasiert

  • Therapie bei Intelligenzminderung, Dauer und Ausgestaltung im Vorschulalter, Einzeltherapie als Alternative. [1, Empf. 11, 13, 15, 16, 19]

Offen

  • Replikation vieler Ergebnisse; viele Studien waren klein und nicht verblindet. [1, Kap. C.4.2.2]
  • Die in Studien untersuchten Verfahren waren in Deutschland 2021 „relativ wenig bekannt“ und kaum verfügbar; wenige deutschsprachige Manuale waren in kontrollierten Studien geprüft. [1, Kap. C.4.2.3]
  • Sondervoten von Fachverbänden (unter anderem Verhaltenstherapie-Verbände und Autismus Deutschland e. V.) zu Gruppenformaten: Gruppen hätten „einen gewissen Zusatznutzen“ und sollten möglichst neben Einzeltherapie und Elternberatung stehen. Die Begründungen stehen im Leitlinienreport, den die Redaktion nicht gelesen hat. [1, Empf. 14]
  • Perspektiven von Menschen im Spektrum zu Zielen und Nutzen von Therapie sind in den gelesenen Studienteilen nur am Rande vertreten. [1, Empf. 4, 27]

Was du sonst noch wissen solltest

  • Ziele klären: Jede Therapie soll nach der Leitlinie mit klar definierten, konkreten Zielen für einen befristeten Zeitraum geplant werden. [1, Empf. 1] Mehr: Welche Unterstützung hilft?.
  • Erfolg misst sich auch an Lebenszufriedenheit, nicht nur an Kernmerkmalen. [1, Empf. 4]
  • Nicht dargestellt: Studien seit 2021 und Therapien, die die Leitlinie nicht behandelte.

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Quellen und Literatur

  1. DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 2: Therapie. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-047, Stand Text 02.05.2021 (Empf. 1, 4, 10–17, 20–22, 27; Kap. C.1, C.4). – Leitlinie; abgelaufen am 23.03.2026 (siehe Nr. 2)
  2. DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Eintrag 028-047: „Gültig bis 23.03.2026“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft

Begriffe aus diesem Beitrag

Oxytocin
Wirkstoff, der in Studien als Nasenspray zur Verbesserung sozialer Fertigkeiten bei Autismus untersucht wurde. Die Leitlinie von 2021 konnte ihn wegen uneinheitlicher Ergebnisse nicht empfehlen.

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