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Erwachsene im Spektrum

Frauen und Autismus: Warum die Diagnose oft später kommt

Für wen? Für Mädchen, Frauen und alle, die sich fragen, warum Autismus bei Frauen oft später erkannt wird. Auch für Angehörige und Fachkräfte, die Diagnosezahlen einordnen möchten.

Kurz erklärt

In der Kindheit erhalten deutlich mehr Jungen als Mädchen eine Autismusdiagnose. Eine große schwedische Studie mit 2.756.779 Menschen fand: Mit steigendem Alter bei der Diagnose nähert sich das Verhältnis männlicher zu weiblicher Diagnosen an; bis zum Alter von 20 Jahren lag es 2022 bei etwa 1,2. [1] Das spricht dafür, dass viele Mädchen und Frauen nicht seltener, sondern später diagnostiziert werden. Warum das so ist, hat die Studie nicht geprüft; die Autor:innen diskutieren mögliche Erklärungen. Die Forschung dazu ist noch jung.

Was die Studie gefunden hat

Ein Forschungsteam hat die Daten aller zwischen 1985 und 2020 in Schweden lebend geborenen Kinder (2.756.779) mit den Diagnosen im Gesundheitsregister verknüpft und bis 2022 verfolgt. Bei 78.522 (2,8 Prozent) wurde bis dahin eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert. [1] Männliche Personen hatten in der Kindheit häufiger eine Diagnose. Die Diagnoserate war 2020 bis 2022 bei männlichen Personen im Alter von 10 bis 14 Jahren am höchsten (645,5 pro 100.000 Personenjahre), bei weiblichen im Alter von 15 bis 19 Jahren (602,6). [1] Das Verhältnis männlicher zu weiblicher Diagnosen sank mit steigendem Alter bei der Diagnose und, für Personen über 10 Jahre, im Lauf der Kalenderjahre. Die Autor:innen schließen daraus, dass es sich in Schweden im Erwachsenenalter möglicherweise nicht mehr unterscheidet. [1] Einordnung in unserer Meldung: Mädchen und Frauen: Warum das Geschlechterverhältnis bei Autismus mit dem Alter sinkt.

Welche Erklärungen diskutiert werden

Die Autor:innen nennen mehrere mögliche Gründe, ohne sie in der Studie zu prüfen:

  • Unterschiede darin, wie sich Merkmale zeigen und wie Diagnosekriterien angewandt werden
  • Masking (Camouflaging), durch das Merkmale erst in der Jugend sichtbar werden könnten, wenn soziale Anforderungen komplexer werden
  • frühere andere psychiatrische Diagnosen bei Frauen vor der Autismusdiagnose („diagnostische Überlagerung“)
  • eine häufigere Inanspruchnahme allgemeiner Gesundheitsdienste durch Frauen. [1]

Mit Masking sind Strategien gemeint, mit denen Menschen im Autismus-Spektrum sich an eine überwiegend von Menschen ohne Autismus geprägte Umgebung anpassen, etwa bewusst Blickkontakt herzustellen oder Gesprächsthemen vorzubereiten. [2] Mehr dazu: Masking: Wenn Anpassung erschöpft.

Was Erwachsene über Anpassung berichten

Wie sich Autismus bei Frauen zeigt, lässt sich aus dieser Studie nicht ablesen. Einen Einblick in Anpassungsstrategien gibt eine qualitative Befragung von 92 Erwachsenen mit Autismus-Diagnose (55 Frauen, 30 Männer, 7 Personen anderen Geschlechts). Die meisten beschrieben, dass sie ihre Merkmale in sozialen Situationen verbergen oder ausgleichen. Genannt wurden zum Beispiel: sichtbares Stimming unterdrücken, eine Rolle spielen oder sozial erfolgreiche Menschen nachahmen (Masking) sowie Blickkontakt bewusst herstellen, Gespräche vorab planen und Fragen stellen, um wenig über sich selbst zu sagen (Kompensation). Häufigste Folge war Erschöpfung. Einige berichteten auch, dass ihre Diagnose dadurch verzögert oder angezweifelt wurde. [2]

Die Autor:innen betonen, dass Camouflaging kein ausschließlich weibliches Phänomen sei; sie fanden keine einheitlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, und ob es die Diagnoselücke erklärt, haben sie nicht geprüft. [2] Es ist eine kleine Befragung von Menschen, die sich zur Teilnahme gemeldet haben, und sie wurde nicht für Deutschland erhoben.

Was wissen wir – was ist noch offen?

  • Gut belegt für Schweden: Das Verhältnis männlicher zu weiblicher Diagnosen sinkt mit dem Alter bei der Diagnose. [1]
  • Offen: Warum das so ist. Die genannten Erklärungen sind Hypothesen der Autor:innen und wurden in dieser Studie nicht getestet. [1]
  • Grenzen der Studie: Registerdaten erlauben nur die Einteilung nach ICD-10-Kategorien, Begleiterkrankungen wurden nicht berücksichtigt, und weil ambulante Daten vor 2001 fehlten, wurden Diagnosen in früheren Geburtsjahrgängen später erfasst. Die Studie zählt Diagnosen, nicht das tatsächliche Vorkommen, und betrachtet das Verhältnis männlicher zu weiblicher Diagnosen. [1]
  • Übertragbarkeit: Die Daten stammen aus Schweden. Ob die Ergebnisse für Deutschland gelten, ist nicht geprüft.

Was das für dich bedeuten kann

Wenn du dich als Mädchen oder Frau in Beschreibungen von Autismus wiedererkennst, kann eine Abklärung auch im Erwachsenenalter sinnvoll sein: Diagnostik im Erwachsenenalter. Wo du Austausch und Beratung findest, steht im Verzeichnis der Anlaufstellen und im Einstieg Ich vermute Autismus bei mir selbst. Dieser Beitrag stellt keine Diagnose und ersetzt keine fachliche Untersuchung.

Häufige Fragen

Warum wird Autismus bei Frauen oft später erkannt? In einer großen schwedischen Registerstudie sank das Verhältnis männlicher zu weiblicher Diagnosen mit dem Alter bei der Diagnose. Mögliche Gründe nennen die Autor:innen, geprüft haben sie sie nicht: unterschiedliche Erscheinungsformen und Kriterienanwendung, Masking, frühere andere psychiatrische Diagnosen und häufigere Nutzung von Gesundheitsdiensten. [1]

Gibt es Autismus-Anzeichen, die nur Frauen betreffen? Dazu haben wir keine belastbare Aussage gelesen. In der oben genannten Befragung berichteten Frauen, Männer und Personen anderen Geschlechts ähnlich häufig, sich anzupassen. [2] Anzeichen bei Erwachsenen allgemein: Autismus bei Erwachsenen: Symptome und Hinweise.

Kann eine Autismusdiagnose bei Frauen auch im Erwachsenenalter gestellt werden? Ja, eine Abklärung im Erwachsenenalter ist möglich: Diagnostik im Erwachsenenalter.

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Quellen und Literatur

  1. Fyfe C, Winell H, Dougherty J, Gutmann DH, Kolevzon A, Marrus N, Tedroff K, Turner TN, Weiss LA, Yip BHK, Yin W, Sandin S: Time trends in the male to female ratio for autism incidence: population based, prospectively collected, birth cohort study. BMJ 2026;392. https://doi.org/10.1136/bmj-2025-084164 – Beobachtungsstudie
  2. Hull L, Petrides KV, Allison C, Smith P, Baron-Cohen S, Lai M-C, Mandy W: “Putting on my best normal”: Social camouflaging in adults with autism spectrum conditions. Journal of Autism and Developmental Disorders 2017;47(8):2519–2534. https://doi.org/10.1007/s10803-017-3166-5 – Qualitative Studie

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