Kurz erklärt
Mädchen und Jugendliche mit Autismus fallen in der Schule oft weniger auf, auch weil viele sich stark anpassen („Camouflaging“). Eine Übersichtsarbeit mit 17 Studien fand Barrieren in vier Bereichen: gesellschaftliche Rollenbilder, Schule als Ort und Organisation, soziale und kommunikative Erwartungen und Stigmatisierung. [4] In einer Studie mit 31 Schülerinnen passten sie sich am meisten im Regelunterricht an und gegenüber Lehrkräften sowie unbekannten Mitschüler:innen, am wenigsten zu Hause und bei Freund:innen, die ebenfalls anders denken. [3] Die Studien sind klein und beschreiben Gruppen; sie zeigen kein einheitliches „Mädchenbild“.
Warum Mädchen später auffallen können
Eine Metaanalyse von 67 Studien fand, dass männliche Personen im Autismus-Spektrum auf üblichen klinischen Messverfahren im Schnitt stärkere Merkmale und mehr Schwierigkeiten bei der sozialen Interaktion zeigten, weibliche dagegen mehr Schwierigkeiten bei Denken und Verhalten. In einer zweiten Metaanalyse mit zehn Studien nutzten Mädchen und Frauen mehr Ausgleichs- und Verbergensstrategien. Die Autor:innen sehen darin eine Verzerrung der klinischen Verfahren in Richtung männlicher Merkmale und plädieren dafür, ein „weibliches“ Erscheinungsbild einschließlich Camouflaging in der Diagnostik zu berücksichtigen. [1] Mehr dazu: Frauen und Autismus und Autismus und Geschlecht in der Forschung.
Was Mädchen in der Schule erleben
Urbaniak und D’Amico fassten 17 Studien (2013 bis März 2023) zusammen, in denen Mädchen mit Autismus und Frauen im Rückblick ihre Schulzeit beschrieben. Die Barrieren bündelten sich in vier Themen: gesellschaftliche Hürden, die in Geschlechterrollen gründen; Hürden durch Schulorganisation und Räume; soziale und kommunikative Erwartungen; Stigmatisierung. Häufig genannt sind seelische Belastung, nicht erfüllte soziale und schulische Bedürfnisse und Ausgrenzung. Die Autor:innen fordern, Lehrkräfte, Hilfspersonal, Schulpsycholog:innen und Mitschüler:innen aufzuklären, auch über die Folgen übersehener Diagnosen. Die Studien stammen aus fünf Industrieländern, sind englischsprachig, und weibliche Perspektiven sind unterrepräsentiert. [4]
Anpassung im Klassenzimmer
Goscicki und Kolleg:innen befragten 31 Jugendliche mit Autismus aus Regelklassen mit Fragebögen und Interviews. Sie berichteten, am häufigsten im Regelunterricht und mit Lehrkräften und Mitschüler:innen, die sie nicht gut kannten, ihr Autismus zu verbergen; am seltensten zu Hause und mit Freund:innen, die ebenfalls anders denken. Je später die Diagnose gestellt wurde, desto mehr Anpassung und desto höhere Kosten gaben sie an. In den Interviews zeigten sich vier Themen: Identität, negative Erfahrungen mit Gleichaltrigen, negative Folgen des Verbergens und der Wert von Freund:innen, die ähnlich denken. Die Autor:innen schließen, dass sich die Mädchen trotz Teilnahme am Regelunterricht nicht sozial eingeschlossen fühlen, und fordern, dass Schulen Neurodiversität normalisieren, Selbstvertretung fördern und Mitschüler:innen als Verbündete gewinnen. Die Gruppe war klein und überwiegend weiß, mittelschichtig und mit gut ausgebildeten Eltern. [3]
Gemeinsame Zeit ist nicht automatisch weniger Einsamkeit
Dean und Kolleg:innen werteten Daten von 58 Schüler:innen (29 Mädchen, 29 Jungen, 6 bis 18 Jahre) aus zwei Studien aus. Mit Gruppen gemeinsam beschäftigt zu sein ging bei Grundschülerinnen und älteren Jungen mit mehr berichteter Einsamkeit einher als allein oder neben Gleichaltrigen zu sein. Die Autor:innen deuten das so, dass die Anstrengung, sich anzupassen, nicht zu dauerhafter Zugehörigkeit führt. Grundschülerinnen kamen eher in Gruppen hinein, hielten das aber schwer durch; ältere Mädchen waren eher allein. Die Autor:innen warnen, dass frühe Gruppenteilnahme bei Mädchen soziale Schwierigkeiten verdecken kann. Die Studie ist klein und eine Momentaufnahme. [2]
Was Schulen und Eltern daraus ableiten können
Aus den Studien folgt als Richtung: Wissen über Erscheinungsbilder bei Mädchen in Kollegium und Schulpsychologie aufbauen; Neurodiversität im Klassenalltag sichtbar machen; Selbstvertretung stärken; Räume für Austausch mit ähnlich denkenden Gleichaltrigen schaffen; soziale Angebote an Alter und Geschlecht anpassen. [4] [3] [2] Als Redaktionshinweis (kein Studienbefund): Wenn ein Mädchen zu Hause erschöpft oder gereizt ist, in der Schule aber „unauffällig“, lohnt ein offenes Gespräch mit der Schule; Anpassungen lassen sich über den Nachteilsausgleich klären. Weiterführend: Nachteilsausgleich in der Schule, Schulvermeidung und Schulabsentismus bei Autismus, Mobbing und soziale Situationen in der Schule und Schüler:innen mit Autismus im Unterricht.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Was wir wissen: Mädchen und Jugendliche mit Autismus berichten über Barrieren in der Schule und viel Anpassung, die Kraft kostet; Diagnosen kommen bei ihnen oft später. [4] [3] [1]
Offen:
- Wie stark Camouflaging die Lernergebnisse und die psychische Gesundheit beeinflusst; die Studien sind klein und überwiegend Momentaufnahmen. [3] [2]
- Welche schulischen Maßnahmen wirken: Es gibt kaum Interventionsstudien. [4]
- Erfahrungen von Mädchen aus verschiedenen Herkunftsgruppen, mit höherem Unterstützungsbedarf und von nichtbinären Jugendlichen sind kaum erfasst. [4] [3] [1]
- Die Ergebnisse stammen überwiegend aus englischsprachigen Ländern; Deutschland wurde nicht untersucht.
Häufige Fragen
Warum fallen Mädchen mit Autismus in der Schule oft spät auf? Viele passen sich stark an („Camouflaging“). Eine Metaanalyse fand, dass Mädchen und Frauen mehr Ausgleichs- und Verbergensstrategien nutzen; die Autor:innen sehen die klinischen Verfahren in Richtung männlicher Merkmale verzerrt. [1]
Welche Barrieren erleben Mädchen mit Autismus in der Schule? Eine Übersichtsarbeit mit 17 Studien fand Barrieren in vier Bereichen: gesellschaftliche Rollenbilder, Schule als Ort und Organisation, soziale und kommunikative Erwartungen sowie Stigmatisierung. [4]
Wo passen sich Mädchen am meisten an? In einer Studie mit 31 Jugendlichen am häufigsten im Regelunterricht und gegenüber Lehrkräften und unbekannten Mitschüler:innen; am seltensten zu Hause und bei Freund:innen, die ebenfalls anders denken. [3]
Was können Schulen und Eltern tun? Die Studien nennen als Richtung: Wissen im Kollegium aufbauen, Neurodiversität sichtbar machen, Selbstvertretung stärken und Austausch mit ähnlich denkenden Gleichaltrigen ermöglichen. [4; 3] Anpassungen lassen sich über den Nachteilsausgleich klären: Nachteilsausgleich in der Schule.
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Quellen und Literatur
- Cruz S, Zubizarreta SCP, Costa AD, Araújo R, Martinho J, Tubío-Fungueiriño M, Sampaio A, Cruz R, Carracedo A, Fernández-Prieto M: Is There a Bias Towards Males in the Diagnosis of Autism? A Systematic Review and Meta-Analysis. Neuropsychology Review 2024;35(1):153-176. https://doi.org/10.1007/s11065-023-09630-2 (frei lesbar, CC BY) – Systematischer Review mit Metaanalysen (67 und 10 Studien)
- Dean M, Chang YC, Shih W, Orlich F, Kasari C: Social engagement and loneliness in school-age autistic girls and boys. Women’s Health 2023;19:17455057231170973. https://doi.org/10.1177/17455057231170973 (frei lesbar, CC BY-NC) – Auswertung zweier randomisierter Studien (58 Schüler:innen)
- Goscicki BL, Scoggins ME, Espinosa GH, Hodapp RM: A “Round, Bruising Sort of Pain”: Autistic Girls’ Social Camouflaging in Inclusive High School Settings. Journal of Autism and Developmental Disorders 2025;56(6):2282-2295. https://doi.org/10.1007/s10803-024-06716-5 (frei lesbar, CC BY; online 10.01.2025) – Interview- und Fragebogenstudie (31 Mädchen)
- Urbaniak K, D’Amico M: Disability barriers autistic girls face in secondary education: A systematic review. Autism 2024;29(4):1019-1033. https://doi.org/10.1177/13623613241294189 (frei lesbar, CC BY) – Systematischer Review (17 Artikel)
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