Feste Abläufe geben Sicherheit, doch die Umsetzung scheitert immer wieder an Ablenkung und innerer Unruhe. Manche Menschen mit Autismus erleben genau diesen Widerspruch im Alltag. Dahinter kann zusätzlich eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, stehen. Wie schwierig die Unterscheidung beider Diagnosen sein kann, zeigt eine im September 2026 veröffentlichte Studie mit 164 Erwachsenen.
Die Untersuchung liefert neue Hinweise darauf, welche Merkmale bei Autismus, ADHS und einer Doppeldiagnose unterschiedlich ausgeprägt sein können. Gleichzeitig zeigt sie, dass selbst die Kombination verschiedener Tests keine verlässliche Abkürzung zur Diagnose bietet. Für Betroffene ist das besonders relevant, weil eine bislang übersehene ADHS die Auswahl geeigneter Unterstützung beeinflussen kann.
Autismus und ADHS können gleichzeitig vorliegen
Autismus und ADHS sind unterschiedliche neurologische Entwicklungsbedingungen, die sich in bestimmten Bereichen überschneiden können. Beide beginnen in der Entwicklung und können Menschen bis ins Erwachsenenalter begleiten. Dabei kommen nicht nur ähnliche Merkmale vor, sondern auch eigenständige Besonderheiten.
Menschen mit Autismus können beispielsweise von vorhersehbaren Abläufen profitieren und Schwierigkeiten bei sozialen Erwartungen oder der sensorischen Verarbeitung erleben. Bei ADHS stehen anhaltende Probleme mit Aufmerksamkeit, Impulsivität und gegebenenfalls Hyperaktivität im Mittelpunkt. Diese Merkmale können gleichzeitig auftreten, müssen es aber nicht.
Seit der Veröffentlichung des DSM-5 im Jahr 2013 können beide Diagnosen nach diesem Klassifikationssystem ausdrücklich gemeinsam gestellt werden. Zuvor waren die diagnostischen Vorgaben restriktiver. Auch die deutsche S3-Leitlinie zur Autismustherapie berücksichtigt das gleichzeitige Vorliegen von Autismus und ADHS.
Neue Studie untersucht 164 Erwachsene
Ein Forschungsteam der Universität Athen untersuchte 164 Erwachsene zwischen 18 und 62 Jahren. Davon hatten 66 eine ADHS-Diagnose, 48 eine Autismusdiagnose und 50 beide Diagnosen. Die Forschenden analysierten Fragebögen zu autistischen Merkmalen und ADHS-Symptomen sowie Ergebnisse kognitiver Tests.
Besonders interessant waren Unterschiede beim Arbeitsgedächtnis, bei der emotionalen Regulation und bei den selbst berichteten Merkmalen. Aus diesen Informationen entwickelten die Forschenden ein statistisches Modell, das die drei diagnostischen Gruppen unterscheiden sollte.
In der ursprünglichen Stichprobe gelang die Zuordnung in 65,2 Prozent der Fälle. Bei einer internen Kreuzvalidierung waren es nur noch 61,6 Prozent. Damit eignet sich das Verfahren nach Einschätzung des Forschungsteams noch nicht für den eigenständigen klinischen Einsatz.
Die Ergebnisse zeigen vielmehr, wie unterschiedlich Menschen mit Autismus und ADHS sein können. Einzelne Fragebögen oder kognitive Testergebnisse reichen nicht aus, um zuverlässig zwischen Autismus, ADHS und einer Doppeldiagnose zu unterscheiden.
Wie häufig ist die Doppeldiagnose Autismus und ADHS?
Dass beide Diagnosen gemeinsam vorkommen, bestätigt eine große amerikanische Studie aus dem Jahr 2025. Forschende werteten Versicherungsdaten von mehr als 3,5 Millionen Erwachsenen aus. Unter den erfassten Menschen mit Autismus hatten insgesamt 33,2 Prozent zusätzlich eine dokumentierte ADHS-Diagnose.
Die Ergebnisse unterschieden sich nach weiteren Diagnosen. Unter den Erwachsenen mit Autismus ohne dokumentierte intellektuelle Beeinträchtigung lag der Anteil mit zusätzlicher ADHS bei 26,7 Prozent. Bei Erwachsenen mit Autismus und intellektueller Beeinträchtigung waren es 40,2 Prozent.
Diese Zahlen gelten nicht automatisch für alle Menschen mit Autismus. Untersucht wurden Versicherte des amerikanischen Medicaid-Programms. Diese Gruppe unterscheidet sich in verschiedenen Merkmalen von der Gesamtbevölkerung. Auch möglicherweise fehlende Diagnosen können die Ergebnisse beeinflussen.
Die Untersuchung zeigt dennoch, dass Fachkräfte bei einer bestehenden Autismusdiagnose auch mögliche ADHS-Merkmale berücksichtigen sollten.
Wenn das Bedürfnis nach Struktur auf Schwierigkeiten bei der Planung trifft
Eine Doppeldiagnose kann im Alltag mit besonderen Herausforderungen verbunden sein. So kann eine Person feste Routinen als entlastend erleben und gleichzeitig große Schwierigkeiten haben, diese selbstständig zu organisieren. Wiederkehrende Aufgaben werden dann vielleicht geplant, aber nicht begonnen oder zu Ende geführt.
Auch bei Interessen können unterschiedliche Bedürfnisse zusammenkommen. Manche Menschen beschäftigen sich intensiv mit einem bestimmten Thema, verlieren aber bei weniger interessanten Aufgaben schnell die Aufmerksamkeit. Andere haben viele wechselnde Interessen und wünschen sich gleichzeitig verlässliche Gewohnheiten.
Diese scheinbaren Gegensätze sind keine eigenständigen Diagnosekriterien. Sie können jedoch erklären, weshalb sich manche Menschen weder in typischen Autismusbeschreibungen noch in klassischen Darstellungen von ADHS vollständig wiederfinden.
Reizüberflutung und innere Unruhe können sich verstärken
Geräusche, Licht und ungewohnte Situationen können für manche Menschen mit Autismus belastend sein. Kommen Schwierigkeiten bei der Aufmerksamkeitssteuerung hinzu, kann es besonders anstrengend werden, wichtige Informationen von unwichtigen Eindrücken zu unterscheiden.
Ein voller Arbeitstag mit Gesprächen, Unterbrechungen und unerwarteten Aufgaben kann dadurch viel Kraft kosten. Manche Betroffene berichten auch von einer großen Diskrepanz zwischen ihrer Leistungsfähigkeit in interessanten Tätigkeiten und Schwierigkeiten bei alltäglichen Aufgaben.
Allerdings bedeutet eine ausgeprägte Reizempfindlichkeit nicht automatisch, dass neben Autismus auch ADHS vorliegt. Sensorische Besonderheiten können bei beiden Diagnosen vorkommen. Weitere Informationen dazu bietet unser Wissensartikel über Reizüberflutung bei Autismus.
Warum eine der beiden Diagnosen lange unerkannt bleiben kann
Bei manchen Menschen wird zunächst ADHS festgestellt, weil Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit oder innere Unruhe besonders auffallen. Unterschiede in der sozialen Kommunikation oder ein hoher Bedarf an Vorhersehbarkeit werden möglicherweise erst später genauer untersucht.
Bei anderen steht eine Autismusdiagnose im Vordergrund. Schwierigkeiten mit Organisation, Zeitmanagement und Impulsivität werden dann womöglich ausschließlich dem Autismus zugeschrieben. Eine zusätzliche ADHS bleibt dadurch möglicherweise unentdeckt.
Hinzu kommt, dass Erwachsene über viele Jahre Strategien entwickeln können, um ihre Schwierigkeiten nach außen zu verbergen. Besonders bei guter schulischer oder beruflicher Leistung wird der tatsächliche Aufwand dahinter manchmal unterschätzt.
Die Doppeldiagnose sollte deshalb nicht anhand einzelner auffälliger Verhaltensweisen vermutet werden. Entscheidend ist, ob die diagnostischen Kriterien beider Bedingungen erfüllt sind und sich die jeweiligen Merkmale nicht besser durch andere Ursachen erklären lassen.
Wie eine fachliche Doppeldiagnostik abläuft
Wer bereits eine der beiden Diagnosen hat und zusätzlich die andere vermutet, kann sich an eine entsprechend qualifizierte Fachstelle wenden. Wichtig ist eine Untersuchung, die sich nicht nur mit aktuellen Beschwerden beschäftigt, sondern auch die Entwicklung seit der Kindheit berücksichtigt.
Zur Abklärung gehören in der Regel ausführliche Gespräche über den Alltag, die bisherige Entwicklung und mögliche Belastungen in verschiedenen Lebensbereichen. Fragebögen und Informationen von Bezugspersonen können ergänzend hilfreich sein. Auch Schlafprobleme, Angststörungen, Depressionen oder andere mögliche Erklärungen müssen berücksichtigt werden.
Eine einzelne Testauswertung ist nicht ausreichend. Die neue Studie aus Athen unterstreicht, dass selbst die Kombination mehrerer Verfahren die klinische Gesamtbeurteilung nicht ersetzen kann.
Informationen über den Ablauf findest du in unserem Beitrag zur Autismusdiagnostik bei Erwachsenen. Hilfreich kann auch die Vorbereitung auf diagnostische Gespräche sein.
Was eine Doppeldiagnose für die Behandlung bedeutet
Eine zusätzliche ADHS-Diagnose kann neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen. Dazu gehören eine gezielte Unterstützung bei Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Planung und Impulsivität sowie unter bestimmten Voraussetzungen eine medikamentöse Behandlung der ADHS.
Die britische NICE-Leitlinie empfiehlt grundsätzlich dieselben medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit ADHS und zusätzlichem Autismus wie für andere Menschen mit ADHS. Die Auswahl muss jedoch individuell erfolgen. Vor einer Behandlung sind mögliche Risiken und Begleiterkrankungen zu berücksichtigen.
Medikamente gegen ADHS behandeln nicht den Autismus selbst. Sie können unter Umständen bestimmte ADHS-Symptome lindern. Welche Wirkung und Nebenwirkungen auftreten, ist individuell unterschiedlich und muss ärztlich begleitet werden.
Auch psychotherapeutische Angebote, alltagspraktische Unterstützung und Anpassungen in Schule oder Beruf können sinnvoll sein. Welche Maßnahmen geeignet sind, hängt davon ab, welche Schwierigkeiten für die betreffende Person tatsächlich im Vordergrund stehen. Mehr dazu erklärt unser Beitrag über Psychotherapie bei Autismus.
Auch Angst und Depressionen sollten berücksichtigt werden
Eine weitere Studie aus dem April 2026 untersuchte den Zusammenhang zwischen autistischen Merkmalen, ADHS-Merkmalen und psychischen Belastungen bei 4.996 Erwachsenen aus Großbritannien und den USA. Die Forschenden fanden einen stärkeren statistischen Zusammenhang zwischen ADHS-Merkmalen und Diagnosen von Angst oder Depression als zwischen autistischen Merkmalen und diesen Diagnosen.
Das bedeutet nicht, dass ADHS zwangsläufig psychische Erkrankungen verursacht. Die Untersuchung kann solche Ursache-Wirkungs-Beziehungen nicht belegen. Sie verdeutlicht jedoch, wie wichtig es ist, bei der diagnostischen Abklärung auch die psychische Gesundheit zu berücksichtigen.
Menschen mit Autismus und ADHS sollten deshalb nicht nur Unterstützung für einzelne Symptome erhalten. Ebenso wichtig ist ein Blick darauf, wie sie schlafen, welche Belastungen bestehen und ob weitere Erkrankungen behandelt werden müssen.
Was im Alltag mit Autismus und ADHS helfen kann
Hilfreich können feste, aber ausreichend flexible Tagesstrukturen sein. Digitale Erinnerungen, sichtbare Aufgabenlisten und kleine, überschaubare Arbeitsschritte können bei der Organisation unterstützen. Gleichzeitig sollten genügend Pausen und Rückzugsmöglichkeiten eingeplant werden.
Im Beruf können klare schriftliche Aufgabenstellungen, weniger Unterbrechungen und verlässliche Absprachen sinnvoll sein. Andere Menschen profitieren stärker von wechselnden Tätigkeiten oder flexiblen Arbeitszeiten. Welche Anpassungen funktionieren, sollte gemeinsam mit der betroffenen Person erprobt werden.
Eine Doppeldiagnose sagt nicht aus, welche Fähigkeiten jemand besitzt oder wie selbstständig ein Mensch leben kann. Sie kann jedoch helfen, unterschiedliche Bedürfnisse besser zu verstehen und Unterstützung gezielter auszuwählen.
Die Doppeldiagnose verdient mehr Aufmerksamkeit
Die aktuelle Forschung zeigt, wie wichtig es ist, Autismus und ADHS bei der Diagnostik nicht isoliert zu betrachten. Beide Bedingungen können gemeinsam vorliegen, sich in manchen Merkmalen überschneiden und dennoch unterschiedliche Unterstützung erforderlich machen.
Die Studie aus September 2026 liefert neue Erkenntnisse über mögliche Unterschiede zwischen den diagnostischen Gruppen. Zugleich zeigt sie die Grenzen statistischer Verfahren. Eine sorgfältige Untersuchung und die persönliche Lebensgeschichte bleiben deshalb entscheidend.
Für Menschen, die erst nach vielen Jahren beide Diagnosen erhalten, kann das eine wichtige Erklärung für bisherige Erfahrungen sein. Vor allem aber eröffnet es die Möglichkeit, Unterstützung nicht nur auf einen Teil ihrer Bedürfnisse auszurichten.
Quellen
Pehlivanidis, A. et al. Trait-based dimensional measures and WAIS-IV index scores for differentiating autism spectrum disorder with and without ADHD in adults. Research in Autism, September 2026.
Yerys, B. E. et al. Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Medicaid-Enrolled Autistic Adults. JAMA Network Open, 12. Februar 2025.
Hargitai, L. D. et al. Neurodiversity and mental health in adulthood. Scientific Reports, 1. April 2026.
Petruzzelli, M. G. et al. An update on the comorbidity of ADHD and autism and its clinical management. Expert Review of Neurotherapeutics, Januar 2026.
National Institute for Health and Care Excellence. Attention deficit hyperactivity disorder, diagnosis and management. Klinische Leitlinie NG87.
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. ADHS bei Erwachsenen. Gesundheitsinformation.de.
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