Kurz erklärt
Autismus beginnt in der Entwicklungszeit. Manchmal werden die Merkmale aber erst deutlich, wenn die Anforderungen im Leben steigen. Das ist ein möglicher Grund, warum manche Menschen ihre Diagnose erst als Erwachsene erhalten. [2] Die Diagnostik folgt im Grundsatz demselben Weg wie bei Kindern. Eine besondere Herausforderung ist, die frühe Entwicklung nachträglich zu rekonstruieren. Hilfreich sind dafür laut Fachübersicht die Befragung von Angehörigen und die Einsicht in alte Dokumente. [1; 4] Wichtig ist außerdem eine sorgfältige Abgrenzung zu anderen Diagnosen.
Stand der Leitlinie: Das Vorgehen folgt der Darstellung in einer Fachübersicht, die sich auf die S3-Leitlinie zur Diagnostik stützt (Textstand 2016). Sie ist abgelaufen: Die Übersicht der Fachgesellschaft DGKJP nennt als Gültigkeit „bis 04.04.2021“ [6], und das Dokument trägt den Vermerk, es werde zurzeit überarbeitet. [3] Wir aktualisieren diesen Beitrag, sobald eine Neufassung vorliegt.
Warum manche erst als Erwachsene eine Diagnose erhalten
Die internationale Klassifikation ICD-11 hält fest: Autismus beginnt in der Entwicklungszeit, die Merkmale werden aber manchmal erst später vollständig sichtbar – dann, wenn soziale Anforderungen die eigenen Möglichkeiten übersteigen. [2] In Deutschland ist für Diagnosen in der ambulanten und stationären Versorgung bisher die ICD-10-GM die amtliche Klassifikation; die Einführung der ICD-11 dafür wird nach Angabe des BfArM noch mehrere Jahre dauern. [7] Wenn in deinen Unterlagen eine ältere Diagnosebezeichnung steht, kannst du die Fachleute bei der Diagnostik danach fragen.
Mit späten oder fehlerhaften Diagnosen wird auch Masking in Verbindung gebracht, also das Verbergen oder Ausgleichen von Merkmalen des Autismus. In Studien zeigt sich ein Zusammenhang, die Richtung ist aber unklar: Späte Diagnosen könnten zu Masking beitragen oder eine Folge davon sein. [5] Mehr dazu im Artikel Masking: Wenn Anpassung erschöpft.
Wie die Diagnostik bei Erwachsenen abläuft
Der Weg entspricht im Grundsatz dem bei Kindern: [1]
- Erste Einschätzung in einer psychiatrischen Praxis oder Ambulanz, durch Gespräch, Beobachtung und gegebenenfalls Fragebögen.
- Körperliche Untersuchung.
- Autismusspezifische Abklärung mit standardisierten Verfahren in einer spezialisierten Stelle. Bei Jugendlichen und Erwachsenen mit fließender Sprache findet die Verhaltensbeobachtung als halb strukturierte Gesprächssituation statt.
- Abgrenzung und Begleiterkrankungen, dann Diagnose und Empfehlungen.
Den allgemeinen Ablauf beschreibt der Artikel Ablauf einer Autismusdiagnostik ausführlich.
Was sie besonders macht
Die Kindheit rekonstruieren. Für die Diagnose muss geklärt werden, ob Merkmale schon in der frühen Kindheit vorhanden waren. Bei Erwachsenen ist das eine große Herausforderung. Die Fachübersicht empfiehlt deshalb, Angehörige zu befragen und alte Dokumente einzusehen. Ohne diese Informationen ist die Abgrenzung zu anderen Störungen nach ihrer Darstellung kaum möglich. [1; 4]
Abgrenzung zu anderen Diagnosen. Bei Erwachsenen sollen besonders folgende Diagnosen geprüft werden, weil sie manche ähnliche Merkmale haben können: [1]
- Persönlichkeitsstörungen,
- Zwangsstörungen,
- Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS),
- affektive Störungen,
- soziale Phobie,
- Schizophrenie.
Das bedeutet nicht, dass Autismus ausgeschlossen ist, wenn eine dieser Diagnosen vorliegt. Beides kann auch gemeinsam bestehen.
Eigene Erfahrung einbringen. Die Diagnose stellen Fachleute anhand aller Informationen. [1] Screening-Fragebögen sind laut Fachübersicht nicht für eine Diagnose geeignet. [1] Mehr dazu im Artikel Screening-Fragebögen.
So kannst du dich vorbereiten
Vorschläge der Redaktion, abgeleitet aus den Informationen, die in der Diagnostik gebraucht werden (keine Leitlinienempfehlung):
- Alte Dokumente sammeln, zum Beispiel Zeugnisse, Berichte aus der Kindheit, frühere Befunde. [1]
- Angehörige fragen, ob sie zu einem Gespräch bereit wären, zum Beispiel Eltern, Geschwister oder langjährige Bezugspersonen. [1] Nach der Fachübersicht ist die Abgrenzung zu anderen Störungen ohne Angehörigenbefragung und alte Dokumente kaum möglich. [1] Falls beides bei dir nicht möglich ist, sag das offen und frag, wie die Fachleute damit umgehen.
- Beispiele aufschreiben aus Kindheit und heute: soziale Situationen, Routinen, Interessen, Reizempfindlichkeit, Erschöpfung.
- Bedürfnisse für die Termine klären, etwa schriftliche Kommunikation, eine reizarme Umgebung oder Pausen. Du kannst bei der Anmeldung danach fragen; ob eine Stelle darauf eingehen kann, hängt von der Stelle ab.
Wie du einen Termin bekommst und wer die Kosten trägt, erklärt der Artikel Überweisung, Kosten und Wartezeiten.
Nach dem Befund
Eine Diagnose im Erwachsenenalter kann vieles neu einordnen – und gleichzeitig neue Fragen aufwerfen. Der Artikel Späte Diagnose: Was sich verändern kann greift das auf. Wenn keine Autismusdiagnose gestellt wird, hilft Keine Autismusdiagnose – und nun?.
Häufige Fragen
Kann man als Erwachsener eine Autismus-Diagnose bekommen? Ja. Die ICD-11 hält fest, dass Autismus in der Entwicklungszeit beginnt, die Merkmale aber manchmal erst später vollständig sichtbar werden, wenn soziale Anforderungen die eigenen Möglichkeiten übersteigen. [2]
Wie läuft die Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen ab? Nach der Fachübersicht in vier Schritten: erste Einschätzung in einer psychiatrischen Praxis oder Ambulanz, körperliche Untersuchung, autismusspezifische Abklärung mit standardisierten Verfahren in einer spezialisierten Stelle, dann Abgrenzung, Diagnose und Empfehlungen. [1]
Warum werden Angehörige und alte Dokumente gebraucht? Für die Diagnose muss geklärt werden, ob Merkmale schon in der frühen Kindheit vorhanden waren. Dafür empfiehlt die Fachübersicht, Angehörige zu befragen und alte Dokumente einzusehen. [1; 4] Falls beides nicht möglich ist, sag das offen und frag, wie die Fachleute damit umgehen.
Reicht ein Online-Test für die Diagnose? Nein. Screening-Fragebögen sind laut Fachübersicht nicht für eine Diagnose geeignet. [1] Mehr: Screening-Fragebögen und Online-Tests.
Wie bekomme ich einen Termin und wer zahlt? Siehe Überweisung, Kosten und Wartezeiten.
Das könnte dich auch interessieren
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- Späte Diagnose: Was sich verändern kann
- ADOS-2, ADI-R und Screening: Verfahren erklärt
Quellen und Literatur
- Höhne E, Kamp-Becker I. Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störung. Pädiatrie 2024;(4+5):27–32. – Fachübersicht
- World Health Organization. ICD-11 MMS, 6A02 Autism spectrum disorder, Version 2025-01. – Klassifikationssystem. Release-Seite: https://icd.who.int/browse/2025-01/mms/en
- DGKJP, DGPPN et al. S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Teil 1: Diagnostik. AWMF 028-018, Textstand 23.02.2016. – Leitlinie (abgelaufen, laut Dokumentvermerk in Überarbeitung)
- Höhne E, Kamp-Becker I. Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störung bei Kindern und Erwachsenen. Psychiatrie + Neurologie 2024;(1):14 ff. – Fachübersicht (textgleich mit Q-PAED-2024, keine unabhängige zweite Quelle)
- Klein J, Krahn R, Howe S, et al. A systematic review of social camouflaging in autistic adults and youth: implications and theory. Development and Psychopathology 2025;37(3):1320–1334 (online 2024). https://doi.org/10.1017/S0954579424001159 – Systematischer Review
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Eintrag 028-018: „Gültig bis 04.04.2021“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). ICD-11 (Informationsseite zur Einführung in Deutschland). https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/_node.html – Behörde
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