Kurz erklärt
Ein Screening-Fragebogen ist ein Hinweis, keine Diagnose. Die Leitlinie von 2016 hielt fest: Eine Diagnose kann auf der Grundlage von Screening-Instrumenten weder gestellt noch ausgeschlossen werden, und keines der Instrumente wurde als obligatorisch empfohlen. [3, Empf. 15] Eine Fachübersicht von 2024 nennt dieselbe Grenze: Screening-Instrumente identifizieren schnell Personen mit erhöhtem Risiko, sind aber nicht für die Diagnose geeignet, und ihre Spezifität im klinischen Kontext ist gering. [2] Für frei verfügbare Online-Tests haben wir keine Prüfung gelesen; die Leitlinie nannte mehrere im Netz verbreitete Fragebögen als nicht validiert. [3, Kap. B.3.4.3] Ein auffälliges Ergebnis ersetzt also keine Abklärung, ein unauffälliges schließt Autismus nicht aus.
Stand der Leitlinie: Dieser Beitrag stützt sich auf die S3-Leitlinie Diagnostik (Textstand 23.02.2016). Sie ist abgelaufen: laut Übersicht der DGKJP war sie „bis 04.04.2021“ gültig. [1] Das Dokument trägt den Vermerk, es werde zurzeit überarbeitet. [3] Neuere Studien sind nicht berücksichtigt. Wir aktualisieren den Beitrag, sobald eine Neufassung vorliegt.
Wofür Screening gedacht ist
Die Leitlinie beschrieb ein Stufenkonzept: Symptome erkennen, kurz screenen, bei erhärtetem Verdacht umfassend an einer spezialisierten Stelle diagnostizieren. [3, Empf. 7] Das Screening soll entscheiden helfen, ob eine ausführliche Diagnostik nötig ist. Ein Screening der gesamten Bevölkerung (alle Kinder, Jugendlichen oder Erwachsenen) soll dagegen nicht erfolgen, weil die Rate falsch positiver und falsch negativer Ergebnisse bei allen damals auf Deutsch verfügbaren Instrumenten hoch war und spezialisierte Stellen sonst überlastet würden. [3, Empf. 12]
Wer gescreent werden soll – und wer nicht
Bei bestimmten Risikofaktoren und mindestens einem Symptom, das auf Autismus hinweist, soll ein Screening überlegt werden, etwa bei bestimmten genetischen Befunden, Medikamentenexposition oder Virusinfektionen in der Schwangerschaft, Frühgeburt vor der 32. Woche oder sehr niedrigem Geburtsgewicht, Krampfanfällen nach der Geburt oder einem Geschwisterkind mit Autismus. [3, Empf. 13] Screening-Untersuchungen sollen nur Fachkräfte des Gesundheitswesens durchführen, die Entwicklungsstörungen und die verwendeten Instrumente kennen. [3, Empf. 14]
Welche Fragebögen die Leitlinie nannte
In einer evidenzbasierten Empfehlung (Grad 0, „kann“) nannte die Leitlinie je nach Alter einzelne Instrumente, mit Einschränkungen: [3, Empf. 15]
- M-CHAT (zweistufig) ab dem zweiten Lebensjahr, um einen Verdacht zu erhärten; die Spezifität sei sehr niedrig, die Ergebnisse müssten sehr vorsichtig gedeutet werden.
- FSK (Fragebogen zur Sozialen Kommunikation) und SRS (Social Responsiveness Scale) bei Vorschul- bis Jugendalter, je nach Grenzwert mit unterschiedlicher Trefferquote; die Leitlinie beurteilte sie insgesamt als mäßig.
- SRS-A und AQ bei Erwachsenen ohne Intelligenzminderung, jedoch mit sehr niedriger Spezifität.
- Weitere Instrumente für Menschen mit Intelligenzminderung.
„Andere Screening-Instrumente sollten aktuell aufgrund der schlechten Studienqualität nicht verwendet werden.“ [3, Empf. 15] Für AQ‑10, AQ‑20, PDD-MRS, EQ‑Kinder und EQ‑Erwachsene fand die Leitlinie keine Studien, die ihre Gültigkeit belegten; ihr Einsatz wurde daher nicht empfohlen. [3, Kap. B.3.4.3] Das ist der Stand von 2016.
Online-Selbsttests
Die Leitlinie begründete ihre ausdrückliche Aussage zu nicht geprüften Instrumenten damit, dass es im Internet zahlreiche Foren zum „Selbst“-Screening vor allem für Erwachsene gibt und die Ergebnisse dieser „Eigendiagnostik“ oft mit Fachkräften besprochen werden. Als Faustregel der Redaktion: Ein Online-Ergebnis kann Anlass sein, mit einer Fachperson zu sprechen, aber nicht Beleg für oder gegen Autismus.
Was ein Ergebnis bedeutet
- Positives Ergebnis und klinischer Verdacht: Die betroffene Person soll an eine auf Autismus spezialisierte Stelle weitergeleitet werden. [3, Empf. 16]
- Negatives Ergebnis: Erscheint Autismus auch klinisch unwahrscheinlich und berichtet niemand weitere Symptome, kann das Screening-Ergebnis Autismus unwahrscheinlich machen; erscheint Autismus klinisch wahrscheinlich oder werden Symptome berichtet, soll zeitnah erneut vorgestellt oder weitergeleitet werden. [3, Empf. 16] Ein negatives Ergebnis schließt eine Autismus-Spektrum-Störung nicht aus. [3, Kap. B.3.6.1]
- Ein positives Ergebnis kann auch auf eine andere Erkrankung hinweisen. [3, Kap. B.3.6.1]
Was wissen wir – was ist noch offen?
Befund (Leitlinie 2016, Expertenkonsens und Meta-Analysen): Screening ist kein Diagnoseverfahren; Bevölkerungsscreening wird nicht empfohlen; die Güte der Fragebögen ist begrenzt. [3, Empf. 12, 15]
Offen:
- Neuere Studien zu Fragebögen (nach 2016) haben wir nicht gelesen.
- Wie gut frei verfügbare Online-Tests sind, ist in den gelesenen Quellen nicht untersucht.
- Wie sich Fragebögen im deutschen Versorgungsalltag bewähren, ist offen.
Was du sonst noch wissen solltest
- Was als Nächstes? Wenn du einen Verdacht hast: Ablauf einer Autismusdiagnostik, Überweisung, Kosten und Wartezeiten und ADOS-2, ADI-R und Screening.
- Gefühle nach einem Test: Ein Ergebnis kann verunsichern. Bei akuter seelischer Not: TelefonSeelsorge, 0800 1110111. [4]
Häufige Fragen
Kann ein Online-Test Autismus feststellen? Nein. Eine Diagnose kann auf der Grundlage von Screening-Instrumenten weder gestellt noch ausgeschlossen werden. [3, Empf. 15] Ein Online-Ergebnis kann Anlass sein, mit einer Fachperson zu sprechen.
Wie zuverlässig sind Autismus-Selbsttests im Internet? Für frei verfügbare Online-Tests haben wir keine Prüfung gelesen. Die Leitlinie von 2016 nannte mehrere im Netz verbreitete Fragebögen als nicht validiert, und beim AQ für Erwachsene beschrieb sie eine sehr niedrige Spezifität. [3, Kap. B.3.4.3, Empf. 15] Das ist der Stand von 2016.
Kann ein unauffälliges Testergebnis Autismus ausschließen? Nein. Ein negatives Ergebnis schließt eine Autismus-Spektrum-Störung nicht aus. [3, Kap. B.3.6.1]
Was tun nach einem auffälligen Testergebnis? Wenn auch klinisch ein Verdacht besteht, soll die Person an eine auf Autismus spezialisierte Stelle weitergeleitet werden. [3, Empf. 16] Mehr: Autismus bei Erwachsenen: Symptome und Hinweise und Diagnostik im Erwachsenenalter.
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Quellen und Literatur
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Einträge 028-018 „Gültig bis 04.04.2021“ und 028-047 „Gültig bis 23.03.2026“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
- Höhne E, Kamp-Becker I. Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störung. Pädiatrie 2024;(4+5):27–32. – Fachübersicht
- DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 1: Diagnostik. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-018, Textstand 23.02.2016. – Leitlinie (abgelaufen, laut Dokumentvermerk in Überarbeitung)
- TelefonSeelsorge Deutschland: Startseite mit Rufnummern. https://www.telefonseelsorge.de/ – Beratungsangebot
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