Kurz erklärt
Früher wurden in der ICD-10 (in Deutschland als ICD-10-GM noch im Gebrauch) mehrere Unterformen unterschieden, vor allem frühkindlicher Autismus (F84.0), atypischer Autismus (F84.1) und Asperger-Syndrom (F84.5). [4, Kap. A.2.2] Im DSM-5 von 2013 wurden alle Autismus-Störungen in einer einzigen Kategorie, der „Autismus-Spektrum-Störung“, zusammengefasst. [4, Kap. A.2.2] Nach einer Fachübersicht von 2024 gilt das mittlerweile auch für die aktuellen Kriterienwerke: Die früher getrennten Diagnosen werden unter „Autismus-Spektrum-Störung“ zusammengefasst. [3] In Deutschland bleibt für die Kodierung bis zur Einführung der ICD-11 die ICD-10-GM amtlich, deshalb kann in Befunden weiterhin „Asperger-Syndrom“ stehen. [1] Ältere Bezeichnungen ändern nichts an den Besonderheiten, die bestehen.
Stand der Leitlinie: Dieser Beitrag nutzt die S3-Leitlinie Diagnostik (2016) zur Beschreibung der früheren Einteilung. Sie ist abgelaufen. [2] Die Aussagen sind nicht automatisch falsch, aber nicht durch eine gültige Leitlinie gedeckt.
Die frühere Einteilung (ICD-10)
Die Leitlinie von 2016 beschrieb die ICD-10-Unterformen so: Ein frühkindlicher Autismus setzte voraus, dass alle drei Bereiche (soziale Interaktion, Kommunikation, stereotypes und wiederholendes Verhalten) betroffen waren und eine Entwicklungs- oder Sprachauffälligkeit vor dem dritten Lebensjahr bestand. Beim Asperger-Syndrom mussten Besonderheiten der sozialen Interaktion und im Bereich des stereotypen Verhaltens einschließlich Sonderinteressen vorliegen, bei unauffälliger sprachlicher und kognitiver Entwicklung. Ein atypischer Autismus wurde diagnostiziert, wenn nur ein oder zwei der drei Kriterien erfüllt waren oder die Merkmale erst nach dem dritten Lebensjahr nachweisbar wurden. Daneben gab es „sonstige“ und „nicht näher bezeichnete“ tiefgreifende Entwicklungsstörungen. [4, Kap. A.2.2]
Was sich mit dem DSM-5 änderte
Das DSM-5 (USA 2013, deutsche Übersetzung 2015) führte laut Leitlinie unter anderem folgende Änderungen ein:
- alle Autismus-Störungen in eine Kategorie,
- die Kriterien in zwei Symptombereiche (soziale Interaktion und Kommunikation zusammen; stereotypes und wiederholendes Verhalten),
- eine Einteilung nach klinischen Schweregraden,
- eine Beschreibung über die Lebensspanne mit möglichem späterem Beginn der Merkmale sowie
- die Möglichkeit, weitere psychische Störungen zusätzlich zu diagnostizieren. [4, Kap. A.2.2]
Die Leitlinie erwartete damals, dass die Diagnose im Grenzbereich des Spektrums restriktiver werden könnte, und verwies auf eine Meta-Analyse, nach der die Häufigkeit in Einzelstudien nach DSM-5 sinken würde (um 7,3 bis 68,4 %). Die aktuellen Kriterien im Überblick: Diagnosekriterien bei Autismus: DSM-5 und ICD-11.
Was in Deutschland heute gilt
Für die Kodierung von Diagnosen in der ambulanten und stationären Versorgung gilt in Deutschland nach dem BfArM weiter die ICD-10-GM, bis die ICD-11 im jeweiligen Anwendungsbereich eingeführt ist; die Einführung werde noch mehrere Jahre dauern. [1] Deshalb können Befunde weiterhin Bezeichnungen wie „frühkindlicher Autismus“, „atypischer Autismus“ oder „Asperger-Syndrom“ tragen. Hinweis: Das ist eine Folgerung der Redaktion aus der Auskunft des BfArM.
Was das für dich bedeuten kann
- Ein älterer Befund wird nicht „falsch“. Frühere Bezeichnungen sind Teil der damaligen Einteilung. Was sich im Alltag zeigt und welche Unterstützung hilfreich ist, hängt nicht vom Etikett ab. Hinweis: Das ist eine Einschätzung der Redaktion.
- Du darfst die frühere Bezeichnung weiter verwenden, wenn sie für dich stimmig ist. Viele Menschen tun das; zur Frage der Begriffe: Sprache und Begriffe rund um Autismus.
- Bei Anträgen und Nachweisen kann es hilfreich sein, bei der zuständigen Stelle zu fragen, wie ein älterer Befund behandelt wird. Mehr zu Beratung: Unabhängige Beratung finden: Was die EUTB leistet. Hinweis: Das ist keine Rechtsauskunft.
- Wenn dein Befund unklar ist, kann eine erneute Abklärung sinnvoll sein: Diagnostik im Erwachsenenalter, Diagnostik bei Kindern: Wer, wo, wie?.
Was du sonst noch wissen solltest
- Die Bezeichnung „Spektrum“ drückt aus, dass Autismus sehr unterschiedlich aussieht: Das Autismus-Spektrum: Warum es so verschieden ist.
- Wie Diagnostik abläuft: Ablauf einer Autismusdiagnostik.
Häufige Fragen
Gibt es das Asperger-Syndrom noch als Diagnose? Im DSM-5 von 2013 wurden alle Autismus-Störungen in einer Kategorie, der Autismus-Spektrum-Störung, zusammengefasst. [4, Kap. A.2.2] In Deutschland bleibt für die Kodierung bis zur Einführung der ICD-11 die ICD-10-GM amtlich, deshalb kann in Befunden weiterhin „Asperger-Syndrom“ stehen. [1]
Was ist der Unterschied zwischen Asperger-Syndrom und frühkindlichem Autismus? Nach der früheren ICD-10 setzte frühkindlicher Autismus Besonderheiten in allen drei Bereichen und eine Entwicklungs- oder Sprachauffälligkeit vor dem dritten Lebensjahr voraus. Beim Asperger-Syndrom lagen Besonderheiten in sozialer Interaktion und im stereotypen Verhalten einschließlich Sonderinteressen vor, bei unauffälliger sprachlicher und kognitiver Entwicklung. [4, Kap. A.2.2]
Was bedeutet atypischer Autismus? Ein atypischer Autismus wurde in der ICD-10 diagnostiziert, wenn nur ein oder zwei der drei Kriterien erfüllt waren oder die Merkmale erst nach dem dritten Lebensjahr nachweisbar wurden. [4, Kap. A.2.2]
Ist ein älterer Asperger-Befund noch gültig? Frühere Bezeichnungen sind Teil der damaligen Einteilung; ältere Befunde werden nach Einschätzung der Redaktion nicht „falsch“. Bei Anträgen kannst du bei der zuständigen Stelle fragen, wie ein älterer Befund behandelt wird. Das ist keine Rechtsauskunft.
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- Diagnosekriterien bei Autismus: DSM-5 und ICD-11
- Sprache und Begriffe rund um Autismus
- Was ist Autismus?
Quellen und Literatur
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Informationsseite „ICD-11“ (Einführung in Deutschland). https://www.bfarm.de/DE/Kodiersysteme/Klassifikationen/ICD/ICD-11/_node.html – Behördenseite
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Einträge 028-018 „Gültig bis 04.04.2021“ und 028-047 „Gültig bis 23.03.2026“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
- Höhne E, Kamp-Becker I. Diagnostik der Autismus-Spektrum-Störung. Pädiatrie (Rosenfluh) 2024;(4+5):27–32. https://rosenfluh.ch/media/paediatrie/2024/04-05/Diagnostik-der-Autismus-Spektrum-Stoerung – Fachübersicht
- DGKJP/DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 1: Diagnostik. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-018, Stand Text 23.02.2016. – Leitlinie; abgelaufen
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