Kurz erklärt
In der Pubertät verändern sich Körper, Gefühle und Anforderungen. Übersichtsarbeiten beschreiben, dass Jugendliche mit Autismus und Behinderung dabei zusätzliche Herausforderungen und zusätzlichen Unterstützungsbedarf haben, etwa bei Hygiene rund um die Menstruation, bei Schmerzen und Sinnesempfindlichkeit und im Umgang mit Gefühlen und Beziehungen. [1] Eltern machen sich oft Sorgen vor der Menarche und wünschen sich Aufklärung im Voraus. [1] Aufklärung zu Sexualität sollte nach Autor:innen individuell und praxisnah sein, weil theoretisches Wissen allein nicht reicht. [2] Die Belege sind überwiegend beschreibend; geprüfte Programme für Familien sind selten.
Was Übersichtsarbeiten zur Pubertät sagen
Hausler und Kolleg:innen sichteten 795 Artikel und werteten 17 aus, die Jugendliche mit Autismus oder Behinderung in der Pubertät, ihre Familien und Fachkräfte betrafen. Sie fanden vier Themen: Herausforderungen der Jugendlichen, Sorgen und Belastung der Eltern, die Bedeutung von Aufklärung für Jugendliche und Familien sowie Sicht und Praxis der Fachkräfte. [1]
Zu den Herausforderungen zählen: Hygiene rund um die Menstruation (Verständnis der Veränderungen, neue Routinen, Verständigung über Bedürfnisse), seelische Gesundheit, Schmerzen und Sinnesverarbeitung, soziale Schwierigkeiten sowie Verhaltens- und Sexualitätsfragen. Der Review betont, dass zum Beitrag der Ergotherapie wenig vorliegt, und fordert Schulung von Fachkräften, um Stigma und Tabus zu verringern. Die Studien wurden nicht einzeln bewertet, und viele hatten keine klare Methode. [1]
Menstruation: Befunde und Lücken
Skommer und Gunesh fanden 45 Studien zu Menstruation, Menarche und Wechseljahren bei Menschen im Autismus-Spektrum. Die Ergebnisse sind uneinheitlich: In einer Studie mit 53 Personen (6 bis 17 Jahre) gab es keinen Zusammenhang zwischen Menarche und Depression, während andere Studien von belastenden prämenstruellen Beschwerden mit Aggression oder verstärkten wiederholten Bewegungen berichten. Berichtet werden häufiger Menstruationsstörungen wie Regelschmerzen, starke, ausbleibende oder unregelmäßige Blutungen. Als mögliche Gründe nennen die Autor:innen Sinnesempfindlichkeit, schwierige Verständigung über Symptome, eine Neigung, Beschwerden nach innen zu nehmen, und Probleme beim Spüren von Körpersignalen. Es fehlen große Studien; die Autor:innen nennen das Wissen „spärlich“. [3] Zu Körpersignalen: Interozeption: Körpersignale wahrnehmen und deuten.
Sorgen der Eltern und Aufklärung
Eltern nannten in den Studien am häufigsten die Menstruation als Quelle von Sorgen: ob die Tochter versteht, was geschieht, Schmerzen mitteilen kann und die Hygiene allein bewältigt. Nach einer Quelle gaben mehr als die Hälfte der Betreuungspersonen so starke Angst vor der ersten Regel an, dass sie ärztlichen Rat suchten. [1] Übereinstimmend wird vorausschauende Aufklärung empfohlen, nicht nur für die Jugendlichen, sondern auch für Familien und Betreuende; eine gute Vorbereitung und die Fähigkeit, offene Gespräche zu führen, stützen die Jugendlichen. [1]
Sexualität, Beziehungen und Schutz
Ein systematischer Review zur sexuellen Gesundheit betont, dass Menschen im Autismus-Spektrum ähnliche sexuelle Wünsche haben wie andere, aber besondere Herausforderungen erleben: Sinnesempfindlichkeit, Verständigung, soziale Hürden und ein erhöhtes Risiko, Opfer von Übergriffen zu werden. Er fordert strukturierte, individuell angepasste Aufklärungsprogramme, die Wissen und praktische sozial-sexuelle Fähigkeiten verbinden. [2] Als Lücken nennt er Studien außerhalb westlicher Länder und zu Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung oder geschlechtlicher Vielfalt. [2] Mehr zu Beziehungen im Erwachsenenalter: Beziehungen, Freundschaft und Partnerschaft.
Was Familien tun können
Aus den Quellen folgt als Richtung: früh und vorausschauend informieren, die Jugendlichen und Eltern gemeinsam einbeziehen, auf Schmerzen und Befinden achten, Fachkräfte (Kinderarztpraxis, Frauenärzt:innen, Therapeut:innen) einbeziehen und Aufklärung auf die einzelne Person abstimmen. [1] [2] Als Redaktionsideen (nicht belegt): Bilder oder Geschichten zu Körperveränderungen nutzen, Hygieneabläufe gemeinsam üben, einen festen Ablauf für die Tage der Regel absprechen, eine vertraute Ansprechperson benennen. Zur Selbstständigkeit im Alltag: Alltagspraktische Fertigkeiten: Selbstständigkeit fördern; zum Wechsel auf die weiterführende Schule: Wechsel auf die weiterführende Schule gut vorbereiten.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Was wir wissen: Die Pubertät bringt für Jugendliche mit Autismus zusätzliche Herausforderungen mit sich, und Familien wünschen sich frühe Aufklärung. [1] Menstruationsbeschwerden sind bei Menschen im Autismus-Spektrum häufiger beschrieben. [3]
Offen:
- Große, gut gemachte Studien fehlen; Ergebnisse sind uneinheitlich. [3]
- Die gelesenen Übersichten betreffen überwiegend Menstruation; Erfahrungen von Jungen und von Jugendlichen unterschiedlicher Geschlechtsidentität sind weniger erfasst. [1]
- Welche Aufklärungsprogramme wirken, ist kaum untersucht. [2]
- Die Review von Hausler bezieht auch Jugendliche mit anderen Behinderungen ein; Aussagen nur zu Autismus sind nicht immer möglich. [1]
Das könnte dich auch interessieren
- Familienalltag mit einem Kind im Autismus-Spektrum
- Alltagspraktische Fertigkeiten: Selbstständigkeit fördern
- Wechsel auf die weiterführende Schule gut vorbereiten
- Beziehungen, Freundschaft und Partnerschaft
Quellen und Literatur
- Hausler S, Sargeant K, George E: Understanding health services and puberty for autistic adolescents and those with disability: A scoping review to inform occupational therapy practice. Australian Occupational Therapy Journal 2026;73(2):e70079. https://doi.org/10.1111/1440-1630.70079 (CC BY-NC-ND; online 01.04.2026) – Scoping Review (17 Studien)
- Motamed M, Hajikarim-Hamedani A, Fakhrian A, Alaghband-rad J: A systematic review of sexual health, knowledge, and behavior in Autism Spectrum Disorder. BMC Psychiatry 2025;25(1):410. https://doi.org/10.1186/s12888-025-06836-x (CC BY-NC-ND; online 22.04.2025) – Systematischer Review
- Skommer J, Gunesh K: Autism, menstruation and mental health- a scoping review and a call to action. Frontiers in Global Women’s Health 2025;6:1531934. https://doi.org/10.3389/fgwh.2025.1531934 (frei lesbar, CC BY; online 25.06.2025) – Scoping Review (45 Studien)
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