Kurz erklärt
Ein soziales Kompetenztraining ist eine zeitlich begrenzte Gruppentherapie, in der Teilnehmende mit Autismus unter Anleitung Gesprächsführung, Kontaktaufnahme, Umgang mit Konflikten und Gefühlen üben, oft mit Rollenspielen, Videorückmeldung und Hausaufgaben. [2, Empf. 14] Die Leitlinie von 2021 empfahl Schulkindern und Jugendlichen ohne Intelligenzminderung ein solches Training über 3 bis 6 Monate, ebenso Erwachsenen ohne Intelligenzminderung. [2, Empf. 14, 17] In den ausgewerteten Studien verbesserte sich die soziale Kompetenz im Mittel mäßig, am deutlichsten in der Selbst- und Elternbeurteilung, weniger in Lehrkräfte-Urteilen und Beobachtungen. [2, Kap. C.4.2] Ob und welches Training passt, ist eine persönliche Abwägung.
Stand der Leitlinie: Dieser Beitrag nutzt die S3-Leitlinie Therapie (2021). Sie ist seit dem 23.03.2026 abgelaufen. [1] Die Aussagen sind nicht automatisch falsch, aber nicht durch eine gültige Leitlinie gedeckt.
Was ein Training enthält
Nach der Leitlinie arbeiten die Gruppen mit festen Regeln, Aufklärung über Autismus, Alltagssituationen und Wünschen der Teilnehmenden. Typische Inhalte sind Begrüßung und Small Talk, Gesprächstechniken einschließlich Lautstärke und Nähe-Distanz, das Erkennen eigener und fremder Gefühle und Wünsche, Kontaktaufnahme und Freundschaften, gemeinsames Handeln mit Gleichaltrigen, Handlungsplanung, Emotionsregulation und Umgang mit Konflikten. Methoden sind angeleitete Gesprächsrunden, Wissensvermittlung über (ungeschriebene) soziale Regeln, Rollenspiele mit Videorückmeldung, Hausaufgaben und Elemente der Akzeptanz- und Commitment-Therapie. [2, Empf. 14] Für Erwachsene kamen laut Leitlinie unter anderem Identitätsaspekte, Umgang mit Stress und Einsamkeit sowie Wünsche nach Beziehung und Sexualität hinzu. [2, Empf. 17]
Soziale Trainings in der Leitlinie von 2021
Für Schulkinder und Jugendliche ohne Intelligenzminderung empfahl die Leitlinie (Empfehlungsgrad A) eine zeitlich auf 3 bis 6 Monate befristete, manualisierte, wissenschaftlich überprüfte Gruppentherapie. Gemeint war eine feste Gruppe von etwa 4 bis 5 Kindern oder Jugendlichen mit zwei Therapeut:innen, 12 bis 18 Doppelstunden à 90 Minuten, mit Informationsabenden für Eltern und Hausaufgaben im Alltag. [2, Empf. 14] Wenn eine Gruppe nicht möglich ist, kann ein zeitlich begrenztes Einzeltraining mit vielen Übungen zur Übertragung in den Alltag angeboten werden (konsensbasiert). [2, Empf. 15]
Für Erwachsene ohne Intelligenzminderung empfahl sie ebenfalls eine befristete Gruppentherapie (6 bis 8 Erwachsene, 12 bis 18 Doppelstunden); als Alternative ein Einzeltraining mit Übungen und Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld. [2, Empf. 17, 19] Bei Intelligenzminderung stehen alltagspraktische Fertigkeiten im Vordergrund, und eine Einzeltherapie zur Förderung sozialer Interaktion mit Gleichaltrigen sollte nicht stattfinden. [2, Empf. 13, 16]
Mehrere Fachverbände und Autismus Deutschland reichten zu diesen Empfehlungen Sondervoten ein: Gruppenformate seien überwiegend nur zeitlich sehr begrenzt in randomisierten Studien untersucht worden, hätten einen „gewissen Zusatznutzen“ gezeigt und sollten, wenn möglich, neben Einzeltherapie sowie Eltern- und Einrichtungsberatung stehen. [2, Empf. 14, 17] Mehr zur Einordnung von Therapien: Autismusspezifische Therapie und Förderung.
Was Studien zeigten
Die Leitlinie fasste zwei Übersichtsarbeiten mit Meta-Analyse zusammen. In der ersten (5 randomisierte Studien, Kinder und Jugendliche von 8 bis 17 Jahren mit IQ über 84) fand sich ein mittlerer Effekt auf die soziale Kompetenz und die Qualität von Freundschaften sowie ein Rückgang des Einsamkeitsgefühls. Unerwünschte Wirkungen wurden nicht berichtet. [2, Kap. C.4.2, S. 106 f.] In der zweiten (18 Studien, Alter 5 bis 20 Jahre, IQ über 85) zeigte sich ein mittlerer Effekt über alle Messungen. Im nicht verblindeten Elternurteil war er mittel, im Lehrkräfteurteil nicht signifikant, im nicht verblindeten Selbsturteil groß und in verblindeter Verhaltensbeobachtung klein bis mittel. [2, Kap. C.4.2, S. 107]
Zum deutschen Programm SOSTA-FRA (Studie mit 228 Personen von 8 bis 20 Jahren, IQ über 70, 12 Wochen) berichtete die Leitlinie einen kleinen Effekt im nicht verblindeten Elternurteil, der drei Monate später bestehen blieb; das Verzerrungsrisiko stufte sie als unklar ein. [2, Kap. C.4.2, S. 108 f.] Bei einem anderen Programm (69 Kinder von 8 bis 11 Jahren) zeigte sich direkt nach der Therapie ein Effekt auf das von Eltern berichtete soziale Verhalten, nach drei Monaten in einer stark verkleinerten Untergruppe nicht mehr. [2, Kap. C.4.2, S. 109]
Für das am besten untersuchte Programm PEERS (Jugendliche, 12 bis 14 Wochen, parallele Elterngruppe) zeigte eine für die Leitlinie gerechnete Meta-Analyse mehr Wissen über soziale Fertigkeiten und eine bessere Qualität der Interaktion mit Gleichaltrigen, bei hoher Unterschiedlichkeit zwischen den Studien. [2, Kap. C.4.2, S. 110–112] Zu psychosozialen Interventionen insgesamt hielt die Leitlinie fest, dass bei korrekter Durchführung keine unerwünschten Wirkungen bekannt seien, diese aber selten systematisch untersucht worden seien. [2, Aussage 2]
Worauf du achten kannst
Das sind Anregungen der Redaktion, die sich an den Empfehlungen orientieren:
- Ziele selbst mitbestimmen. Die Leitlinie verlangte, dass Personen mit Autismus (bei Kindern auch die Sorgeberechtigten) an der Formulierung der Therapieziele beteiligt werden. [2, Empf. 1]
- Befristung und Überprüfung: Wie lange läuft das Training, woran wird der Nutzen gemessen, was passiert danach? [2, Empf. 1]
- Alltag im Blick: Hausaufgaben und Rückmeldungen sollen den Transfer in den Alltag unterstützen. [2, Empf. 14]
- Eigenes Tempo und eigene Grenzen: Ein Training sollte nicht darauf zielen, dass du dich dauerhaft verstellst. Wie belastend Anpassung werden kann, beschreibt Masking: Wenn Anpassung erschöpft. Hinweis: Das ist eine Einschätzung der Redaktion; die Leitlinie selbst nannte hier keine Warnung.
Was wissen wir – was ist noch offen?
Befund (randomisierte Studien, Meta-Analysen, mit Einschränkungen): Gruppentrainings verbesserten im Mittel die soziale Kompetenz, vor allem in Selbst- und Elternberichten. [2, Kap. C.4.2]
Konsensbasiert/Leitlinie: Einzelformate als Alternative, Einbezug von Eltern und Umfeld, Befristung. [2, Empf. 15, 19]
Offen:
- Wie stark sich Wirkungen im Alltag und in Beobachtungen durch Dritte zeigen, ist weniger gut belegt als in Selbst- und Elternurteilen. [2, Kap. C.4.2]
- Die Langzeitwirkung ist in den ausgewerteten Studien nur kurz (etwa drei Monate) untersucht.
- Die Studien untersuchten vor allem Teilnehmende ohne Intelligenzminderung und mit guter Sprachfähigkeit; für andere Gruppen gibt es kaum Belege. [2, Kap. C.4.2]
Was du sonst noch wissen solltest
- Wo es solche Gruppen gibt: In Autismus-Ambulanzen, Autismus-Therapiezentren und bei Psychotherapeut:innen; Hinweise zu Anlaufstellen: Unabhängige Beratung finden: Was die EUTB leistet.
- Kosten: Ob und wie eine Therapie bezahlt wird, hängt vom Einzelfall ab: Autismustherapie finanzieren: Wer ist zuständig?.
- Fachkräfte: Therapie und Beratung bei Autismus anpassen beschreibt, wie sich Beratung und Therapie an Menschen mit Autismus anpassen lässt.
Häufige Fragen
Was ist ein soziales Kompetenztraining bei Autismus? Eine zeitlich begrenzte Gruppentherapie, in der unter Anleitung Gesprächsführung, Kontaktaufnahme, Umgang mit Konflikten und Gefühlen geübt werden, oft mit Rollenspielen, Videorückmeldung und Hausaufgaben. [2, Empf. 14]
Für wen empfahl die Leitlinie ein solches Training? Für Schulkinder, Jugendliche und Erwachsene ohne Intelligenzminderung, befristet über 3 bis 6 Monate. [2, Empf. 14, 17] Die Leitlinie ist abgelaufen. [1]
Wie gut wirken soziale Kompetenztrainings? In den ausgewerteten Studien verbesserte sich die soziale Kompetenz im Mittel mäßig, am deutlichsten in Selbst- und Elternurteilen, weniger in Lehrkräfte-Urteilen und Beobachtungen. [2, Kap. C.4.2]
Worauf sollte ich achten? Ziele selbst mitbestimmen, Befristung und Überprüfung klären und darauf achten, dass das Training nicht auf dauerhaftes Verstellen zielt (Einschätzung der Redaktion). [2, Empf. 1] Mehr: Masking: Wenn Anpassung erschöpft.
Das könnte dich auch interessieren
- Autismusspezifische Therapie und Förderung
- Masking: Wenn Anpassung erschöpft
- Psychotherapie bei Autismus: Angst und Depression
Quellen und Literatur
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Einträge 028-018 „Gültig bis 04.04.2021“ und 028-047 „Gültig bis 23.03.2026“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
- DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 2: Therapie. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-047, Stand Text 02.05.2021. – Leitlinie; abgelaufen am 23.03.2026
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