Kurz erklärt
Hinweise sind keine Diagnose. Die Leitlinie hielt fest: Für das Säuglingsalter gibt es keine empirisch abgesicherten Merkmale, mit denen sich Autismus später vorhersagen ließe. [1, Empf. 8] Ab dem zweiten Lebensjahr beschrieb sie Merkmale, die häufiger bei Kindern mit späterer Diagnose beobachtet wurden: zum Beispiel wenig Blickkontakt, kein Zeigen, um etwas zu teilen, wenig Reaktion auf den eigenen Namen und fehlendes „Als-ob“-Spiel. [1, Empf. 9–11] Wenn du eines davon beobachtest oder dir Sorgen machst, sollten die Sorgen ernst genommen und abgeklärt werden. [1, Kap. B.2.2] Eine Abklärung ersetzt keine Diagnostik und stellt keine Diagnose.
Stand der Leitlinie: Dieser Beitrag stützt sich auf die S3-Leitlinie Diagnostik (Textstand 23.02.2016). Sie ist abgelaufen: Die DGKJP nennt als Gültigkeit „bis 04.04.2021“. [2] Das Dokument trägt den Vermerk, es werde zurzeit überarbeitet. [1] Neuere Studien sind nicht berücksichtigt. Wir aktualisieren den Beitrag, sobald eine Neufassung vorliegt.
Im ersten Lebensjahr
Die Mehrzahl der Studien legt nach der Leitlinie nahe, dass sich betroffene Kinder im ersten Lebensjahr in ihrem Verhalten noch wenig von anderen unterscheiden und markante Besonderheiten vor allem im zweiten Lebensjahr in der sozialen Kommunikation sichtbar werden. [1, Kap. B.2.5.1] Einzelne, nicht wiederholte Auffälligkeiten wurden beschrieben, etwa weniger Brabbeln mit Silbenwiederholung im Alter von 9 bis 12 Monaten oder Rückschritte in der Kommunikation. [1, Kap. B.2.5.1] Die Leitlinie empfahl: Zeigen sich bei der Früherkennungsuntersuchung U6 (10. bis 12. Lebensmonat) Auffälligkeiten oder äußern Eltern Sorgen, sollte zwischen dem 16. und 18. Lebensmonat erneut untersucht werden. [1, Empf. 8]
Zwischen 12 und 18 Monaten
Die Leitlinie empfahl, die Möglichkeit einer Autismus-Spektrum-Störung zu erwägen und mit einem passenden Screening-Verfahren zu prüfen, wenn Eltern berichten oder bei der Untersuchung zu beobachten ist: [1, Empf. 9]
- fehlendes oder verringertes Verfolgen der Blickrichtung einer anderen Person,
- mangelnder oder fehlender Blickkontakt,
- seltenes oder fehlendes Zeigen mit dem Finger, um jemanden auf etwas aufmerksam zu machen,
- abgeschwächte oder fehlende Reaktion auf das Rufen mit dem eigenen Namen,
- Rückschritt oder Verlust bereits erworbener Fähigkeiten in Sprache oder sozialer Interaktion,
- zunehmende Sorgen der Eltern über die Entwicklung.
Erhärtet sich der Verdacht, sollte das Kind umgehend an eine auf Autismus spezialisierte Stelle überwiesen werden. [1, Empf. 9]
Zwischen 18 und 24 Monaten und danach
Bei Auffälligkeiten beim Verfolgen der Blickrichtung oder beim „Als-ob“-Spiel sollte der Verdacht mit einem Screening-Verfahren überprüft werden (bei der Früherkennungsuntersuchung U7 zu beobachten). Zusätzlich kann man an eine Abklärung denken bei: wenig Blickkontakt, fehlendem „Bringen, um zu zeigen“, wenig Zeigen, schwacher Reaktion auf den Namen, fehlender mimischer Reaktion auf Schmerzäußerungen anderer, Rückschritten und Sorgen der Eltern. [1, Empf. 10] Ab dem Alter von 24 Monaten nannte die Leitlinie unter anderem mangelnden Blickkontakt, fehlendes Bringen, wenig „Als-ob“-Spiel, kein Zeigen und Rückschritte (bei den Untersuchungen U7 bis U9). [1, Empf. 11]
Für das Asperger-Syndrom (Begriff der damaligen ICD-10; heute fällt es unter die Autismus-Spektrum-Störung) fehlten prospektive Studien. Rückblickend gaben etwa die Hälfte der Eltern an, sich schon vor dem dritten Geburtstag Sorgen gemacht zu haben; genannt wurden unter anderem wenig oder ungewöhnlicher Kontakt, Veränderungsängste, sensorische Auffälligkeiten, eingeschränktes Fantasiespiel und wenig Angebote, etwas zu teilen. Diese Merkmale waren weniger spezifisch. [1, Kap. B.2.6]
Wichtig zu wissen: Grenzen dieser Hinweise
- Gute Blickkontakte und Lächeln schließen Autismus nicht aus. Die Leitlinie führte als starke Empfehlung der britischen Quellleitlinie an, Autismus nicht auszuschließen, nur weil ein guter Blickkontakt, Lächeln und affektive Reaktionen gegenüber Familienmitgliedern beobachtet werden. [1, Kap. B.2.2]
- Nicht alle Kinder fallen früh auf. Etwa 20 bis 25 % der Kinder, bei denen später Autismus festgestellt wurde, zeigten zunächst im Alter von 6 bis 24 Monaten keine Auffälligkeiten in sozialer Interaktion und Kommunikation. [1, Kap. B.2.1]
- Auffälligkeiten sind nicht immer Autismus. Einige Geschwisterkinder von Kindern mit Autismus zeigten mit 12 Monaten Auffälligkeiten, hatten aber mit 3 Jahren keine Autismus-Diagnose. Mehrere der genannten Merkmale gab es auch bei Kindern mit anderen Entwicklungsverzögerungen. [1, Kap. B.2.1, B.2.5.3]
- Die Studienlage war schwach: Die britische Leitlinie bewertete die Qualität der Studien als „sehr niedrig“; die Leitlinie bezog Untersuchungen mit kleinen Fallzahlen ein. [1, Kap. B.2.2, B.2.5]
- Kein Marker: Verlässliche biologische Marker (zum Beispiel Kopfumfang) gibt es nicht. [1, Kap. B.2.4]
Was Eltern tun können
- Sorgen ernst nehmen und ansprechen, zum Beispiel bei der Kinderärztin oder dem Kinderarzt oder bei einer Früherkennungsuntersuchung. Elterliche Sorgen sollen nach der Leitlinie ernst genommen werden. [1, Kap. B.2.2]
- Beobachtungen aufschreiben (Praxistipp der Redaktion, nicht aus der Leitlinie), zum Beispiel was, wann und in welcher Situation.
- Weitere Schritte klären lassen: ein Screening, dann gegebenenfalls eine ausführliche Diagnostik an einer spezialisierten Stelle. Ablauf: Ablauf einer Autismusdiagnostik und Diagnostik bei Kindern: Wer, wo, wie?.
- Frühe Hilfen gibt es auch ohne Diagnose: Die Leitlinie nannte die „Frühen Hilfen“ (ab der Schwangerschaft und in den ersten drei Lebensjahren) als Möglichkeit, Auffälligkeiten zu erkennen. [1, Kap. B.2.6.1] Zur Förderung: Frühförderung bei Autismus.
Was du sonst noch wissen solltest
- Verhalten kann fehlgedeutet werden. Die Leitlinie wies darauf hin, dass Verhaltensauffälligkeiten bei Autismus nicht selten zunächst als ausgeprägter Trotz gedeutet werden. [1, Kap. B.2.6.1]
- Hinweise für ältere Kinder und Erwachsene: Dieser Beitrag behandelt nur die ersten Lebensjahre. Zu Erwachsenen: Diagnostik im Erwachsenenalter.
- Nicht dargestellt: Online-Checklisten oder Tests. Sie sind kein Ersatz für eine fachliche Abklärung; zu Screening-Verfahren: ADOS-2, ADI-R und Screening.
Häufige Fragen
Wie erkenne ich Autismus bei Kleinkindern? Die Leitlinie von 2016 nannte ab dem zweiten Lebensjahr Merkmale, die bei Kindern mit späterer Diagnose häufiger beobachtet wurden, zum Beispiel wenig Blickkontakt, seltenes Zeigen, abgeschwächte Reaktion auf den eigenen Namen und fehlendes „Als-ob“-Spiel. Das sind Hinweise, keine Diagnose. [1, Empf. 9–11]
Gibt es Anzeichen von Autismus schon bei Babys? Für das Säuglingsalter gibt es nach der Leitlinie keine empirisch abgesicherten Merkmale, mit denen sich Autismus später vorhersagen ließe. Zeigen sich bei der U6 Auffälligkeiten oder äußern Eltern Sorgen, sollte zwischen dem 16. und 18. Lebensmonat erneut untersucht werden. [1, Empf. 8]
Schließt guter Blickkontakt Autismus aus? Nein. Die Leitlinie führte an, Autismus nicht auszuschließen, nur weil ein guter Blickkontakt, Lächeln und Zuwendung gegenüber Familienmitgliedern beobachtet werden. [1, Kap. B.2.2]
Was kann ich tun, wenn ich mir Sorgen mache? Sprich die Kinderärztin oder den Kinderarzt an; elterliche Sorgen sollen ernst genommen werden. [1, Kap. B.2.2] Den weiteren Weg beschreiben Ablauf einer Autismusdiagnostik und Diagnostik bei Kindern: Wer, wo, wie?.
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Quellen und Literatur
- DGKJP, DGPPN et al. Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil 1: Diagnostik. S3-Leitlinie, AWMF-Reg.-Nr. 028-018, Textstand 23.02.2016 (Kap. B.2, Empf. 8–11). – Leitlinie (abgelaufen, laut Dokumentvermerk in Überarbeitung)
- DGKJP. Aktuelle Leitlinien (Eintrag 028-018: „Gültig bis 04.04.2021“). https://www.dgkjp.de/wissen/aktuelle-leitlinien/ – Fachgesellschaft
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